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Aus Leserbriefen an die Redaktion

Foto: ZUMA Press/imago/Montage jW

Drescher der Phrasen

→ Zu jW vom 20./21.6.: »Tonfall, Tinte, Technik, Tod«

Dank der jW für diesen Beitrag zu Karl Kraus und seinem Kampf gegen die Phrase! Die Beschäftigung heutiger Journalisten mit K. K. wird leider immer seltener. Die meisten Menschen deutscher Sprache unter etwa 50 Jahren wissen vom großen Karl Kraus so gut wie nichts (ich bin 81). Im letzten großen Werk von Kraus, »Die dritte Walpurgisnacht«, beschäftigt er sich ausführlich auch mit der ab 1933 propagierten Kriegstüchtigkeit. Es gab eine eigene Fibel dazu. Kraus fiel zu Hitler sehr viel ein. Das nur nebenbei.

Was mir im Aufsatz von Norman Philippen fehlt, ist die prägnante Definition der Phrase. Sie stammt nicht von Kraus selbst, sondern von seinem Biographen Jens Malte Fischer: »Was ist die Phrase für Karl Kraus? In äußerster Verkürzung, man könnte auch sagen, selbst in Gefahr, eine Phrase zu werden, wäre zu formulieren: Phrase ist die zur kompletten Unwahrheit geronnene sprachliche Formulierung von falschem Bewusstsein.« (»Karl Kraus, Der Widersprecher«, Zsolnay-Verlag, 4. Auflage 2020, S. 269).

Emmo Frey, Dachau

Kraus vor der Glotze

→ Zu jW vom 20./21.6.: »Tonfall, Tinte, Technik, Tod«

Großen Dank für diesen Artikel. Karl Kraus war seiner Zeit weit voraus und wäre ein Kandidat für z. Zt. gängige, jeder Rechtsstaatlichkeit hohnsprechende »Sanktionen«. Es würden wohl unpatriotische bzw. staatszersetzende Äußerungen diagnostiziert, die unseren Wehrwillen untergraben können. Wie sich doch die Zeiten, trotz allen Fortschritts, wiederholen. Was für ein kluger und mutiger Beobachter, der damals wesentlich weniger Möglichkeiten der Informationsbeschaffung zur Verfügung hatte. Er kannte die geradezu unheimliche Wirkung des Fernsehens noch nicht, in dem fast pausenlos böse Machthaber entlarvt werden, z. B. Saddam Hussein, Slobodan Milošević, Ali Khamenei, Kim Jong Un, Lukaschenko, Assad, Putin (unvollständige Liste). Bei politischen Debatten wurde oft gesagt: »Ich habe es doch im TV gesehen«, und es war mühselig, differenzierende Fakten anzuführen. Die »freien« Medien sind kaum bereit, darauf einzugehen, und fix mit abwertenden Urteilen bis hin zur Kriminalisierung anderer Sichtweisen beschäftigt, mit der Folge einer nie dagewesenen Disziplinierung im hiesigen Journalismus. Also liebe jW: Nehmt die Beobachtung durch den VS auch als eine gewisse Ehre an. P. S.: Diverse TV-Rederunden sind voller Kriegsbefürworter, die sich gegenseitig noch, fast mit Schaum vor dem Mund, überbieten. Boykott!

Richard Jawurek, Markkleeberg

Pars pro toto

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→ Zu jW vom 15.6.: »Weder Jubel noch Verdammnis«

Mit einem »Weder … noch« würde ich die Besprechung des Dokfilms »Kommunist« zur Person von Egon Krenz nicht gern überschreiben. Die zentrale Frage einer Aufarbeitung des Lebens und der Wirklichkeit in der DDR ist und bleibt die Frage danach, wie ein solches Unterfangen ohne antikommunistisch gefärbte Brille oder die üblichen Voreingenommenheiten geschehen kann.

Dem Gedanken von Günter Guttsche in seinem Leserbrief, der in der Wochenendausgabe vom 20./21. Juni abgedruckt worden ist, würde ich gern folgen. Egon Krenz steht für mich zudem in der Doku als Person und Verantwortungsträger für die sozialistische DDR, aber zugleich dialektisch betrachtet für den Sozialismus des Staates und der Partei. Die Biographie steht darüber hinaus für Millionen DDR-BürgerInnen. Sie steht für Millionen in dem Sinne, dass nicht Millionen in politische Verantwortung und in die Position eines Generalsekretärs gelangten, sich aber sozial, politisch und mehr oder weniger gesellschaftlich mit dem Staat DDR identifizierten.

Verbreitete Unzufriedenheit mit Entwicklungen und Mängeln beantwortet längst nicht die Frage, warum die DDR in der sogenannten friedlichen Revolution untergehen musste. Damit stehen wir wieder bei der zentralen Frage, ob die Sicht auf die DDR mit Jubel oder Verdammnis erklärbarer wird. Es ist gut, wenn es nach mehr als drei Jahrzehnten möglich ist, ein filmisches Porträt eines Kommunisten aufzuführen, das über die bekannten hysterischen antikommunistischen Lügen- und Hassergüsse hinausgeht. (…) Ohne ein »Weder … noch« können wir heute klarer denn je wissen, was uns der schlechteste Sozialismus wert gewesen ist, was wir verloren haben, was auf uns zukommen kann.

Roland Winkler, Aue

Aus dem Bücherregal

→ Zu jW vom 22.6.: »Beginn eines Menschheitsverbrechens«

Jedes Jahr zum 22. Juni nehme ich aus meinem Bücherregal die von meinem Vater geerbten Bücher von Konstantin Simonow zur Hand: den ersten Band der Kriegstagebücher und »Die Lebenden und die Toten«.

André Möller, Berlin

Macht der Verhältnisse

→ Zu jW vom 23.6.: »Kein Geld für Ossis«

Abgesehen von aller berechtigten Empörung schwingt in solchen und ähnlichen Artikeln immer das Erstaunen mit, dass sich das Kapital so verhält, wie sich Kapital bei Strafe seines Untergangs nun einmal verhalten muss. Es ist nicht nur das Management von Zalando, das da brutal handelt. Das könnte man austauschen. Was man nicht austauschen kann, ist die Macht der dahinterstehenden ökonomischen Verhältnisse im Kapitalismus. Da etwas zu verändern, verlangt mehr als nur Empörung. Bis dahin gelten Menschen, die das Kapital nicht mehr braucht, weiter als eine Art spezifischer Sondermüll: zu entsorgen, statt zu umsorgen.

Joachim Seider, Sängerstadt Finsterwalde

›In äußerster Verkürzung, man könnte auch sagen, selbst in Gefahr, eine Phrase zu werden, wäre zu formulieren: Phrase ist die zur kompletten Unwahrheit geronnene sprachliche Formulierung von falschem Bewusstsein.‹

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Erschienen in der Ausgabe vom 25.06.2026, Seite 14, Leserbriefe

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