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Zeitgeschichte

Mehr als zwei Jahre klüger

Auch eine Bildungsgeschichte: Konrad Wolfs »Kriegstagebuch und Briefe 1942–1945«

Foto: ITAR-TASS/imago
Der blutige Weg zur Befreiung: Rotarmisten im Häuserkampf (Charkow, 23.8.1943)

Hätte jemand dieses Tagebuch aus dem Zweiten Weltkrieg auch gedruckt, wäre nicht Konrad Wolf, der später in der DDR als Regisseur wichtige Filme drehte, der Verfasser? Wahrscheinlich nicht, aber das wäre schade gewesen. Anfang des Jahres sind in der Edition Ost seine simpel betitelten »Kriegstagebuch und Briefe 1942–1945« in einer neuen, erweiterten Edition erschienen, erstmals publiziert worden waren sie 2015.

Es stimmt: Der Stil ist meist einfach gehalten, manche Notate sind erkennbar eilig oder in einem Zustand großer Müdigkeit entstanden. Aber gerade diese Nähe zu den Ereignissen macht ihren Wert aus. Dazu kommt, dass Wolf den Krieg aus einer ungewöhnlichen Perspektive erlebt hat. 1933 war er als Achtjähriger aus Deutschland in die Sowjetunion gekommen, weil sein Vater, der kommunistische Schriftsteller Friedrich Wolf, vor den Nazis hatte flüchten müssen. Ende 1942 wurde Konrad Wolf, der mittlerweile die sowjetische Staatsbürgerschaft besaß, eingezogen und einer Politabteilung der 47. Armee zugeteilt. Dies bedeutete, dass ihm Grundausbildung und später meist Kampfeinsätze erspart blieben. Die Rote Armee nutzte seine Deutschkenntnisse. In den folgenden zwei Jahren übersetzte er Texte, verhörte Gefangene und Überläufer, gab anderen sowjetischen Offizieren Sprachunterricht und hörte nachts ausländische Radiosender, um die Politoffiziere auf dem aktuellen Stand der Ereignisse zu halten.

Er kam also vergleichsweise selten in unmittelbare Gefahr. Seinen Bitten, mit dem Lautsprecherwagen an die Front fahren zu dürfen und dort die deutschen Soldaten direkt zu beeinflussen, wurde nur selten stattgegeben. Wolf verfügte über einen privilegierten Zugang zu Informationen. Zugleich war seine Position im sowjetischen Kollektiv von Widersprüchen gekennzeichnet. Er war der Jüngste und trotz schneller Beförderung – bereits nach wenigen Monaten zum Unterleutnant – Rangniedrigste, aber sprachlich eine Autorität. Mit seiner deutschen Herkunft hatte er eine Sonderrolle. Dabei blickte er noch strenger als die anderen Offiziere auf die ideologische und moralische Verwahrlosung, die er bei fast allen verhörten deutschen Kriegsgefangenen feststellen musste.

Der Weg der 47. Armee führte seit Anfang 1943 von der Schwarzmeerküste über den Donbass, knapp an Kiew und Warschau vorbei bis zur Schlussoffensive 1945. Am 18. April brechen die Aufzeichnungen mitten im Satz ab. Erst 1966 trug Wolf den Rest nach, bis zur Befreiung Berlins. Dies gehört zu den Vorarbeiten zu dem autobiographisch geprägten Film »Ich war neunzehn«, und tatsächlich liest sich diese Ergänzung wie ein Exposé zum Film.

Foto: jW-Archiv Scan 7 Kopie.jpg
Konrad Wolf als junger Soldat
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Der Weg durch die Ukraine und durch Polen lässt an heutige Konflikte denken, von denen Wolf noch nichts wissen konnte. Dass Ortsnamen auftauchen, die sich nun wieder in Frontberichten finden, ist nur ein äußerlicher Aspekt. Interessanter ist, wie die Offiziere bei Einquartierungen von der Bevölkerung aufgenommen werden: herzlich und, nach den Bedingungen der Zeit, großzügig bewirtet auf russischem und auch noch auf ukrainischem Gebiet, aber schon nicht mehr von Polen. Mit Banden der OUN, die beim heutigen Regime in Kiew wieder hoch im Kurs stehen, bekamen es die sowjetischen Befreier bereits 1944 zu tun. Wolf schildert im Detail die außergewöhnliche Grausamkeit, mit der die ukrainischen Nationalisten vorgingen und die ihn auch nach immerhin anderthalb Jahren Krieg erschreckte.

Zudem liefert er Einzelheiten, die für den späteren Streit wichtig sind, ob die Sowjetunion im August 1944 den Warschauer Aufstand gezielt scheitern ließ. Wolf schildert anschaulich, wie im Verlauf der zuvor rasch vorrückenden Offensive die Logistik nicht nachkam, die Angriffsspitzen nicht versorgt werden konnten und Einheiten auseinandergerissen wurden. Als die polnische Heimatarmee ohne Absprache den Aufstand begann, hatte die Offensive ihren Kulminationspunkt bereits überschritten.

Dass etwas nicht planmäßig verläuft, ist im Krieg der Normalfall. Wolf beschreibt die Mühen seiner Abteilung, zusammenzubleiben oder sich wenigstens wiederzufinden. Ausrüstung ist Glückssache oder eine Frage von Beziehungen. Nach sechs Monaten hat Wolf immer noch keine Militärstiefel erhalten und wird, als er dringend nachfragt, bei der Ausgabestelle angeblafft, andere Leute würden schon zehn Jahre warten. Lästig ist die Bürokratie, kleinliche Intrigen sind ebenso an der Tagesordnung wie Privilegienwirtschaft und Prahlereien.

Das Militär im Krieg muss hierarchisch sein, zugleich führen Hierarchien zu Machtmissbrauch. Der siebzehnjährige Idealist von 1943, der gegen die Nazis kämpfen will, muss Enttäuschungen verarbeiten. Er trifft aber auch wunderbare Kameraden, die Freunde und Vorbilder werden. Der Neunzehnjährige, der an der Befreiung Berlins mitwirkt, ist um mehr als zwei normale Jugendjahre klüger geworden. Das Tagebuch bringt neben der Kriegs- auch eine Bildungsgeschichte, wobei der Verfasser den Stand seiner Entwicklung immer wieder reflektiert. Dies schließt das Ende einer Liebesbeziehung in der Moskauer Heimat ein, die schriftlich abgewickelt wird. Was Jugendliche in normalen Zeiten im nahen Miteinander erproben können, ist für den Polit­offizier nur per Brief möglich – mit allen Missverständnissen und kriegsbedingten Verzögerungen bei der Zustellung, die dies mit sich bringt. Aus all dem ergeben sich ein ungewöhnlicher Entwicklungsgang und wichtige Einblicke in den Kriegsalltag. Ein Vorwort von Paul Werner Wagner, ausführliche Anmerkungen und vier Briefe Wolfs ergänzen den Band.

→ Konrad Wolf: Kriegstagebuch und Briefe 1942–1945. Hrsg. von Paul Werner Wagner. Edition Ost, Berlin 2026, 448 Seiten, 28 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 26.06.2026, Seite 11, Feuilleton

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