Der Kreis schließt sich
Mit der großen Werkschau »Cabinet of Wonders. Lothar Osterburg back from Brooklyn« stellt der renommierte Künstler erstmals in seiner Heimatstadt Braunschweig aus
Lothar Osterburg ist weltberühmt, nur nicht in Deutschland – und erst recht nicht in seiner Heimatstadt Braunschweig. Vielleicht erinnern sich neben Verwandten noch ein paar Kommilitonen und Professorinnen an ihn, denn an der hiesigen Hochschule für bildende Künste (HbK) hat Osterburg in den 80er Jahren studiert und einen Abschluss in Druckgrafik und Experimentalfilm gemacht. Osterburg erinnert sich noch an das Gefühl der Desillusionierung bei den ersten Veranstaltungen an der HbK. »Zwei Prozent von euch schaffen es, haben die uns gesagt, und ich habe nur gedacht: Denen zeige ich es.«
Während eines universitären Austauschprogramms fasst er Fuß in San Francisco und wandert 1987 in die USA aus. Er findet schnell Anschluss an die Westcoast-Kunstszene, arbeitet als Drucker für namhafte Künstlerpersönlichkeiten wie Ernest de Soto und Christian Boltanski und tritt auch mit ersten eigenen Arbeiten an die Öffentlichkeit. Boltanski macht ihn mit der Heliogravüre bekannt, einer fast vergessenen Tiefdrucktechnik aus dem späten 19. Jahrhundert, die sein folgendes Werk prägen und ihm viel Aufmerksamkeit bescheren wird. Schließlich geht er nach New York und gründet seine eigene Druckwerkstatt, lehrt als Dozent am renommierten Bard College, hat Lehraufträge an diversen anderen Universitäten und Kunsthochschulen und reiht eine Ausstellung an die nächste. Mittlerweile hängen Osterburgs Arbeiten in großen Museen wie dem Metropolitan Museum of Art oder der Library of Congress – und jetzt eben auch im Herzog-Anton-Ulrich-Museum. Er hat es ihnen gezeigt. Es schließt sich hier also ein Kreis.
Dazwischen liegt ein langer und vor allem arbeitsreicher Weg. Osterburgs surreale, bisweilen fast traumartige, infantil verspielte und oft humoristisch angeschrägte Kunstwerke sind enorm aufwendig. Er baut zunächst aus Holz, Seife, Styropor und Pappmaché Bonsaimodelle, die er dann fotografisch in Szene setzt, um sie in einem dritten Schritt mit seinem Markenzeichen, der Heliogravüre, noch einmal zu modifizieren. Diese anachronistische Drucktechnik ist durch ihren Reichtum an Tonwerten und durch ihre besondere Präzision gerade im Bereich der Halbtöne gekennzeichnet, darin ist sie dem modernen Offsetdruck durchaus überlegen. Sie evoziert eine ganz eigene weiche, fast halluzinatorische Schwarzweißästhetik, die seine bisweilen an frühe Stummfilme erinnernden Sujets kongenial ins Bild setzt.
Osterburgs imaginäre Welten inszenieren eine Art Retrofuturismus. Der Künstler versetzt sich zurück in eine Person des 19. Jahrhunderts, die sich eine – für uns heute alternative – Zukunft ausdenkt. Hier offenbart sich eine gewisse Affinität zum Steampunk-Genre, etwa wenn er in der Serie »The Great Tower« Zeppeline um den immer noch im Bau befindlichen Turm zu Babel kreisen lässt. Es geht ihm aber gar nicht so sehr um die nostalgische Feier vergangener Technologie, sondern eher um die Frage, was aus dieser Realität eigentlich auch hätte werden können, um eine alternative Wirklichkeit also, die unsere noch einmal herausfordert und nicht als unvermeidbar hinnimmt.
Dass Osterburg bei der Wahl seiner Motive nicht nur auf persönliche Erinnerungen und Erlebnisse zurückgreift, sondern immer wieder auf die Kunsthistorie, insbesondere die Geschichte der Druckgrafik, anspielt, macht den Künstler neben seiner Herkunft besonders interessant für das Herzog-Anton-Ulrich-Museum (HAUM), weil es mit seinem großen Fundus den Adaptionen und Coverversionen Osterburgs die Originale gegenüberstellen kann. So geschehen etwa mit der Serie »Proofing Piranesi«, in der er sich Giovanni Battista Piranesis geheimnisvolle »Kerker der Phantasie« anverwandelt.
Waren seine Skulpturen lange Zeit nur Mittel zum Zweck, haben sie sich in den letzten Jahren emanzipiert. Das zeigt nicht zuletzt sein »Traum vom HAUM«, der den Mittelpunkt dieser sensationellen Ausstellung bildet. Er verbindet in diesem detailreichen, zwischen Guckkasten und Diorama changierenden Modell auf anspielungsreiche und sehr komische Weise Privat-, Werk- und Kunstgeschichte. Allein diese augenzwinkernde Auseinandersetzung mit seinem »Heimatmuseum« ist einen Besuch der Ausstellung wert.
→ »Cabinet of Wonders. Lothar Osterburg back from Brooklyn«: Herzog-Anton-Ulrich-Museum (HAUM), Braunschweig, bis 30. August 2026
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