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Kapital erpresst Standort
Das Ziel ist Lohnkürzung: Kapitalverbände und ihnen gewogene Medien stellen massenhaft Stellenstreichungen in der Industrie in Aussicht
Schocknachrichten zum Wochenstart. »Die Industrie wandert ab – 100.000 Jobs in Gefahr«, titelte das Handelsblatt am Montag. »Vor allem bei den Automobilherstellern, im Maschinenbau und in der Bauindustrie« könnten noch innerhalb der kommenden sechs Monate mehr als 100.000 Stellen gestrichen werden, heißt es im Bericht, der sich auf eine Umfrage der Unternehmensberatung Horvath unter 1.000 Unternehmen bezieht. 60 Prozent der befragten Firmen, »hauptsächlich mittelständische (…) mit einem Umsatz von mehr als 100 Millionen Euro«, planen demnach, Jobs zu streichen. Die Strategie der Betriebe bis 2030 lasse sich unter dem Motto »raus aus Deutschland« zusammenfassen. Hauptgrund für die Kürzungspläne laut Handelsblatt: »das teure Personal«.
Schon zum Wochenende hatte Volkswagen bekanntermaßen Stellenstreichungen in der selben Größenordnung angekündigt. Das Manager-Magazin, mit Informationen von »Insidern« versorgt, hatte zudem berichtet, dass die VW-Werke in Zwickau, Hannover und Emden sowie das Audi-Werk in Neckarsulm geschlossen werden sollten. Untergangsstimmung auch im Handelsblatt: Seit 2025 seien mehr als 127.000 Stellen in der Industrie weggefallen, seit 2019 sollen es insgesamt schon 341.500 Jobs gewesen sein. Die Strategie der Unternehmen bis 2030 zeige sich »zurückhaltend, wenn es um die Schaffung neuer Arbeitsplätze geht« und setze »verstärkt auf Automatisierung und den Einsatz künstlicher Intelligenz«.
Und Lohnkürzungen: Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung vergangene Woche berichtete, würde VW-Tochter Porsche die Herstellung des Luxus-SUV »Cayenne« mit allen drei möglichen Antriebsvarianten wieder im Werk in Leipzig produzieren. Nach nur wenigen Monaten würde sie vom topmodernen Werk in der slowakischen Hauptstadt Bratislava wieder nach Sachsen gehen, um dort die Auslastung »abzusichern«: »Voraussetzung ist allerdings, dass die Arbeitnehmerseite sich auf eine spürbare Absenkung der Löhne einlässt, weil die Entgelthöhen in der Slowakei deutlich unter dem Niveau der deutschen Porsche-Mitarbeiter liegen.«
»Wir sind preislich nicht mehr wettbewerbsfähig«, schloss sich der Hauptgeschäftsführer des Kapitalverbands der Metall- und Elektroindustrie, Oliver Zander, der Lohnkürzungskampagne am Montag an. Es brauche grundlegende Strukturreformen und »mehr Entlastung für die Wirtschaft«, ließ er seinen Verband mitteilen. Es sei für Unternehmen schlicht »nicht mehr attraktiv, am Standort Deutschland zu investieren«. Die Klagelaute flankiert der Boss der Bosse mit einer Drohkulisse: 320.000 Stellenstreichungen habe es seit 2019 in der Metall- und Elektroindustrie gegeben. In der Branche arbeiteten dem Verband zufolge im April schon 100.000 Menschen weniger als noch vor einem Jahr.
Am Montag machte dann ein Bericht des Springer-Boulevards die Runde, wonach die Zusammenarbeit von VW mit dem Technik- und Zulieferkonzern Bosch für autonomes Fahren beendet werde. Nach Investitionen von 1,5 Milliarden Euro erweise sich die Technik als nicht wettbewerbsfähig, hieß es. Es ist als das Eingeständnis des größten deutschen Autoherstellers zu lesen, dass man endgültig den Anschluss an die internationale Konkurrenz verloren hat. Die Arbeiter im Konzern sind dafür allerdings nicht verantwortlich.
Unternehmen ächzen unter ihrer Last, das soll der deutschen Bevölkerung offenbar ins Hirn. »Die Personalkosten belasten uns in Deutschland mehr noch als die gestiegenen Energiepreise«, zitierte das Handelsblatt den Chef des Chemieriesen BASF, Markus Kamieth. Flankiert wird die Aussage im Text mit einer Studie des kapitalnahen Instituts der deutschen Wirtschaft, das der Bundesrepublik 22 Prozent höhere »Arbeitskosten« bescheinigt, und noch höhere, »unter anderem durch steigende Sozialabgaben«. Im regierungsseitigen Tenor von Sozialkürzung und Aufrüstung sehen Konzerne und Kapitalverbände offenbar einen günstigen Zeitpunkt zum Angriff auf die Löhne.
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