Kryptobros mit Furryfell
Elfriede Jelineks »Unter Tieren« als öffentlicher Selbstmord in der zweiten Natur
Über den Kapitalismus reden ist wie das Gespräch übers Wetter. Man spricht über etwas, das einem selbstverständlich erscheint, meist Unbehagen bereitet, zunehmend lebensfeindlich ist, aber eben auch unabänderlich, wenn man nicht, wie die Chinesen während der Olympischen Sommerspiele 2008, mit Raketen dagegen vorgeht, um den bewölkten Himmel aufzuhübschen. Kapitalismus ist dem Menschen zur zweiten Natur geworden, die er allgemein genauso wenig zu durchblicken scheint wie die erste. Stehste da wie der Ochs vorm Berg, wie’s Eichhörnchen, wenn’s blitzt. Machste nix!
Elfriede Jelinek übergibt in Anbetracht der pekuniären Pleiten-Pech-und-Pannen-Wirtschaft von René Benko und Co. den Tieren das Wort. Und es ist nur eines, ist »Unter Tieren« doch ein Monolog, in den sich die Fauna hineinteilt. Von Arbeitsteilung keine Rede, die Spezialisierung ist keine, weil sie nicht darüber hinausgeht, dass die Kuh Rind- und das Schwein Schweinefleisch abwirft. Alles wenig freiwillig, aber alternativlos, solang die höchste Erkenntnis die ist, dass sich die Gesetze hinter den Rücken der Menschentiere durchsetzen, drehen sie sich auch noch so oft nach ihnen um.
Etwa wenn der Esel die Kredittheorie durchexerziert: »Von nichts kommt mehr. Gold und Silber lieb ich trotzdem sehr, kann sie gut gebrauchen. Aber sie sind nicht alles. Sie können uns jedoch viel ersetzen.« Der Sturm auf die Bastille, damit dereinst die Goldbindung des Dollars gekippt wird und sich irgendwann jeder seine eigene Bitcoin basteln kann? »Egal, was auf Münze und Schein draufsteht, leerer Schein, nein, voller Schein, haben Gold und Silber ihren realen Wert in ihrer Eigenschaft als Ware, einen Wert, der sich auch mit den anderen Gütern im Verhältnis zur Menge dieser edlen Metalle die Waage hält. Jede Menge Probleme tauchen auf, bis die Französische Revolution dem ein Ende setzt oder einen Anfang, je nachdem, wer Sie sind und wo Sie gerade stehen.« Und schon stößt man ans Ende des sich nicht bequemenden Denkapparats: »Der Rest ist unverträglich mit meinem Verstand, ich bin nicht umsonst ein Esel geworden.«
Jede Menge Probleme: »Unter Tieren« liest sich wie der Blog eines so manisch-depressiven wie schizoiden Kryptobros mit Furryfell, der mit sich einen Dialog führt, der keiner ist und auch nicht sein soll, weil es so etwas wie Gesellschaft ja nun mal nicht gibt, wenn man sie verweigert. Das spiegelt die Verzweiflung wider, der selbst die Akteure und Profiteure des mit den eigenen Institutionen hadernden Postbankenkapitals anheimfallen. So das Schaf: »Heu nehme ich schon auch, wenn nichts andres da ist. Und dazu wünsche ich mir von Menschen, die noch nie ein Buch gelesen haben, zumindest eine Tonne Kies. Oder die Erde als Goldklumpen. Es wurde ja gesagt, die Armen würden sie erben. Ich sehe aber keine Anzeichen dafür. Was macht mein Erbe, wird es weniger, wird es mehr? Ist es gar weg? Aufgebraucht? Denn alles entsteht aus Seiendem, das ist ja allgemein bekannt, aber da ist nichts mehr; der Reichtum, woher sollte er denn sonst herkommen? Es muß was da sein, damit noch was dazukommt.«
Die Uraufführung des Stücks ist für den 16. August in Salzburg vorgesehen. Damit noch etwas hinzukommt, wurde »Unter Tieren« knappe zwei Monate zuvor als Buch veröffentlicht. Wird da die Autorin für den Markt gemolken? Sie deutet’s – mit der Ratte gesprochen – selber an, denn »wir brauchen immer Abschreibungsposten, und ich brauche neue Bücher, damit ich sie verbüchern und für mich kapitalisieren kann, indem ich sie hier Länge mal Breite herunterschreibe.« Und wieder das Iahen des Esels: »Schreiben ist Selbstmord, bei dem einem zu viele zuschauen. Oder niemand, wenn man Pech hat. Sie sehen nur das Ergebnis, sie sehen nicht, wie schwer es erworben wurde. Das Schnelle bewegt sich im Raum, geht fort, entfernt sich, und im Fortgehen besteht die Natur der Bewegung.«
Elfriede Jelineks »Unter Tieren« lässt die Evolution freidrehen. Das wäre schmerzhaft, wenn wir das nicht längst vom an sich selbst bekloppt gewordenen Kapitalismus gewohnt wären. Trotzdem – bist ein dummer Esel gewesen – will man nichts als fort, schnell, raketenschnell.
→ Elfriede Jelinek: Unter Tieren. Rowohlt-Verlag, Hamburg 2026, 224 Seiten, 24 Euro
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