Im Ferienpark
Nichts simpel, alles leicht: »Season of Surrender« von August Burns Red
Der kindlich-naive Blick auf die USA war der auf einen flächenstaatsgroßen Freizeitpark. Selbst das Düsen durch die Wüste erschien dank Route 66 wie ein großes Abenteuer mit Zuckerzeug auf dem Armaturenbrett und im Becherhalter. Natürlich missachtete man durch den Hollywood Gaze damals alles, was das Land of the Free außerdem ausmachte, und dass es für arme, nichtweiße, migrantisierte und indigene Landesinsassen ganz andere Fahrten mit der Achterbahn bedeutet, dort zu leben. So der Blick auf die USA, die weiterhin Elend exportieren, dank ökonomischem Abstieg das Bild jedoch kaum mehr aufrecht erhalten können, dass es sich für die Meisten in ihrem Inneren prima leben lässt. Schließlich muss der gewaltige Militärapparat aus Steuern finanziert werden. Und die Entführung des vorgeblichen Drogenbarons Nicolás Maduro und dessen Gattin hat – wie auch? – auch nicht dazu geführt, dass es auch nur einen Fentanylzombie weniger auf den Straßen von Philadelphia gibt.
Die bis ins Wahnhafte gehende Vergnügungskultur in Gottes höchstpersönlichem Lande merkt man ihm an seiner Powerchords schrubbenden Popmusik an: Derweil Doom ein britisches Erzeugnis ist, hielt man es in Nordamerika nicht lange damit aus, dass man selbst Thrash und Death Metal etabliert hatte – schnell musste der Glam mit seinem androgyn-misogynem Hyperhedonismus gegensteuern, ehe noch einer auf die Idee kam, sich einmal nicht zu freuen.
Mit dem Nu Metal fand sich kurz darauf die Vertonung eskalierender Hauspartys mit entsprechend heterogenen Musikgeschmäckern. Metalcore dann nahm dem aus Schweden rüberschwappenden Melodic Death den Pathos, um ihm einen anderen, urbaneren, zugleich poppigeren und brachialeren hinzuzufügen. T-Shirts durften plötzlich bunt sein, Haare mittel-, Songtitel überlang und ulkig; Trällern im Refrain wurde legal und Breakdowns Pflicht.
Zur ersten Generation der sich selbst als Metalcore verstehenden Bands gehören August Burns Red (ABR). 2003 in Pennsylvania gegründet, zählt das Quintett nebst Truppen wie As I Lay Dying (AILD) und Killswitch Engage zu den Gründervätern. Anders als AILD sind ABR weiterhin ideologisch im Christentum verhaftet, grundsätzlich skandalfrei und genießen entsprechend breite Anerkennung, auch bei jüngeren Szenegängerinnen und -gängern, deren Metalcoregeneration weit mehr vom Nu Metal vorgeformt wurde.
Mit »Season of Surrender« haben ABR ihr nunmehr zehntes Studioalbum herausgebracht – das zwölfte, wenn man »Sleddin’ Hill – A Holiday Album« von 2012 und »All I Want for Christmas is You« (2020) dazu zählen mag. Denn Gott zum Wohlgefallen verbreiten ABR das weihnachtliche Pekuniärvergnügen, indem sie jene Songs adaptierten, die alljährlich in der Vorweihnachtszeit aus den Lautsprechern der Einkaufszentren scheppern. Es darf gezwinkert werden: Das Feiertagsalbum von 2020 ziert Bassist Dustin Davidson in Mariah Careys ikonischer »So wie ich hier sitze, könnte ich mich auch auf deinen Schoß pflanzen, Santa«-Pose.
Dass es dieses Zwangsamüsement nicht braucht, zeigen ABR mit einer soliden Diskographie: Schon »Thrill Seeker« (2005) stach dadurch heraus, dass sich ABR nicht um Anschluss an radiotauglichen Poppunk bemühten, aber auch nicht Dillinger Escape Plan nacheiferten und den Free Jazz mit herkömmlichem Rock-Line-up neu erfinden wollten. Komplexe Songs hämmerten sich mit im Metalcore bis dato selten gehörten progressiven Parts ins Langzeitgedächtnis. »Messenger« (2007) und »Constellations« (2009) standen dem Erstwerk als Erlebnisparks für die Ohren in Nichts nach. Nichts war simpel, alles schien leicht. Ein jugendliches Leben.
Ab »Leveler« (2011) setzte dann eine Routine ein, die man damit zu durchbrechen suchte, indem man hier und da exotische Versatzstücke reinzog: Hier ein paar Fetzen Samba, da ein Brocken Country. Man hört es einmal und ist vom Eklektischen begeistert. Man hört es fünfmal und stört sich daran, wie kalkuliert die Stilbrüche eingepflegt sind. Ein Fahrgeschäft fährt sich höchstens einmal als fortwährende Überraschung; beim zweiten Ritt weiß man und duckt sich, wenn hinter einer bestimmten Biegung die Wasserkanone kommt.
Dazu die Pennälerlyrik: »Whisper your dreams, scream your sorrow, proclaim your love / Just don’t call me your hero.« Um solches Songwriting auf ein instrumentell so großartiges Stück wie »Fault Line« (2013) zu klatschen, braucht es entweder viel Chuzpe oder eine innere Julia Engelmann, die den Stift beim Songwriting führt.
»Season of Surrender« kehrt nach mehreren mediokren Alben in gewisser Weise zu den Anfängen zurück. Das knappe, etwas seltsam in den Hintergrund verfrachtete Tappingsolo in »The Nameless« mag anzeigen, dass man mit Experiment und Extravaganz nunmehr erwachsen umgehen möchte. Das nimmt dem Ganzen wiederum ein Stück weit den Reiz, weiß man doch, dass es hier nicht ums Erwachsensein geht, sondern darum, Erwachsensein zu mimen. Hart tun, während man den Spaß seines Lebens hat, weil die Welt einem sonst keine Aufträge erteilt. Oder wie die Konfirmandenlyrics über das Leben auf der Höhenrausch und Magenpoltern verursachenden Achterbahn verraten: »I have to suffocate, to stop the suffering.«
Vielleicht mag es genau das sein: Die handwerklich astreinen, jede Schnodderigkeit vermissen lassenden Songs, das Gegenteil jenes Hardcores, den Bands wie Hatebreed selbst und mit Stolz als Höhlenmenschmucke (»caveman-esque«) bezeichnen, und dazu die von Jake Luhrs gekonnt ins Mikro gebrüllten Grundschulgedichte machen August Burns Red seit nunmehr 23 Jahren zum unterhaltsamsten Ferienpark des Metalcore.
→ August Burns Red: »Season of Surrender« (Fearless Records)
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