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Deutsche Zustände

Ein Fünftel der Deutschen ohne Urlaub

Foto: Stefan Sauer/dpa

Über die große produktionsmittelbesitzende, also herrschende Klasse erfährt die deutsche Öffentlichkeit selten etwas. Das Statistische Bundesamt greift bestenfalls auf die Berichte internationaler Firmen zurück, Namen werden nicht genannt. Kapitalismuskritik ist Neid. In englischsprachigen Ländern laufen Milliardäre dagegen als ruhmreiche Selbsthelfer herum, siehe Donald Trump. Deutschen Großvermögen hängt allerdings auch in der Regel der Geruch von Sklaven- und Zwangsarbeit aus dem Zweiten Weltkrieg an. Dem Nebelwerfen über die Vermögensherkunft entsprechen Märchen wie jenes, wonach es so ein Ding wie Gesellschaft oder gar gesellschaftliche Verhältnisse auf der Grundlage von Privateigentum überhaupt nicht gibt.

Manchmal melden sich aber die Verhältnisse selbst hierzulande zu Wort, wenn auch nur vermittelt. Ende Mai verbreitete die Unternehmensberatung Boston Consulting Group die schöne Nachricht, dass in Deutschland 2025 nicht nur Rüstungsindustrie und Börsenkurse entgegen dem monatlichen Abbau von Produktion und Jobs stark gewachsen sind, sondern dass auch die Zahl der sogenannten Superreichen (mehr als 100 Millionen US-Dollar Vermögen) sprunghaft von 3.900 auf 5.000 gestiegen sei. Das Statistische Bundesamt stellte das immerhin auf seine Internetseite und rechnete vor, dass demnach »die obersten 0,007 Prozent« der Bevölkerung ein Viertel des hiesigen Finanzvermögens besitzen. Ein Prozent der Bevölkerung, das sind alle deutschen Millionäre, besitzen 50 Prozent des Finanzvermögens und 30 Prozent des Gesamtvermögens, die ärmere Hälfte der Deutschen verfügt über 3,4 Prozent vom letzteren.

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Der Akkumulation von Reichtum entspricht wie stets die Akkumulation von Armut (hierzulande sanft als »Armutsgefährdung« in die Öffentlichkeit gelassen). Also war die Mitteilung des Statistischen Bundesamtes vom Dienstag zwar selten, aber nicht überraschend, dass 21 Prozent der Deutschen, rund 17,3 Millionen Menschen, sich keine einwöchige Urlaubsreise leisten können. Das gelangte immerhin in die Medien – weniger oder überhaupt nicht hingegen, dass das Bundesamt vermerkte, im »einkommensschwächsten Fünftel« der Bevölkerung – jene, die etwa 1.600 Euro monatlich zur Verfügung haben – betreffe das 48 Prozent. Im nächsten Fünftel mit bis zu 2.100 Euro im Monat sind es noch 28 Prozent.

Rein zufällig verkündete Friedrich Merz am selben Dienstag den nächsten Schritt im Aufrüstungs- und Kürzungsprogramm, diesmal für Renten. Ein wirklicher Zufall war das also nicht. Wer Panzer an der »Ostflanke« rollen lässt, muss Sozialklimbim streichen. Und überhaupt: Urlaubswünsche, und sei es nur bei Verwandten, machen angesichts des bevorstehenden Sieges über Putin kriegsuntüchtig. Das Statistische Bundesamt hatte übrigens die Zahlen nicht selbst erhoben, sondern einer EU-Umfrage entnommen. Was ist, muss nicht jeder Deutsche wissen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 24.06.2026, Seite 3, Ansichten

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