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Literatur

Gekippte Welt

Übermenschliches, Allzumenschliches: Hendrik Otrembas Roman »Der Gräber«

Foto: Fine Sträter/MÄRZ Verlag
Schlechte Laune: Hendrik Otremba

Wie heißt es im Song »Am Ende einer groszen Verwirrung« der Gruppe Messer: »Ich hab’ die Erde verlassen / Ich vermisse sie – als Planeten / Manchmal glaub’ ich, es wäre besser / Hätte ich sie nie betreten.« Was Hendrik ­Otremba 2024 mit seiner Band und ihrem Konzeptalbum »Kratermusik« verhandelte, hat er auch noch in Romanform gegossen: »Der Gräber« ist der vierte Roman des 41jährigen. Und auch hier, wie in der Mehrheitsliteratur üblich, kippt die Welt um.

Oswalth Kerzenrauch, der titelgebende »Gräber«, lebt auf einer unwirtlichen Erde. Die Menschheit krepiert; nur er nicht, ist er doch seit 1942 da und nicht in der Lage zu sterben. Er zieht seine Tochter Luzie groß, sieht sie alt werden, älter, pflegt und beerdigt sie. Er selbst bleibt unter dem Radar, ist zeitweise so arm, dass er im Supermarkt klauen muss, bumst, badet, säuft, und ist drogenabhängig, wird Hobo. »Manchmal fragt er sich, warum er nichts aus seiner Eigenart macht. Er könnte sich der Wissenschaft zur Verfügung stellen. Oder in irgendwelche Talkshows gehen. Würde bestimmt Buchverträge angeboten kriegen. Er spricht darüber auch mit Luzie. Aber da ist ihm längst klar, dass er es niemals tun wird. Er hat Angst davor, es öffentlich zu machen. Früher hätte man einen wie ihn ausgestellt oder in eine Zirkusmanege gesetzt. Heute wäre er ein geheimgehaltenes Forschungsobjekt des Militärs. Oswalth will sich gar nicht vorstellen, was für mächtige Leute es gibt und welches Interesse sie an ihm haben könnten.«

Der Superheld will seine Rolle nicht – das Motiv des Übermenschen, der mit seinen Fähigkeiten, wenn überhaupt, bloß allzumenschlich verfährt, ist ein romantisches. Peter Schlemihl betrieb, Siebenmeilenstiefel an den Füßen, Privatforschung, statt die Welt zu retten. Oswalth Kerzenrauch denkt gar nicht daran, sich seiner Spezies zur Verfügung zu stellen, die den Planeten heruntergerockt hat, im nun vollends ruinierten – Berlinophobe würden sagen: zu sich selbst gekommenen – Berlin Endzeitorgien zu feiern, oder nach Nektar II zu fliehen. Statt dessen leidet er, ohne Chance auf erlösendes Ableben, wie der an den Kaukasus geschmiedete Prometheus. Nur dass Kerzenrauch kein Feuer gebracht hat. »Die Auslese des Postanthropozäns« geht statt dessen weiter, bis es niemanden mehr gibt, der ins Töpfchen sortiert wird.

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Das Vertrauen in die selbstverschuldet dezimierte Menschheit ist unwiederbringlich weg. Das Stapeln von Leichenbergen und Schutt, auch im Werk von Roberto Bolaño zentral, führt, wie beim Chilenen, auch bei ­Otremba nicht zur kathartischen Aufhebung. Zu lachen gibt es aber, im Gegensatz zu Bolaño, im »Gräber« nichts. Dafür aber eine Sehnsucht nach Naturschönem und Rückkehr zu vorzivilisatorischem Ursprung. Wer in »The Road« von Cormac McCarthy noch nicht von Gott abgefallen ist, legt keine Lustknaben in Ketten und bunkert nicht Menschenfrischfleisch im Keller. Wer in »Der Gräber« noch nicht innerlich kapituliert hat, hält es pantheistisch – auf einem Planeten, auf dem selbst die Fliegen ausgestorben sind.

Hendrik Otremba bemüht sich mit seinem Roman keineswegs darum, in aussichtsarmen Zeiten soziale Perspektiven zu schaffen. Einverstanden. »Der Gräber« wird so nicht missverstanden als Trostspende. Wäre da nicht das überkonfessionelle Begehr, das Hausverbot für den Garten Eden möge doch bitte aufgehoben werden, damit man zurückziehen kann. Denn wenn das das Ende einer großen Verwirrung ist, dann ist es auch der Anfang einer noch größeren.

→ Hendrik Otremba: Der Gräber. März-Verlag, Berlin 2026, 274 Seiten, 24 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 27.06.2026, Seite 10, Feuilleton

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