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Islamische Republik

Abschied vom zweiten Wegweiser

Millionen Menschen begleiten letzten Weg von Irans getötetem Oberhaupt Khamenei und dessen Familie. Feierlichkeiten dienen der Führung auch zur Demonstration von Einheit

Foto: Alkis Konstantinidis/REUTERS
Hitze, Trauer und der Wunsch nach Rache: Auch am Sonntag ist Teherans Zentrum bis auf den letzten Meter gefüllt

Im Iran finden seit Donnerstag die Abschiedsfeiern für den zweiten »Rahbar« nach der Islamischen Revolution von 1979, Ali Khamenei, statt. Er hatte das Amt am 4. Juni 1989 nach dem Tod seines Vorgängers Ruhollah Khomeini angetreten und war zu diesem Zeitpunkt seit Oktober 1981 Staatspräsident Irans.

Am Widerstand gegen das Schah-Regime hatte sich der junge Geistliche seit den frühen 1960er Jahren beteiligt. Seiner offiziellen Biographie zufolge wurde er zwischen 1963 und 1976 sechsmal vom Geheimdienst SAVAK, der eng mit der CIA der USA und dem israelischen Mossad kooperierte, verhaftet. Khamenei wurde am 28. Februar 2026, dem ersten Tag des gegenwärtigen Krieges, bei einem israelischen Luftangriff auf seine Residenz gezielt ermordet. Er war 86 Jahre alt.

Beim gleichen Angriff wurden auch eine Tochter, eine Enkelin, eine Schwiegertochter und ein Schwiegersohn Khameneis getötet. Einer seiner Söhne, der 56jährige Modschtaba, wurde bei dem Angriff angeblich schwer verletzt. Am 8. März wurde er vom Expertenrat, einem Gremium aus 88 islamischen Theologen und Geistlichen, zum dritten »Rahbar« bestimmt. Der Titel setzt sich aus den persischen Worten »Rah« (Weg, Straße) und dem Verb »bardan« (tragen, führen, bringen) zusammen. Übersetzungen wie »Wegweisender« treffen den Sinn deutlich besser als das historisch belastete Wort »Führer« und sogar das neutralere englische »Leader«.

Verfassungsrechtlich ist der »Rahbar« der mächtigste Mann der Islamischen Republik und steht weit über dem Staatspräsidenten. Er ist Oberbefehlshaber aller Streitkräfte, bestimmt die strategischen Richtlinien der Politik und ernennt die militärische Führung, die obersten Richter und Inhaber verschiedener anderer hochrangiger Positionen. Zugleich ist er auch höchste Autorität in religiösen und juristischen Fragen.

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Den Behauptungen westlicher Medien, Ali Khamenei habe von dieser Machtfülle diktatorischen Gebrauch gemacht, sollte man trotzdem nicht vertrauen. Ein Beispiel möge hier genügen: Der »Rahbar« hielt am 7. Februar 2025 eine Ansprache vor einer Versammlung von Kommandeuren und Stabsmitgliedern der Luftwaffe. Er ging dabei auf die zu dieser Zeit öffentlich geführte Diskussion über die Aufnahme von Verhandlungen mit der US-Regierung ein, die seit dem 20. Januar jenes Jahres zum zweiten Mal von Präsident Donald Trump geleitet wurde. Khamenei verwies auf das 2015 in Wien geschlossene, von Trump im Mai 2018 gebrochene Atomabkommen und schlussfolgerte: »Mit einer solchen Regierung zu verhandeln ist weder rational noch intelligent noch ehrenhaft.«

Als Anweisung wäre das absolut eindeutig gewesen. Als Ratschlag wurde Khameneis Urteil von der kompliziert zusammengesetzten und ausmoderierten Führung Irans offen missachtet. Am 12. April 2025 wurden Verhandlungen aufgenommen. Sie endeten am 13. Juni, als Israel ohne Anlass, aber mit Zustimmung Trumps einen zwölftägigen Angriffskrieg begann, an dem sich zuletzt auch die USA direkt beteiligten.

Die Geschichte findet ihre Fortsetzung darin, dass auch Khameneis Sohn und Nachfolger, der seit seiner Wahl nicht öffentlich in Erscheinung getreten ist und seine Stellungnahmen nur verlesen lässt, sich vom Inhalt der Rahmenvereinbarung mit den USA, dem Islamabad Memorandum, das am 17. Juni unterzeichnet wurde, distanziert. Von dieser Meinung zeigen sich die derzeit maßgeblichen Politiker – Präsident Massud Peseschkian, Chefunterhändler und Parlamentssprecher Mohammad Bagher Ghalibaf und Außenminister Abbas Araghtschi – nicht beeindruckt.

Die Massenveranstaltungen, die seit Sonnabend in Teheran stattfinden, werden von der Führung Irans nicht zuletzt dazu benutzt, die »Einheit des Landes« zu beschwören und alle Zweifel an ihrer Verhandlungslinie zu zerstreuen. Zahlenmäßig sind es höchstwahrscheinlich die größten Versammlungen in der bisherigen Menschheitsgeschichte. Allein in Teheran wird mit mindestens 15 Millionen Menschen gerechnet, landesweit werden bis zu Khameneis Beisetzung in seinem Geburtsort Maschhad am Donnerstag 35 Millionen Teilnehmer erwartet. Die logistischen Herausforderungen, der Transport, die Versorgung und Unterbringung so vieler Menschen aus dem ganzen Land und anderen Staaten der Region, sind riesig. Zum Vergleich: Die Zahl der Trauernden an der Prozession durch Teheran zu Khomeinis Beisetzung am 6. Juni 1989 wurde auf10,2 Millionen geschätzt. Die Teilnehmerzahl der Hadsch, des internationalen Pilgerfests in Mekka, ist nach mehreren Unfällen mit Hunderten Toten auf 1,7 Millionen Menschen begrenzt.

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Erschienen in der Ausgabe vom 06.07.2026, Seite 7, Ausland

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