Zum Inhalt der Seite

Rund gewaschene Kieselsteine

Ein Brief, den Zustand der deutschen Literatur betreffend

Foto: gemeinfrei
»Gebet und Klagen wechselten ab, und der Zustand wuchs um so schauerlicher, da nun oben auf den Felsen die Ziegenhirten, deren Feuer man schon längst gesehen hatte, hohl aufschrien, da unten strande das Schiff!« Johann Wolfgang von Goethe: »Italienische Reise« (»Goethe bei Capri, einen Schiffsaufstand beschwichtigend« von Hermann Junker)

Seit Sie unser Weimar so fluchtartig über Karlsbad und den Brenner verlassen haben, hat der liebe Gott nicht geruht. Eine Welt hat er von Menschenhand aufbauen, und von derselben wieder einreißen lassen. Nur literarisch ist nicht viel geschehen. Seit nunmehr 50 Jahren leben wir in einer Epoche, die nicht näher bezeichnet werden kann. Manche nennen sie modern, andere postmodern. Aber das sind rein äußerliche Kleider, und was drinnen steckt, kann noch keiner absehen.

Behelfsweise diese Epoche nachklassisch zu nennen, träfe den Nagel allerdings nicht auf den Kopf. Haben wir es doch mit einer gänzlich anderen Art des Producierens von Literatur zu tun. Heute gibt es einen so großen Überhang von frisch gedruckten Büchern zu vermelden, dass der geneigte Leser dem neuesten Geschmack nur hinterherhinken kann. Da sein Geschmack gleichzeitig der feinste Motor einer Epoche ist, kömmt es einem vor, als würde man tagtäglich mit großen Kanonen auf den Leser einschießen. Ein allgemeines Zurückweichen vor der Literatur bleibt nicht aus, das vor allem sich dadurch kennzeichnet, dass jeder wissen will, was einen Autor ausmacht. Die Unkundigsten fühlen sich noch zu einem Urtheile berufen.

Und was sie flüstern, ist abgeschmackt: Der Autor solle Erfolg beim Publicum haben, nichts anderes, nur so zeichne sich sein geistiges Vorreiterthum aus. Auf die Bücher selbst wird gar nicht mehr geblicket, sie sind nur unnötiger Tand, ein Vehikel für den großen Erfolg. Doch der Zweifel an der Aufrichtigkeit eines gedruckten Buches, einmal gesät, breitet sich über die ganze Epoche aus. Nichts zwischen zwei Buchdeckeln kann mehr auffallen oder glänzen. So befindet sich der Leser in einer seltsamen Geschmacksreserve. Auch er kann nichts mehr schätzen. Und seine fehlende Begeisterung wird dem Autor angelastet, der ein ätherisch schwaches Construct in diesen Tagen ist.

Sein Programm ist schnell umrissen. Gleich einem Automaten soll er Bücher hervorbringen, die Erfolg haben, und derart sämtliche Zweifel an der Epoche austreiben. Solcher Wunschpunsch ist nicht zu brauen, weshalb ich diese Epoche der deutschen Literatur auch die tragikomische Epoche nenne. Alles wird von der Production her gedacht, als hätte der liebe Gott seine Kindlein schon am ersten Menschheitstag in die Kleider für alle Ewigkeit gegossen. Einen ästhetischen Fortschritt gibt es recht eigentlich nicht, weil dem Leser ein Prüfstein für solchen Fortschritt fehlt.

Genug der unverhohlenen Klage, begeben wir uns in ein Bild. Ich wähle dasjenige eines schwankenden Schiffes, auf dem unsere Autoren beruhigt und beklemmt zugleich Platz genommen haben. Ganz so, wie Sie uns die Seefahrt von Sizilien nach Capri schildern, als Ihr Schiff fast gegen einen lockenden Fels geschellt wäre, nicht anders stellt sich uns das literarische Geschehen dar. Der Fels der Epoche ist nicht zu erkennen, trotzdem schaukelt das Schiff gehörig. Verleger und Drucker haben es sich im stillen Kämmerlein gemütlich gemacht, wohl wissend, dass ihr Schiff ruhig den Hafen erreichen wird. Jener Wissensvorsprung ist das Tragikomische an diesem ungleichen Handel.

Und weil es democratisch zugeht, darf der Leser das ungleiche Paar beim Übersetzen auch noch begleiten. Stellen Sie sich vor, er nähme auf dem Schiff neben den Autoren Platz. Er würde neugierig sein, zu erfahren, wie sich deren nervöse Befindlichkeit auf ihre Bücher auswirkt. Denn so anders kann es jenen nicht ergehen, wo sie doch im selben Schiff fahren. Das erklärt uns, weshalb die Psyche und die Motivation der Figuren die Hauptfelder der Betrachtung geworden sind. Beide in einem Atemzuge gibt es aber nur auf einem schwankenden Schiff. Ein jeder möchte eben wissen, ob er bange davonkömmt. Die Antwort erklingt wie ein Echo: Du schaffst es nur, wenn du nichts wagest.

Ein falsches Schielen auf das Publicum hat daher längst eingesetzt, man trifft sich über gut oder schlecht motivierten Figuren. Man glaubt, seinen Leser zu kennen. Dabei sieht man zuvörderst seinen eigenen schwankenden Glauben. Unter den Autoren sind nun solche die raffiniertesten, welche die schwankende Motivation der Figuren wiederum in eine motivische Frage verlegen. Das heißt übersetzt, man dichtet alles Mögliche vom möglichen Dichten, ohne zu dichten. Weshalb man mancherorts schon behauptet, es handele sich um die poetologische Epoche. Aber bleiben Sie nur weiter im Bild des schwankenden Schiffes, und Sie haben eigentlich den ganzen Widerspruch. Es ist eine Poetologie ohne die Rast zum Poetologisieren, ein Schwanken ohne festen Grund. Probieren steht hoch im Kurs, das Studieren überlässt man den Stubenhockern und Pharisäern. Dieser eilfertige Schein liegt über jeder geschriebenen Zeile.

Anzeige

Sie würden staunen, wie abgeschmackt sich so ein deutsches Autorenleben heute anlässt. Man jagt die armen Hirsche mit Preisen, die sie erringen müssen. Halböffentlich, an den schwankenden Kurs der Welt gekoppelt, schaffen sie Autoren nach ihrem Abbild. Das Bekannte und Bewährte bestätigt sich, und keiner hat Lust, tiefer zu schürfen. Eine Tradition ohne Tradition bildet sich heraus, die ihre nächsten Vorfahren nicht kennt, sondern leugnet. Um diese Pyrrhussiege ist ein gar heftiger Wettkampf entbrannt, so dass man mancherorts schon beobachtete, wie die Preisrichter sich verflüchtigten oder sonst wie ihrer lästigen Arbeit entledigten.

Dem Leser bleibt dieses Schauspiel nicht verborgen, zumal es seinen eigenen schwankenden Kurs im Bürgerleben aufs Genaueste reflektiert. Er stellt den armen Hirschen daher klugerweise auch kein Nachleben mehr in Aussicht. Jene strampeln sich Buch für Buch ab und bemühen sich redlich. Sie treten das Wasser breit, in dem sie nicht stehen können. Ein Quark aus Luft entsteht, moderner Stil genannt. Nur wenige indessen wagen den Sprung ins kühlende Meer der Urpoesie. Hier ist vor allem Grünbein zu nennen, der freilich gar tief in den Wellen taucht, und manch dionysische Grill ans Tageslicht befördert. Auch Hacks war in diesen Tiefen zu Hause, ohne sich durch wachsende Entfremdung vom Publicum seinen Kurs abspenstig machen zu lassen.

Die meisten Autoren halten sich im Sprühnebel bedeckt, weshalb die trockene Erkenntnis eines Brecht auf keine Vorliebe mehr trifft. Ja, das Schiff schwanket und schwanket, und keiner will es recht sehen. Was ein Autor aus sich macht, muss heute augenblicklich dem populären Geschmack verfügbar gemacht werden. So begaben sich Koeppen, Schmidt und Weiss rasch in den Vorwurf einer leserfeindlichen Haltung, weil sie die Welt nicht einfacher schilderten, als sie ist.

Wenn der Autor aber nicht mehr an Widersprüchen rühren darf, wer bestellt für ihn das tragische Feld? Müller erkannte das, fand aber nur Brocken von Pechstein, aus denen wir uns, so seine Meinung, neu aufbauen sollen. Es sind vor allem die Journale, die sich an diesem Narrenschiff ergötzen. Dichtung und Wahrheit sind ungeschieden, in dieser Nebelbank treibt unsere deutsche Literatur seit 50 Jahren vor sich hin. Das Populäre ist dem Verleger und dem Drucker ansonsten immer recht (wie uns Ihr »Vorspiel auf dem Theater« schon eindrücklich lehrte). Warum auch nicht? Im stillen Kämmerlein lebt sich’s wohl. Den Unterdruck der Ansprüche spüren die Autoren nur, wenn sie in alte Zeiten blicken. Draußen streben derweil aus den Fluten neue mediokre Geister hoch und strecken ihre Hände nach dem rettenden Schiff aus. »Ein Schiff in der Nebelbank soll retten? Aber wie?«, werden Sie fragen. Es ist diese Epoche von einer allgemeinen Sucht zum Höherstehen gekennzeichnet, man nennt sie auch feinsinnig »Distinctionsbedürfnis«. Allein das Distinguierende ist so gleichgültig wie die Wahl der Jacke zum Sterben. Aus dem Parnass ist ein bloßes Takelwerk zum Höherstehen geworden. Oben am Segelstoff klammert die am meisten verkaufte Production. Man nennt diese Bestseller, wobei ihre Stellung nicht im Wind, sondern an der Höhe auf dem Maste gemessen wird.

Eben darum wissen die Leser nicht, ob das Schiff überhaupt noch fährt. Es macht immer mächtig Wind, doch kann es eben auch gar nicht abgetakelt werden. Der Kompass folgt dem Wind, nicht umgekehrt. Nur einmal muss doch ein Fels in Sicht geraten, und dann nehme man sich ein Beispiel an der Engelsgeduld, mit der Sie Ihr Schicksal vor Capri erwarteten. Das Hauen und Stechen wäre aber bei uns groß. Im Beiboote kann nicht jeder sitzen. Und wen der Leser auf seine Reise mitnehmen will, weiß er selbst nicht mehr. Da er vom Autor keine Stärkung erwartet, wird er ein schönes Weib vermutlich immer vorziehen. So betrachtet ist die moderne Ästhetik, auf hoher See entworfen, nur für den Hausgebrauch bestimmt.

Wenig falscher Tand wird immerhin producieret, die Schnörkel Ihrer Jugendepoche sind gerade gelegt. Es geht immer direct auf den Kunstsinn des Lesers, sofern seine Motivation folgen kann. Hier haben Sie das eigentliche Siegel unserer Epoche. Was der Leser nicht kennt, macht ihn fürchten. Die Erziehung zur schönen Literatur ist als tändelnde Romantik und verlorene Zeit verbrämt. Es geht wie auf dem Kavaliersball zu. Eine Braut wird den ganzen Abend lang angelacht, und dann will man sie auch nach Hause führen. So eng schnüren uns die individuellen Bedürfnisse ein, dass wir den Mangel des Genusses immer in den Büchern, aber nie bei uns selbst suchen.

In der Ecke sitzt eine stille Dame, die lässt sich das Ballgeschehen sauer werden. Es ist die Muse, von der heutigen Production fast gänzlich verschmähet. Niemand will ein tastender Liebhaber sein, niemand betreibt sein Geschäft im stillen Kämmerlein. So verlässt sie den Saal und beginnt wie Ophelia, nah am Wasser zu tanzen. Ihre Lieblingsrede ist, wie einst schon, das Gedicht. Doch hat sie uns so viel zu sagen, und das in so kurzer Zeit, dass man fast von einer Verstopfung sprechen müsste. Die Lyrik nach Huchel kennt daher die Verkomplicierung als Mittel der Wahl, und keiner kann dieser Rede mehr folgen. Das Publicum hat sich indessen auf diese Convention verständigt. Ein Gedicht ist heute eine Verstopfung, der Roman ist das Abführmittel, und das Theaterstück ist ein blankes Nichts, das der Beklemmungszunahme gilt. So merkwürdig geriert sich die Epoche, dass uns die herkömmlichste Hausapotheke als ein gültiges Bild dienen kann.

Gänzlich fatal ist die Situation bei unserem literarischen Nachwuchs. Zarte Triebe werden rasch hochgezüchtet, freie Ableger umgetopft. Es ist das reinste Gärtnerwesen, das betrieben wird. Der Bock ist zum Gärtner geworden und bescheißt die Natur mit sich selbst. Anstatt den Nachwuchs, wie jede Mutter, irgendwann zu entlassen, hält man ihn sich ewiglich als ein Blumenkind. So ergrauen manche, bevor sie sich beweisen durften. Producieren können sie früh, aber nur nach dem Gesetze der curiosen Gärtnerei. Sie sorgen für das nötige Epigonentum, das mit ihrer Jugendfrische belebt wird. Sie gelten so als eine Nachzucht, die zum großen Teil für den Misthaufen bestimmt ist.

Wo solche Verschwendung herrscht, gilt eine eigene Öconomie. Jeder calculieret unter den jungen Autoren noch genauer den Effect, und es ist die weltanschauliche Unschuld, die sich in dieser Treibhausluft aufs Beste erhält. Was Ihnen in Rom die Arkadier waren, in deren Reihen Sie ruhmvoll aufgenommen wurden, die gute Tradition erhaltend, nennen wir heute in deutschen Landen »Workshops«. Hier muss der Nachwuchs durch wie das Kamel durchs Nadelöhr. Keiner kömmt ohne Schraffuren davon, das Empfinden der jungen Autoren ist dadurch a priori merklich gedämpft. Vor einigen Jahren wusste Kehlmann mit einem Roman beim Publicum zu glänzen, in dem er Wilhelm von Humboldt als eine Shakespearesche Figur zeichnete, und diesen gegen den Typus des Pharisäers antreten ließ. Nun soll er ewiglich solches schreiben, als hätte ihm der böse Geist von Hamlet sein Talent verkauft. Wo Sie am Weimarer Hof auf junge Männer setzten, gibt man unsere literarischen Anwärter nicht frei.

Man würde in einem solchen »Workshop« nun hören: Werther solle mit der Welt seinen Frieden machen, oder eine amtliche Zahl von Menschen in den Tod mitnehmen. Da haben Sie wieder das ganze Elend der heutigen Epoche. Alles muss sichtbar sein, alles muss zugespitzt sein. Unter einem solchen Drucke erschlafft die Fantasie als schwächstes Glied im menschlichen Haushalte, wird zu einem Schrumpforgan, und endlich abgestoßen. Das dunkle Ahnen in Werthers Busen, seine corrumpierte Weltharmonie, sie sind einer abgeschmackten Confection gewichen. Jeder der jungen Autoren träumt von einem Roman, allein niemand will ihn leben. Anstatt Felsen in der Brandung sind sie rund gewaschene Kieselsteine. Die deutschen Arkadier, sie treiben im nordischen Flussbett, und keiner weiß, wohin.

Jan Decker, Jahrgang 1977, lebt und arbeitet als Schriftsteller, ­Essayist und Literaturwissenschaftler in Wien. Zuletzt erschien von ihm an dieser Stelle in der Ausgabe vom 22./23. November 2025 die Erzählung »Japanisches Wochenbuch«.

Zum Autor: Jan Decker

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 15.08.2026, Seite 6, Wochenendbeilage

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!

+++ No War On Cuba! Protestwache vor der US-Botschaft in Berlin! +++ No War On Cuba! Protestwache vor der US-Botschaft in Berlin! - No War On Cuba! +++