Alle Schrauben locker
Schöpfung des Unbehagens: Ruth Herzbergs Künstler- und Beziehungsroman »Frequenzen«
Es ist kein guter Grund, ein Buch zur Hand zu nehmen, um sich wiederzuerkennen. Ein Spiegel täte es ja auch. Aber der Romantrend geht zum Sachbuch, das erklärt, was die Leserinnen und Leser längst kennen, weil alles darüber hinaus Unbehagen bereiten könnte.
Ruth Herzbergs neuer Roman »Frequenzen« nimmt das Vertraute als Schöpfungsgeschichte des Unbehaglichen. Adam und Eva lernen darin einander kennen – und führen sich auf wie die ersten Menschen. Die Affenliebe der Schriftstellerin zum postmodernen Kunstclown mit gehöriger Bindungsstörung gemahnt beim Lesen an die eigenen Störungsbindungen und zwischenmenschlichen Verhaltensauffälligkeiten: »Ich wollte das nicht. Das war plump von mir. Ich hätte das nicht sagen sollen.« So Adams Stabsatzgewitter, nachdem er Eva das x-te Mal verprellt und wieder zurückzitiert hat. Weil das aber nicht langt, wird alles rausgeholt: »Entschuldigung. Es verging kein Tag, an dem ich nicht an dich gedacht hätte. Du hast mir so gefehlt. Du bist mir so wichtig. Ich habe zu Fotos von dir onaniert.« Grad noch mal Glück gehabt, dass der Schmock das nicht öffentlich und als Performance gemacht hat, dem man beiwohnen und »fünf Euro für einen dünnwandigen Plastikbecher mit lauwarmer Weißweinschorle« löhnen darf. Verlustängste und ehrenlos unehrliche Nichtkommunikation bei Adam, Selbstmanipulation und Klammern bei Eva – was alles an der zumindest gewaltfreien Heterobeziehung krumm, schief, für Therapeutinnen und Therapeuten von Interesse und manch einem aus dem eigenen Leben in Erinnerung ist, findet sich im Gebaren dieses Paars.
Dazu kommt Tina – oder Tine, da sind sich zwischenzeitlich alle unsicher –, die »durch und durch fitte, gesunde, überdurchschnittlich durchschnittlich aussehende Topfrau«, deren Origin Story als fiese Frauenkonkurrenz daher kommt, dass ihr der von ihr und ihrer Clique gehänselte Junge in der Spät-DDR Schellen gibt: »Ronnys Ohrfeigen prägten Tina stärker als der Mauerfall.«
Vom ausgeteilten Leid des Mobbingopfers mit dem Vornamen des ostdeutschen Archetyps zehrt Arschlochadam genauso wie vom Abbruch des sozialistischen Projekts. Nicht nur, weil man die DDR-Kulturpolitik zwar auch an mancher Stelle zeihen kann, sie aber wenigstens dafür gesorgt hat, dass das Ausstellen schmelzender Eisblöcke nicht als Kunst fehletikettiert werden durfte. Adam bedient sich archäologischer Funde und verwurstet alte Heizkörper zur Installation.
»Kunst ist ein Abfallprodukt«, heißt es an einer von mehreren essayistischen Stellen des Romans, und das bisschen Ereigniswert ist ihr einziger: »Das Beste an der Kunst sind die Vernissagen. Das Beste an den Vernissagen ist der kostenlose Alkohol. Das Schlechte ist meistens die Kunst.« Adams ist besonders schlecht: »Der Schrottaspekt seiner Kunst ist unsichtbar. Seine Kunst ist die Verkörperung von Kunst. Geschaffen, um zu beeindrucken. Bei Adam gibt es keine Botschaft, außer: Das ist Kunst.«
»Frequenzen« gerät mal zu mal zum wenig wohlmeinenden Ausstellungskatalog, dessen Ausschweifungen in den Kontext genauso schiefgehen, wie es in solchen Beiwerken hierzulande eine Gepflogenheit ist: »Es mangelte an allem«, heißt es über die DDR. »Es gab zuwenig Lebensfreude, nicht genug Verzweiflung.« Und zur Materie, die sich dem dialektischen wie historischen Materialismus erwehrte: »Alle Schrauben waren locker.« Sozialismus als Ausschusswarengesellschaft: »Alles klapperte und wackelte, hing schief, sprang aus der Achse, fraß sich fest, drehte durch, weil mangels höheren Geistes keine Schraube und kein Gewinde, kein Zahnrad je perfekt ineinandergriff.« Perfekte Zahnrädchen sind dagegen nur da am Werk, wo der Müll auf die besiegte DDR gekippt wird. Dass die ein Land aus Pfusch gewesen sei, erzähle ich einem höheren Geist, meinem Akkustaubsauger, der als Neuanschaffung nach gerade einmal einjähriger Benutzung allen Dreck wieder ausspuckt, den er altersschwach einsaugt, als ginge ich mit einem Strohhalm übers Laminat. Aber vielleicht soll auch das Kunst sein.
Eva wiederum will Adam behalten, obwohl der schmalspurschöngeistige Lump alles tut, sie zu vergraulen. Vielleicht ist der Sex mit ihm ja ein Ereignis. Adams Bett jedenfalls wird ausschließlich »Galeere« genannt.
Auf eine Galeere gekettet fühlt man sich nicht, wenn man »Frequenzen« liest. Der Schauder, der einen überfällt, wenn der Künstlerroman aufs realistischste darstellt, aus was für Dummbatzen die Berliner Bohème besteht, ist wiederum so wohlig, als wäre man in die »Galeere« eingeladen worden. Wer Ruth Herzberg liest, lässt die Kunst sein. Denn wenn so ein Selbst aussieht wie bei Adam und Eva, warum sollte man das dann auch noch verwirklichen wollen?
→ Ruth Herzberg: Frequenzen. Mikrotext-Verlag, Berlin 2026, 216 Seiten, 24 Euro
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