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Zalando Erfurt

Kein Geld für Ossis

Erfurt: Sozialplanverhandlungen zwischen Zalando und Betriebsrat sind gescheitert. Politiker entsetzt über Skrupellosigkeit

Foto: Paul-Philipp Braun/IMAGO

Auf der Homepage des Versandunternehmens Zalando findet sich in der Rubrik »Unser Ethikkodex« dieser schöne Satz: »Wir behandeln einander und unsere Partner mit Respekt und sorgen uns um das Wohlergehen anderer.« Für die über 2.000 Beschäftigten im Zalando-Logistikzentrum in der thüringischen Hauptstadt Erfurt dürfte das wie Hohn klingen. Ihr Wohlergehen scheint den Firmenchefs komplett egal zu sein. Nicht nur, dass ihre Arbeitsplätze bis Ende September abgewickelt werden sollen – das florierende Unternehmen möchte offenbar auch möglichst wenig für die Abfindung der Menschen ausgeben, das es auf die Straße setzt. Am Sonnabend scheiterten daher die Verhandlungen über den Sozialplan.

Der Betriebsrat brach die Gespräche mit dem Zalando-Management laut dpa ab, da er keine weitere Verhandlungsgrundlage sah. Die Vorstellungen hätten zu weit auseinandergelegen, teilte die Beschäftigtenvertretung mit. Die vom Management in Aussicht gestellte Summe reiche nicht aus, um die Nachteile durch den Arbeitsplatzverlust bei dieser Standortgröße auszugleichen. Der Betriebsrat warf dem Unternehmen vor, für Luxusmarketing und Sportsponsoring das Geld mit vollen Händen auszugeben. Für die Erfurter Belegschaft, »die den Konzern über ein Jahrzehnt lang auf Mindestlohnbasis überhaupt erst groß und reich gemacht hat«, bleibe am Ende »nur der finanzielle Absturz und drohende Altersarmut«.

Was die Konzernführung konkret angeboten hatte, ließ der Betriebsrat offen. Matthias Adorf, Verdi-Gewerkschaftssekretär im Fachbereich Handel, erklärte am Montag gegenüber jW, Zalando habe in seinem Geschäftsbericht für Abfindungen wegen der »Standortabwicklung« in Erfurt 80 Millionen Euro eingesetzt: »Das war eigentlich schon ein Witz, und aktuell bieten sie nicht mal die Hälfte.«

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Adorf kritisierte Zalando scharf. Das Unternehmen, das sich selbst als »Europas führende Onlineplattform für Mode und Lifestyle« bezeichnet, habe im vergangenen Jahr einen Gewinn von mehr als einer halben Milliarde Euro erwirtschaftet, und für dieses Jahr werde eine weitere Steigerung erwartet. »Die haben ja auch genug Geld, um den DFB zu sponsern, oder für die Übernahme von Konkurrenten wie ›About You‹«, so der Gewerkschafter. »Die werfen rechts und links Geld aus dem Fenster, aber die Beschäftigten hier im Osten, das sind für die Beschäftigte zweiter Klasse.«

Auch aus der Fraktion Die Linke im thüringischen Landtag kam Kritik an Zalando. Die vom Konzern in den jetzt gescheiterten Verhandlungen vorgelegten Vorschläge seien »nicht annehmbar und eine Unverschämtheit«, erklärte Fraktionschef Christian Schaft laut Mitteilung vom Montag. Zalando wolle sich »seiner Beschäftigten entledigen, als seien sie Müll – anders lässt sich das Agieren der Konzernleitung nicht mehr beschreiben«. Ältere Beschäftigte ohne Abfindung in die Rente und damit Altersarmut schicken zu wollen und die Blockade gegen eine Transfergesellschaft seien der Beweis dafür, »dass der Konzern kein Fünkchen Achtung vor den Kolleginnen und Kollegen hat«.

Anfang Januar hatte das Management von Zalando überraschend die Schließung des Logistikzentrums angekündigt, das 2012 auch dank rund 22 Millionen Euro öffentlicher Gelder eröffnet worden war. Verdi-Funktionär Adorf erinnerte gegenüber jW daran, dass es dem Unternehmen bei der Schließung nur um »Margenoptimierung« gehe. Der Standort in Erfurt sei nicht mehr der modernste, weil dort nicht genug investiert worden sei. Im rund 200 Kilometer entfernten Gießen habe Zalando ein neues Logistikzentrum mit modernster Technik aufgemacht. Adorf: »Das können sie mit 1.000 Beschäftigten weniger laufenlassen und haben entsprechend geringere Stückkosten.«

Nach dem Scheitern der Verhandlungen über einen Sozialplan geht das Verfahren, wie vorab vereinbart, in die Einigungsstelle, wo unter dem Vorsitz eines früheren Arbeitsrichters eine Einigung angestrebt wird. Dazu Linke-Politiker Schaft: »Ich erwarte von Zalando, dass sie endlich zeigen, was die Beschäftigten verdient haben, nämlich Respekt. Sie haben den Gewinn des Konzerns überhaupt erst möglich gemacht.«

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Erschienen in der Ausgabe vom 23.06.2026, Seite 5, Inland

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→ Leserbriefe
  • Heike Kügler aus Milda 23. Juni 2026 um 18:05 Uhr
    Ich finde es unverschämt von Zalando, wie hier mit den Menschen umgegangen wird! Es kann auch nicht sein, dass reichlich Fördergelder in Anspruch genommen werden und dann die Leute auf die Straße gesetzt werden! Das muss unbedingt anders geregelt werden! Traurig ist auch, dass unsere Nationalmannschaft für solch ein Unternehmen Werbung macht! Das passt einfach nicht mehr zusammen! Nur noch Kommerz und Geld! Abartig!
  • Stefan Bell aus Mülheim an der Ruhr 23. Juni 2026 um 15:12 Uhr
    Dann hoffen wir mal, dass der BR gut beraten war und noch keinen Interessenausgleich abgeschlossen hat: So hätte er für die Sozialplanverhandlungen in der Einigungsstelle noch ein gutes Druckmittel in der Hand. Ein eiserner Grundsatz für alle Betriebsänderungen lautet: Die Zustimmung des BR zum Interessenausgleich gibt’s nur, wenn ein akzeptabler Sozialplan abgeschlossen wurde und keine Sekunde vorher.
  • Onlineabonnent*in Joachim S. aus B. 23. Juni 2026 um 10:23 Uhr
    Abgesehen von aller berechtigten Empörung schwingt in solchen und ähnlichen Artikeln immer das Erstaunen mit, dass sich das Kapital so verhält, wie sich Kapital bei Strafe seines Untergangs nun einmal verhalten muss. Es ist nicht nur das Management von Zalando, das da brutal handelt. Das könnte man austauschen. Was man nicht austauschen kann, ist die Macht der dahinterstehenden ökonomischen Verhältnisse im Kapitalismus. Da etwas zu verändern verlangt mehr als nur Empörung. Bis dahin gelten Menschen, die das Kapital nicht mehr braucht, weiter als eine Art spezifischer Sondermüll: Zu entsorgen, statt zu umsorgen.
    • To227 aus Erfurt 23. Juni 2026 um 21:46 Uhr
      65 Millionen Euro für ein DFB-Sponsoring sprechen wirtschaftlich eine andere Sprache als »wir müssen sparen«. Zalando ist zu boykottieren und der DFB sollte sich als »gemeinnütziger« Verein in Grund und Boden schämen.
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