Zweierlei Revolution
Die Berliner Philharmoniker unter Gustavo Dudamel mit Kompositionen von Gabriela Ortiz und Ludwig van Beethoven
Im Jahr 2019 fand in Mexiko-Stadt die feministische »revolución diamantina« statt – so benannt, weil der Polizeipräsident von Demonstrantinnen mit rosa Glitzerstaub beworfen wurde, nachdem vier seiner Untergebenen eine junge Frau vergewaltigt hatten. Nun ist die Bezeichnung »Revolution« etwas hochgegriffen, ein Umsturz blieb jedenfalls aus. Das besagt indessen nichts über die Notwendigkeit von Protesten, die sich gegen patriarchale Gewalt richten. Die mexikanische Komponistin Gabriela Ortiz griff den Stoff auf und ließ sich auch durch spätere Ereignisse anregen, etwa durch eine Demonstration von Polizistinnen am Internationalen Frauentag 2022 gegen die kaum veränderten Umstände. Das Ballett »Revolución diamantina« wurde 2025 mit einem Grammy als beste zeitgenössische Komposition ausgezeichnet. Der Dirigent Gustavo Dudamel, der auch die erste Einspielung leitete, brachte nun eine Konzertfassung des Werks in die Philharmonie Berlin.
Grundsätzlich gilt, dass Ballettmusik Tanz und Szene ermöglichen soll. Die Verläufe von Musik im Konzertsaal müssen hingegen für sich allein sinntragend sein. Darum gelingt eine Übertragung nur selten und kaum je ohne Passagen, die dem Nurhörer als überflüssig erscheinen. Die Komposition von Ortiz überdeckt diese Schwierigkeit durch instrumentalen Farbenreichtum und über weite Strecken durch rhythmisches Vorandrängen. Die Harmonik reizt durch milde Dissonanzen, die auch ohne Auflösung keinen Schrecken verbreiten. Folkloristisches ist allenfalls angedeutet. Wichtiges Vorbild ist die Minimal Music von US-amerikanischen Komponisten wie John Adams oder Philip Glass, die rhythmische Zellen aneinanderreihen, wobei der Verlauf durch kleine Verschiebungen, manchmal aber auch durch harte Brüche gekennzeichnet ist. Dazu tritt bei Ortiz als unüberhörbares Vorbild Igor Strawinskys Ballett »Le sacre du printemps« – ein kaum feministisches Werk, denn das titelgebende Frühlingsopfer ist dort ein junges Mädchen, dem am Ende mit einer überdeutlichen orchestralen Geste der Hals abgeschnitten wird. Musikästhetische Bezüge scheinen Ortiz wichtiger als inhaltliche Konsequenz.
Die Komposition hat, zumindest im Konzertsaal, einiges an Leerlauf, aber auch dichte Passagen. Die energische Kulmination des in Töne gesetzten Protestmarschs »Pink glitter« ließ das Publikum jubeln – auch diejenigen, die bei Angriffen auf hiesige Polizisten weniger enthusiastisch reagieren würden. Jedenfalls kam danach noch was, nämlich der ruhige Schlusssatz »Todas«, nämlich »alle«. Hier verstand man auch endlich den Text der acht von Ortiz verlangten Frauenstimmen, der zuvor oft rätselhaft blieb. Wir alle sollen gemeinsam auf neue Weise zusammenleben: Das fängt die vorangegangene Konfrontation auf, in die Ortiz sogar naturalistisch aggressive Trillerpfeifen einbaute, und zeigt die Grammy-Tauglichkeit dieses Werks.
Als Beethoven 1802/03 seine 3. Sinfonie schrieb, die »Eroica«, war an dergleichen Abmilderung nicht zu denken. In den verschiedenen Stadien der Französischen Revolution kamen nicht alle Beteiligten harmonisch zusammen, sondern hatten jeweils die einen gesiegt, indem sie die andern abservierten. Die kompositorische Aufgabe bestand darin, dieses Konflikthafte zugleich mit dem objektiv Fortschrittlichen zu erfassen. Damit verglichen, ist es von geringem Interesse, ob Beethoven bei dem Helden seiner »heroischen« Sinfonie an Napoleon dachte und – wie berichtet – bei der Nachricht, dieser habe sich zum Kaiser erhoben, die Widmung verwarf. Das Werk revolutionierte die Gattung Sinfonie, und zwar nicht nur durch eine bis dahin unerhörte Spieldauer und einen ganz neuen Reichtum an Verknüpfungen. Vielmehr löste sich die Musik von ihrer Unterhaltungsfunktion, die sie auch bei fortgeschrittensten Beiträgen von Mozart und Haydn noch gehabt hatte, und wurde zum Träger weltanschaulicher Konzepte, wie später bei Mahler oder Schostakowitsch.
Im Vergleich der Schlusssätze zeigt sich ein gewisses Gefälle. Das »Todas« bei Ortiz ist ein Feel-good-Ende, das von fortbestehenden Problemen nichts mehr wissen will. Beethoven dagegen schrieb für diese Position einen Variationensatz, der unterschiedliche Facetten von Feier, Tanz, Übermut und Bedachtsamkeit vermittelt. Schließlich bricht aber Bedrohliches ein, und der Optimismus kann nur knapp und qua Willensakt gerettet werden. Damit ist in der »Eroica« der Glaube an eine bessere Zukunft der Gattung Mensch reflektiert statt naiv.
Dudamel animierte die Berliner Philharmoniker zu einer leichten, klanglich durchsichtigen Version der Sinfonie. Paradox genug: Bei der Balletmusik von Ortiz klang das Orchester bei großer Exaktheit manchmal etwas hart und steif. Bei Beethoven, auf vertrauterem Terrain, erlaubte es sich größere Flexibilität, und hier erst griffen Haupt- und Nebenstimmen derart ineinander, dass eine manchmal sogar tänzerische Voranentwicklung gelang. Doch fehlten auch nicht harte Schnitte, wo sie notwendig waren, und auch nicht im zweiten Satz – einem Trauermarsch – instrumentale Zuspitzungen. Es gibt klanglich schärfer zugespitzte Versionen dieser Sinfonie und auch solche, die Kampf und zwischenzeitliches Leid großorchestral betonen. Daneben aber hat Dudamels zukunftsfrohe Variante ihr Recht.
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