• Wochenendgespräch

Aus: Ausgabe vom 10.11.2018, Seite 1 (Beilage) / Wochenendbeilage

»Auschwitz ist eine dunkle Wolke«

Ein Gespräch mit Walter Kaufmann. Er war Zeuge der Pogromnacht, Soldat in der australischen Armee und erfolgreicher Erzähler in der DDR

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In Freiheit. Erschöpfte jüdische Kinder aus Deutschland bei ihrer Ankunft in Harwich, England (1938)

Herr Kaufmann, Sie sind am 19. Januar 1924 in Berlin geboren, aber in Duisburg, am Kaiserberg, aufgewachsen.

Meine leibliche Mutter war 17, als sie mich zur Welt brachte, eine Verkäuferin beim Warenhaus Tietz, die aus Polen eingewandert war und im Berliner Scheunenviertel in der Mulackstraße lebte. Dorthin bin ich 1956 zurückgekehrt, um mich nach meiner Mutter umzusehen. Ich konnte sie aber nicht finden, erhielt widersprüchliche Auskünfte und fürchtete, dass auch sie den Weg nach Auschwitz gegangen ist. Ihre Spur ist verlorengegangen. Ich war drei, als ich adoptiert wurde.

Zur selben Zeit, 1956, sind Sie auch nach Duisburg zurückgekehrt …

Zurückgekehrt worden, sagen wir es mal so. Eduard Claudius, der damalige Vorsitzende des DDR-Schriftstellerverbands, sagte: »Wenn du im Ruhrgebiet aufgewachsen bist, dann gehörst du dorthin. Wir brauchen Leute wie dich. Versuch’s doch mal dort.« Folglich bin ich von Berlin nach Duisburg gefahren. Dort habe ich nach meinen Wurzeln, nach meiner Vergangenheit gesucht. Dabei bin auf so viele Hindernisse, auf Tragisches und Bösartiges gestoßen, dass ich nach wenigen Tagen den Entschluss gefasst hatte, entweder nach Australien zurückzukehren oder es in der DDR zu versuchen.

Welche Hindernisse, welche Bösartigkeiten waren das?

Ich bin in eine Stadt geraten, die ich ganz genau kannte – jede Ecke, jeden Winkel. Ich suchte nach ehemaligen Schulkameraden, ich besuchte unser Haus, das von Fremden bewohnt war, die das für ein Spottgeld von meinen Eltern vor ihrer »Reise« gekauft hatten und mich kaum in die Wohnung ließen. Es war ungeheuer schwer, überhaupt über die Schwelle meines Elternhauses zu treten. Anschließend ging ich zu dem Anwaltsbüro, in dem mein Vater seine Kanzlei hatte. Da saß ein anderer Anwalt. Das erste, was dieser Mann sagte, war: »Es war ja weniger eine politische Entscheidung, sondern eine Rassenentscheidung, dass Ihr Vater diese Kanzlei aufgeben musste.« Mein Vater war bereits in den frühesten Nazijahren als Notar entbunden worden. Für ihn ein ganz erheblicher Rückschlag. Nach kurzer Zeit war er dann nur noch Rechtskonsulent für Juden, das heißt, er konnte seinen Beruf kaum noch ausüben, das war 1936. Ich kann nicht begreifen, warum er das Land nicht sofort, nach den ersten Rückschlägen, verlassen hat. All dies möchte ich heute erzählt wissen als Statement über Dinge, die sich nie wiederholen dürfen; und wir sind nahe daran, vieles davon zu wiederholen. Ich sage nicht, dass uns die Nazizeit blüht, aber gewisse Aspekte der Vornazizeit zeichnen sich ab.

Wie haben Sie die damalige Zeit selbst erlebt?

Ich hatte zwei Kindheiten. Die eine in der Mulackstraße, an die ich mich noch erinnern kann, obwohl ich erst drei Jahre alt war, als ich von dort wegging. Gewisse Aspekte kann ich nicht mehr vergessen: ein kleines jüdisches Kind in Lumpen. Davon gibt es noch ein Foto. Wir Gören aus der Mulackstraße sitzen auf einer Mauer. Und eines dieser Gören, das damals Jizchak Schmeidler hieß, wurde adoptiert, kam in eine wunderschöne Gegend, ins Kaiserbergviertel in Duisburg. Dort verbrachte ich bei meinen Adoptiveltern eine schöne Kindheit. Sie waren vielleicht nicht innig mit mir, aber sehr gut gesinnt. Ich glaube, ich bin verwöhnt worden. Und dennoch habe ich gespürt, dass ich nicht ganz dazugehörte. Da war etwas Fremdes.

Sie wussten nicht, dass Sie adoptiert wurden?

Ich wusste nichts Genaues. Wollte es aber auch nicht wissen. Ich liebte meine Mutter und meinen Vater, wir hatten eine sehr schöne Beziehung. Bis die Nazizeit einbrach und mein Vater zu einem gebrochenen Menschen wurde. Sie wollten ihn, den ehemaligen Kriegssoldaten und ausgezeichneten Offizier, nicht haben. Von einer Kriegerdenkmalenthüllung kam er völlig gebrochen nach Hause. Sie hatten ihn wieder weggeschickt, das war für ihn der Anfang vom Ende. Ich hatte schon damals nicht begriffen, warum er uns nicht alle sofort ins Ausland geschickt hat und dann nachgekommen ist.

Aber Ihre Ausreise haben Ihre Eltern noch organisiert?

Mein Vater nicht mehr. Er befand sich zu der Zeit, als das arrangiert wurde, im Konzentrationslager in Dachau. Am Tag der Pogrome, am 9. November 1938, als ich in Düsseldorf die Synagoge brennen sah und Stunden später erlebte, wie die SS unser Haus verwüstete, ist mein Vater verhaftet worden. Zwei Gestapobeamte zwangen ihn in einen schwarzen Mercedes. Wir haben uns angesehen, stumm, dann fuhr er weg. Nach drei Wochen kam er wieder nach Hause, geschoren, in sich gekehrt. Er sprach nicht darüber, was ihm passiert war, aber man sah es ihm an. Da war schon organisiert, dass ich auf einen dieser Kindertransporte nach England gehen würde. Noch im November erhielt ich ein Visum. Darum musste ich mich selbst bemühen, ich war damals nicht ganz 15 Jahre alt. Ich fuhr nach Köln und sprach beim Konsulat vor. Ich wartete draußen in der Schlange, es goss in Strömen. Als ich an der Reihe war, war mein Pass völlig durchnässt. Ich weiß noch, wie ich zu dem Konsularbeamten sagte: »Sie werden mir kein Visum geben, mein Pass ist völlig durchnässt, Sie werden die Seiten nicht auseinander bekommen.« Er lächelte und sagte: »Das regeln wir, wir sind keine Nazis.« Er drückte den Stempel in den nassen Pass, und ich war froh, dass ich mein Visum hatte. Ich wusste nun, dass ich in nächster Zukunft nach England auswandern würde. Am Tag vor meinem 15. Geburtstag ging der Zug ab. Sie erinnern sich vielleicht, vor einigen Jahren fuhr der »Zug der Erinnerung« durch Deutschland.

Die Deutsche Bahn hatte die Initiative damals nach Kräften behindert …

Richtig. Sie wollte sehr viel Geld für die Gleis- und Bahnsteignutzung haben. Ich bin damals eigens nach Duisburg gefahren, weil mir die Erinnerung wichtig war. Auf Bahnsteig 13 sah ich den Zug stehen, den ich wiedererkannte mit seinen kleinen Abteilen. In einem dieser Abteile saßen wir Kinder im Januar 1939 zu sechst oder zu siebt. Insgesamt befanden sich im Zug 150 jüdische Kinder aus dem Ruhrgebiet. Neben mir saß ein Mädchen, das stumm vor sich hin blickte, bis wir endlich über die Grenze waren. Dann wurden wir alle gesprächig. Die Räder schienen zu summen: Duisburg, Krefeld, Venlo. An der niederländischen Grenze wurden wir noch einmal von Beamten kontrolliert, darunter ein SS-Mann. Der Zollbeamte sagte zum SS-Mann: »Abfahren, die Juden, allesamt«, schmiss uns die Pässe hin, und wir fuhren in die Freiheit. Ein Schiff brachte uns dann nach England.

Dort haben Sie nur eine kurze Zeit verbracht.

Das waren immerhin eineinhalb Jahre. Für einen jungen Menschen eine ziemlich lange Zeit. Ich war in einem Internat untergebracht, wo ich sehr glücklich war – eine deutsche Schule, die 1933 nach England umgesiedelt worden war, weil die Direktorin die Verhältnisse in Deutschland nicht mehr ertragen konnte. Wir waren sehr motiviert, wollten mehr sein als bloß Emigrantenkinder. Wir lernten Englisch mit einer ausgesprochenen Akribie. Ob ich aber das Abitur geschafft hätte, weiß ich nicht, denn in Mathematik war ich immer schlecht. Und so verspürte ich eine Spur von Erleichterung, als ich interniert wurde und darum meinem Mathelehrer, der es gut mit mir meinte, die Schmach ersparte.

Warum kam es zur Internierung?

Das war eine Entscheidung Churchills, die kein Mensch begriff. Sie besagte, dass alle aus Deutschland Kommenden über 16 Jahre, die in Küstennähe lebten, in Gewahrsam zu nehmen seien. Das war 1940. Wir landeten in einem Internierungslager in Liverpool. Und von dort bin ich mit 2.500 anderen auf ein Schiff geraten, das »Dunera« hieß – ein Schiff, das vielleicht auf 500 Mann ausgelegt war. Wir aber waren keine Passagiere, wir waren Frachtgut, zusammengepfercht unten im Bauch des Schiffes. Dort haben wir zwei Monate im Halbdunkeln überstehen müssen, nachdem die englischen Soldaten, die uns alles genommen hatten, nach unserem Protest gegen die Bedingungen an Bord die Luken dicht gemacht hatten. Am Anfang der Reise, wir wussten nicht, wohin es gehen würde, fürchteten wir um unser Leben, weil die »Dunera« in der Irischen See von einem deutschen U-Boot angegriffen wurde, das zwei Torpedos auf das Schiff abfeuerte. Wir glaubten, es geht unter. Was uns rettete, das wussten wir damals freilich nicht, war die Tatsache, dass die beiden Torpedos durch Sabotage unschädlich gemacht worden waren. Die Kreiselkompasse funktionierten nicht. Die Torpedos explodierten unterm Schiff, nicht an ihm. Schließlich kamen wir Anfang September 1940 in Sydney an, kaum wissend, dass dies Sydney sei. Alles, was ich noch besaß, waren eine Hose, gehalten von einem Strick, ein kragenloses Hemd, ein Schal meiner Mutter und Sandalen, die mir ein deutscher Matrose aus alten Reifen geschnitten hatte. So erreichte ich mit 16 Jahren Australien, wo ich 15 Jahre blieb.

In Australien haben Sie angefangen zu schreiben. Wie sind Sie zum Erzähler geworden?

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Ich war 18 und bei der Armee. Als wir aus der Internierung entlassen wurden, standen wir vor der Wahl zwischen der Arbeit auf einer Obstplantage und dem Eintritt in die australische Armee, in eine Art Fremdenlegion, ein Arbeitsbataillon, das für die 2.500 Internierten gegründet worden war. Etwa die Hälfte entschied sich für die Armee. Wir wurden Arbeitssoldaten und sind alle heil aus dem Krieg gekommen. An allen Häfen Australiens wurden wir eingesetzt, haben Schiffe ausgeladen und an allen Eisenbahnknotenpunkten Züge mit Kriegsgut umgeladen. Nach vier Jahren wurde ich entlassen, war Education Officer geworden und hätte mit der australischen Armee als Übersetzer nach Deutschland gehen sollen, was ich nicht getan habe, aber bis heute bereue. Ich hatte persönliche Gründe. Und in dieser Zeit bin ich Schriftsteller geworden. Ich hatte eine Geschichte mit dem Titel »The Simple Things« geschrieben. Darin geht es um eine Freundschaft mit einem deutschen Jungen in Duisburg, die an der Nazizeit zerbricht und mit den Pogromen des 9. November endet. Diese Geschichte gewann einen großen Preis und machte mich zu einem gewissen Grad bekannt. Anschließend schrieb ich Kurzgeschichten, eine nach der anderen. Ich schrieb diese Geschichten aus verschiedenen Arbeitsbereichen heraus, die meine literarische Erfahrung bereichert haben. Sie werden nicht glauben, welche Jobs ich alles hatte, als ich aus der Armee kam. Ich habe Wäsche ausgefahren, war Straßenfotograf, habe am Hafen gearbeitet und bin dann schließlich zwei Jahre lang zur See gefahren. Ich suchte das Abenteuer.

Also ein »schreibender Arbeiter«?

Wenn Sie so wollen, habe ich vorweggenommen, was die DDR dann später organisiert hat.

Sie haben den »Bitterfelder Weg« demnach als positiv bewertet?

Ich habe diesen Weg ebenfalls eingeschlagen. Auch von der DDR aus bin ich zwei Jahre zur See gefahren, was kaum einer weiß. Auf vier verschiedenen Schiffen habe ich angeheuert. Die »Karl-Marx-Stadt« fuhr nach Kuba. Dort lagen wir fest, aufgrund einer Seeblockade der Amerikaner. Das war 1961, nach der Invasion in der Schweinebucht. Der Kapitän stellte mich frei, und ich bin mehrere Wochen durch Kuba getrampt. Mit der »Freundschaft« wiederum lagen wir wochenlang in den Häfen von Rio de Janeiro und Montevideo, weil das Schiff Trampfahrten machte, also keinen klaren Fahrplan hatte, sondern Cargo suchte, wo immer es sich gerade befand. Für die Crew fast unerträglich lang, weil sie endlich nach Hause wollte, für mich hingegen ein Abenteuer sondergleichen. In all diesen Ländern fand ich Storys, die in meine Bücher eingegangen sind.

War es damals eine bewusste Entscheidung, in die DDR zu gehen?

Absolut. Von Anfang an wollte ich, wenn überhaupt in Europa, in der DDR sein. Entweder Australien oder die DDR. Die Entscheidung war eine politische. Als ich 1956 enttäuscht aus Duisburg nach Berlin zurückkehrte, fand dort ein Schriftstellerkongress statt, auf dem auch ich sprach. Dort machte ich einschneidende Begegnungen mit Anna Seghers, Willi Bredel und Stephan Hermlin, die mich in meinem Entschluss zu bleiben bestärkten.

Sie waren dann auch kulturpolitisch aktiv, waren im Schriftstellerverband, im PEN-Zentrum der DDR und dort ab 1985 Generalsekretär.

Ich bin vermutlich aufgrund meiner Auslandserfahrungen zum Vorsitzenden gewählt worden. Das war zwar eine interessante und vielseitige Aufgabe, hat mich aber etliche Jahre vom Schreiben abgehalten. Die Hauptaufgabe war, bedrängten Schriftstellern in aller Welt – Writers in prison – zur Seite zu stehen.

Gab es Streit im PEN?

Streit? Nein, das würde ich nicht sagen. Meinungsverschiedenheiten schon. Es gab heftige Debatten in den monatlichen Sitzungen. Jeder sprach dort viel offener als je im Schriftstellerverband. Alle sagten klar und deutlich ihre Meinung – zu allem. Ich fühlte mich im PEN sehr zu Hause. Bis zum Ende der DDR.

Wie haben Sie das Jahr 1989 erlebt?

Das einschneidende politische Erlebnis war die Demonstration am 4. November am Alexanderplatz. Wir wussten alle, es kommt eine neue Zeit. Wie sie sich gestalten würde, ahnten wir nicht, ich hoffte auf etwas ganz anderes. Ich hoffte auf eine Autonomie der DDR, auf ein Zweistaatengebilde, zumindest für eine bestimmte Phase. Diese Plötzlichkeit, diese Radikalität hatte ich nicht erwartet. Das war für mich ein Verlust von Heimat. Ich fühlte mich in dieser abrupt neuen Zeit fehl am Platz. Vieles vollzog sich, ich möchte fast sagen, viel zu gewalttätig, wenn Sie etwa an die Treuhand denken, an die Vernichtung von Betrieben und Arbeitsplätzen. Auch für die Autoren war das eine schlimme Zeit. Ihre Bücher landeten auf Halden, der Schriftstellerverband der DDR war so gut wie aufgelöst, viele Verlage gab es nicht mehr. Ich habe nach der »Wende« einen ganz neuen Anfang finden müssen. Ich habe es zwar geschafft, habe neue Verlage gefunden und neue Bücher gemacht, die aber längst nicht so hohe Auflagen erreichten wie zuvor. Es war für einen Schriftsteller in der DDR ein reicheres Leben, in dem Sinne, dass wir das Gefühl hatten, gebraucht zu werden, das ist längst nicht mehr der Fall. Die Bücher, die nach 1989 von mir erschienen, blieben relativ unbemerkt. Ich bin in der Nachwendezeit ein stiller Schriftsteller geworden. Ich will aber nicht jammern. Das Rad lässt sich nicht zurückdrehen. Aber damals ist die Chance vertan worden, die guten Seiten der DDR, derer es sehr viele gab, hinüberzuretten.

Statt dessen heißt es allenthalben: DDR, das war eine schlimme Diktatur.

Sie werden verstehen, dass ich das so nicht erlebt habe. Es wird viel zuviel über die Stasi, aber im Grunde gar nicht über die Errungenschaften der DDR gesprochen. Ich kann Ihnen nur sagen: Man konnte der Stasi widerstehen, ohne dabei Schaden zu nehmen. Die sind auch an mich herangetreten, und ich habe wie selbstverständlich das Angebot zur Kooperation ablehnen können. Das wurde auch akzeptiert, und ich glaube nicht einmal, dass dadurch ein Knick in meiner Karriere entstanden ist. Für viele war die DDR sicherlich eine bittere Erfahrung, persönlich aber habe ich das nicht erlebt, und in meinem Umfeld kenne ich auch kaum einen. Mir wurden Möglichkeiten gegeben, die ich im Westen hätte erkämpfen müssen. Ich konnte mich nicht beklagen. Ja, ich empfand es als schlimm, dass Leute ihr Leben riskierten, um dorthin zu gehen, wohin sie wollten. Für mich galt das Prinzip: Man kann ein Land nur lieben, das man auch verlassen darf. Und ich konnte mich bewegen, wohin ich wollte.

Sie haben zu Beginn des Gesprächs angedeutet, dass Sie heute gewisse Parallelen zum Aufstieg der Nazis vor 1933 erkennen.

Alles, was ich Ihnen erzähle, erzähle ich aus dem einfachen Grund, dass ich Leute daran erinnern möchte: Wehret den Anfängen! Und diese Anfänge zeichnen sich wieder ab. Daran habe ich keinen Zweifel. Es ist erschreckend zu erleben, wie die Rechten durch die Lande marschieren und Parolen grölen, die auch die Nazis gebrüllt haben. Viele unter den Pegida-Leuten erinnern mich an die SA zu Beginn der 1930er Jahre. Diese Erinnerung habe ich, und sie ist unauslöschlich. Mir scheint aber, es gibt eine Strömung im Land, die die Kraft hat zu verhindern, dass es je wieder so kommt, wie es mal war. In dieser krassen Form wird sich die damalige Zeit nicht wiederholen. Auschwitz ist eine dunkle Wolke über diesem Land, die nicht vergessen wird. Die ist immer da.

Das Gespräch führten Daniel Bratanovic und Ronald Weber

Walter Kaufmann schreibt seit einem dreiviertel Jahrhundert Romane, Erzählungen und ­Reportagen in englischer und deutscher Sprache.

Zuletzt erschien von Walter Kaufmann der Erzählband: »Die meine Wege kreuzten. Begegnungen aus neun Jahrzehnten.« Quintus-Verlag, Berlin 2018, 168 Seiten, 18 Euro.

Im Januar 2019 erscheint von ihm beim Kölner Verlag Edition Memoria das Buch »Gibt es Dich noch – Enrico Spoon? Über Menschen und Orte weltweit«.


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