Zum Inhalt der Seite
Genozid in Palästina

Israels Krieg gegen Gazas Kinder

UN-Menschenrechtsrat konstatiert, dass Tel Aviv gezielt und systematisch Kinder in der abgeriegelten Enklave tötet. Heranwachsende seien Folter und sexualisierter Gewalt ausgesetzt

Von David Siegmund-Schultze
Foto: IMAGO/imagebroker
Den Tausenden Opfern Namen und Gesichter zu geben, ist Ziel der Ausstellung »Wall of Tears« in Dearborn, Michigan

Der Gazastreifen ist voll mit Terroristen. Jedes Kind, das jetzt – in dieser Minute – geboren wird, ist bereits ein Terrorist«, sagte der Likud-Abgeordnete Nissim Vaturi im Januar 2025 im israelischen Fernsehen. Der ehemalige Knesset-Sprecher Mosche Feiglin legte im Mai 2025 nach: »Jedes Kind dieser Art, dem ihr jetzt Milch gebt, wird in 15 Jahren eure Töchter vergewaltigen und eure Söhne niedermetzeln«, sagte er in einem TV-Interview. Seine Konsequenz: »Nicht ein einziges Kind« solle in dem Küstenstreifen bleiben.

Es ist eine Logik, die sich wie ein roter Faden durch die Völkermorde der Geschichte zieht: Das eigene Kollektiv wird als Opfer imaginiert, das einer Gruppe gegenübersteht, die das absolut Böse repräsentiert. Um das eigene Überleben zu sichern, müssen die anderen ausgerottet oder weggeschoben werden. Das schließt explizit auch deren Kinder ein, denn die sind die Bösen von morgen. Diese Schlussfolgerung ist keine Randerscheinung in der israelischen Politik, sondern Regierungspraxis – zu diesem Ergebnis kommt der UN-Menschenrechtsrat in einem am Dienstag veröffentlichten Bericht. »Die israelischen Behörden und Sicherheitskräfte haben vorsätzlich palästinensische Kinder ins Visier genommen«, heißt es darin. Das sei eines der zentralen Elemente, »die den Völkermordvorsatz« Israels belegen. Tel Avivs Vertretung in Genf erklärte dagegen, der Bericht sei eine »verleumderische Farce«.

Die genauen Umstände etlicher Fälle, in denen unterschiedliche Einheiten der Armee gezielt Kinder töteten, werden in dem Bericht dokumentiert. So sieht es das UN-Untersuchungsgremium etwa als erwiesen an, dass Soldaten zwischen dem 20. und 21. Dezember 2023 vier Handgranaten in ein Haus warfen, in dem 30 Angehörige einer Familie Schutz suchten. Daraufhin seien sie in das Gebäude eingedrungen und hätten acht unbewaffnete Menschen erschossen – darunter eine hochschwangere Frau und ihren Ehemann. Deren Kinder, ein fünf- und ein sechsjähriger Junge, hätten das Massaker mit ansehen müssen und seien mit schweren Verletzungen zurückgelassen worden.

Foto: IMAGO/imagebroker imago859235661.jpg
Anzeige

Bereits im September 2025 dokumentierte die niederländische Tageszeitung De Volkskrant, dass Dutzende ausländische Ärzte, die in der abgeriegelten Enklave tätig waren, immer wieder Kinder mit Schussverletzungen im Kopf oder Oberkörper behandelten. Die Zeugenaussagen legen ein gezieltes und systematisches Vorgehen nahe – und decken sich mit den Angaben israelischer Scharfschützen, die Haaretz ebenfalls im September 2025 veröffentlichte.

Mehr als 20.000 getötete Kinder wurden seit Oktober 2023 im Gazastreifen geborgen – über 44.000 wurden verletzt. Damit machen Kinder etwa 30 Prozent der Kriegsopfer aus, heißt es in dem UN-Bericht. »Massenhaftes Trauma, Verwaisung, Trennung, Behinderung, wiederholte Vertreibungen, Hunger sowie der Zusammenbruch des Bildungs- und Gesundheitswesens«, hätten den Heranwachsenden in Gaza ihre Kindheit geraubt, konstatiert das Untersuchungsgremium. Zudem seien sie in israelischen Gefängnissen »Folter und schweren Formen der Misshandlung ausgesetzt«, darunter »sexualisierter Gewalt«.

In dem Report wird außerdem erwähnt, dass die israelische Armee seit der im Oktober 2025 zwischen der Hamas und der israelischen Regierung vereinbarten Waffenruhe das Töten ohne Pause fortgesetzt hat. Derweil torpediert Israels Premierminister Benjamin Netanjahu die aus dem Fokus der Öffentlichkeit geratenen Verhandlungen zwischen Donald Trumps »Friedensrat« und der Hamas mit maximalistischen Forderungen. Den Palästinensern soll die bedingungslose Kapitulation und Aufgabe ihres Strebens nach Selbstbestimmung aufgezwungen werden. Und auch die Vertreibungspläne stehen noch auf der Agenda Tel Avivs: Haaretz berichtete am Dienstag, dass der nationale Sicherheitsrat gleichentags eine Sitzung einberufen habe, um die »freiwillige Ausreise« aus Gaza zu fördern.

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 25.06.2026, Seite 1, Titel

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!

Heute liegt der jungen Welt das achtseitige Extra »wein« kostenlos bei. Die Ausgabe erhalten Sie im gut sortierten Pressehandel für 2,50 Euro.