Aus Leserbriefen an die Redaktion
Wer hat die Deutungshoheit
→ Zu jW vom 15.6.: »Weder Jubel noch Verdammnis«
Für mich persönlich war beispielsweise der Eintritt in die FDJ im Jahr 1964 und das Tragen des Blauhemdes mit einem Gefühl des Stolzes und des Aufbruchs verbunden. In diesem Zusammenhang sehe ich die Ausführungen von Burkhard Bley kritisch. Wir hatten nicht immer Sonnenschein. Ich erinnere mich jedoch sehr gerne an die Zeiten unserer aufblühenden Liebe und glücklicher Tage. – Doch wer behauptet das nicht auch von einem Gleichaltrigen aus dem Westen?
Trotz der notwendigen Anerkennung des Unrechts, bleibt für mich die Frage zentral, wie diese Geschichte aufgearbeitet werden kann, ohne den Menschen im Osten das Recht auf ihre positiven Erinnerungen abzusprechen. Dieser Mann versucht mir seine Sicht der Dinge aufzudrängen. Ich weiß, dass er dafür ein auskömmliches Salär erhält. Aber das ist nur eine Nebensache. Seine Sichtweise auf die DDR deckt sich nicht mit meinen Erlebnissen und hält einem Vergleich mit meiner gelebten Realität nicht stand.
Daraus ergibt sich die grundsätzliche Frage nach der Deutungshoheit, wie im Beitrag der jW gefragt: Wer entscheidet heute darüber, was eine ausgewogene und authentische filmische Darstellung unserer Vergangenheit, auch jener von Egon Krenz, ist? Sollte diese Entscheidung bei den Institutionen liegen oder dem Urteil des einzelnen Zuschauers überlassen bleiben? Ich bevorzuge Letzteres.
Günter Guttsche, Erfurt
Klassenjustiz
→ Zu jW vom 17.6.: »Tag der Befreiung: Klage abgewiesen«
Dieses Urteil war zu erwarten. Die »unabhängige« Justiz ist eine Klassenjustiz, eine Justiz im Geiste von Freisler, Filbinger und Co.! Während selbst die Halstücher des VVN-BdA als Russland-Fahnen umgedeutet wurden, durften Anhänger der ukrainischen Bandera-Faschisten ungehindert mit ihren Nationalsymbolen auf dem Gelände am Treptower Park agieren. Dazu kamen die Fahne der NATO und die der Europäischen Union. Selektive Wahrnehmung der Gerechtigkeitsapostel.
Es ist zum Schämen – offensichtlich wird der 8. oder 9. Mai jedes Jahres nicht mehr als Tag der Befreiung wahrgenommen, sondern, so wie es die Altnazis in Westdeutschland schon kurz nach 1945 proklamierten – als »Zusammenbruch«. 27 Millionen Sowjetbürger starben für die Beendigung der faschistischen deutschen Diktatur. Diese Erinnerung soll aus dem Gedächtnis amputiert werden. Aber solange ich lebe, werde ich mich dagegen wehren. Diese Erinnerung, diese Mahnung sind wir den sowjetischen Helden der Befreiung ewig schuldig!
Andreas Eichner, Schönefeld
Falsche Prioritäten
→ Zu jW vom 16.6.: »Seit wann ist das Militär beim ›Hessentag‹?«
Es ist erschreckend zu beobachten, wie schnell unser Land in Richtung totaler Militarisierung abgleitet und wie Friedrich Merz diesen Kurs aktiv vorantreibt. Seine ständigen Forderungen nach höheren Rüstungsausgaben und seine systematische Kriegsvorbereitung sind einfach unfassbar. Uns wird ein gefährliches Wettrüsten aufgezwungen, während Deutschland buchstäblich an inneren Problemen erstickt. Das ist nicht nur ein Führungsversagen, sondern auch Fahrlässigkeit und Verantwortungslosigkeit. Solange riesige Summen für die Verteidigung ausgegeben werden, arbeitet unser Gesundheitssystem am Limit. Krankenhäusern fehlt es katastrophal an Geld und Personal. Ältere Deutsche, die ihr ganzes Leben lang zum Wohle des Staates gearbeitet haben, sind gezwungen, von einer Pennyrente zu leben. Und die Wirtschaft ist in weiter Ferne: Industrie und Gewerbe sterben, die Preise steigen, und die Menschen fürchten um ihre Arbeitsplätze. Friedrich Merz wirbt für falsche und gefährliche Prioritäten. Unsere Aufgabe ist es, nicht zu schweigen, sondern an Protesten teilzunehmen und unsere Ablehnung seiner Politik offen zum Ausdruck zu bringen.
Michael Dittmar, Hamburg
Blendgranate: BRD-Antifaschismus
→ Zu jW vom 11.6.: »Neukölln-Komplex: Pannen in Serie«
Der Spruch von Esther Bejarano ist sehr treffend. Noch ausführlicher hat es Thomas Mann in seinen Essays ausgedrückt: »Den russischen Kommunismus mit dem Nazifaschismus auf die gleiche moralische Stufe zu stellen, weil beide totalitär seien, ist bestenfalls Oberflächlichkeit, im schlimmeren Falle ist es – Faschismus. Wer auf dieser Gleichstellung beharrt, mag sich als Demokrat vorkommen, in Wahrheit und im Herzensgrund ist er damit bereits Faschist und wird mit Sicherheit den Faschismus nur unaufrichtig und zum Schein, mit vollem Hass aber allein den Kommunismus bekämpfen.«
Der verbal existierende Antifaschismus der BRD ist nur eine Blendgranate zur Ablenkung von seinem eigentlichen Wesen. Am 4. Juli findet in Erfurt der Bundesparteitag der AfD statt. Der Staat, das Machtinstrument der herrschenden Klasse, wird dort sein Gewaltmonopol auspacken und im Kampf gegen die antifaschistischen Gegendemonstranten wieder einmal seine wahre Gesinnung zeigen. Bereits jetzt ist geplant, anreisende Antifaschisten durch Zugstreichungen zu behindern. Was will man auch von Parteien erwarten, die zwar den Stimmenzuwachs der AfD beklagen, aber eifrig deren Politik übernehmen und die Entdeckung des Linksextremismus propagieren.
Linksextremismus ist demzufolge alles, was das Kapital in seiner Ordnung zur Vermehrung des Reichtums der Reichen stört. Das momentane Abschaffen von »sozialem Klimbim« zugunsten von »Kriegstüchtigkeit« ist hier der nächste Schritt. Wenn dann mehr Menschen protestieren, wird man den Faschismus zur Niederhaltung der aufmüpfigen Massen wieder brauchen. Genau darum wird der Kapitalismus den Faschismus nie wirklich bekämpfen. Er braucht ihn.
Dieter Kluziok, Jena
27 Millionen Sowjetbürger starben für die Beendigung der faschistischen deutschen Diktatur. Diese Erinnerung soll aus dem Gedächtnis amputiert werden. Aber solange ich lebe, werde ich mich dagegen wehren. Diese Erinnerung, diese Mahnung sind wir den sowjetischen Helden der Befreiung ewig schuldig!
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
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