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Klassik

Melancholie und Schrecken

Neueinspielungen von Kammersinfonien Mieczysław Weinbergs

Foto: Jost G. Thorau/Bayrische Kammerphilharmonie
Experten des Ausdrucks: Bayerische Kammerphilharmonie

In Mieczysław Weinbergs eher sprödem Spätwerk nehmen seine unmittelbar zugänglichen Kammersinfonien eine Sonderstellung ein. Der Grund ist einfach: Es handelt sich um Bearbeitungen sehr viel früher entstandener Streichquartette. Das im Winter 1939/40 komponierte 2. Quartett, Grundlage der 1. Kammersinfonie von 1986, klingt stellenweise heiter und lässt kaum vermuten, was Weinberg unmittelbar zuvor hatte erleben müssen: Als Jude war er vor den Nazis aus Warschau geflohen und hatte es mit knapper Not in die Sowjetunion geschafft, wo er am Minsker Konservatorium studierte. Das 3. Quartett von 1944 ist weitaus ernster: Die Verheerungen des Krieges waren inzwischen auch in der neuen Heimat Gegenwart, das Ausmaß des faschistischen Genozids an den Juden zeichnete sich ab. 1987 formte Weinberg daraus die 2. Kammersinfonie, für die er zusätzlich zum Streichorchester noch eine Pauke verlangt.

Der knappe und energische Schlusssatz von 1944 fiel weg. Ins Zentrum des nunmehr dreisätzigen Werks rückte ein neu komponierter Walzer, leise zu spielen, stockend, beinahe humpelnd. Derart beschädigte Tänze, oft mit einem Einschlag jüdischer Folklore, finden sich häufig bei Weinberg. Hier ist es, als würden sich Gespenster ein Stelldichein geben, manchmal sanft bedrohlich, selten mit einem freundlichen Anflug von Trost. Zum Ernstfall wird dann der langsame Satz, den Weinberg 1987 in die gewichtige Schlussposition verschiebt. Er beginnt mit einer Klage voller Pathos, und gegen Ende scheint die Musik zu zerfallen. Panische Aufschreie und schattenhafte Floskeln wechseln sich auf unvorhersehbare Weise ab, bis die Pauke mit einem lauten, brutalen Schlag dem Ganzen ein Ende bereitet.

Der Weg vom Streichquartett zum Streichorchester ist nicht unproblematisch. Eine einfache Vergrößerung des Apparats bedeutet, den solistischen Klang abzumildern. Darum sind solche Fassungen häufig unbefriedigend; das gilt auch für die »Kammersinfonien«, die Dritte aus Quartetten von Weinbergs engem Freund Dmitri Schostakowitsch gemacht haben. Anders liegt der Fall, wenn ein Komponist selbst seine Werke bearbeitet, denn er verfügt über alle Freiheiten der Veränderung. Weinberg gelang es, sich in die Logik der mehr als vierzig Jahre zurückliegenden Kompositionen hineinzudenken. Die Textur seiner damals neuen Werke zeigte eine ausgedünnte Stimmführung, unendlich in sich kreisende Melodien; doch wird die Vielstimmigkeit, in den Kopfsätzen der beiden Kammersinfonien auch das energisch Vorandrängende seines früheren Stils aufgehoben.

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Die Bayerische Kammerphilharmonie mit Gabriel Adorján setzt dies mit großer Ausdrucksintensität um. Hörbar werden – auch dank der ausgezeichneten Aufnahmetechnik – das Geflecht der Stimmen und die Vielfalt an Klangfarben, die Weinberg dem Streichorchester abgewinnt. Bei zuweilen straffen Tempi wirkt nichts übereilt, das konflikthafte Ineinander von emotionaler Steigerung und zerbröckelndem musikalischem Verlauf wird überzeugend herausgearbeitet.

Mehr als eine bloße Zugabe ist das Concertino für Violine und Streichorchester aus dem Jahr 1948. Es handelt sich wirklich um ein »kleines« Konzert, nicht nur hinsichtlich der Spieldauer. Gewichtige Steigerungen fehlen, Lied und Tanz sind als Muster ganz unmittelbar auszumachen. Mit Ausnahme ganz weniger Passagen prägt eine zurückgenommene Melancholie das Werk. Es ist, als gebe es einen Schrecken, der nicht ausgesprochen werden kann; nur in der Solokadenz bricht diese Oberfläche für einen Moment auf. Es ist erfreulich, dass Weinbergs Kompositionen allmählich ins Repertoire eingehen, und diese CD wird dazu einen Beitrag leisten.

→Mieczysław Weinberg: »Kammersinfonien 1 und 2« – Concertino für Violine und Streichorchester, Bayerische Kammerphilharmonie, Solist und Leitung: Gabriel Adorján (CAvi)

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Erschienen in der Ausgabe vom 19.06.2026, Seite 11, Feuilleton

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