Akademische Affenliebe
Bernard Hoffmeisters Poproman »Benjamin im Stroboskop«
Christian Kracht wird dieses Jahr 60. Was nach Lehrmeinung gute Literatur ist, haben mit Ontologischem und Pop, U und E jonglierende Autoren wie er und Rainald Goetz für die Bundesrepublik neu justiert. Aber das ist auch alles schon eine Weile her. Noch länger her ist, was Walter Benjamin 1928 in »Einbahnstraße« über den guten Schriftsteller festhielt: »Der gute Schriftsteller sagt nicht mehr, als er denkt. Und darauf kommt viel an. Das Sagen ist nämlich nicht nur der Ausdruck, sondern die Realisierung des Denkens. So ist das Gehen nicht nur der Ausdruck des Wunsches, ein Ziel zu erreichen, sondern seine Realisierung. Von welcher Art aber die Realisierung ist: ob sie dem Ziel präzis gerecht wird oder sich geil und unscharf an den Wunsch verliert – das hängt vom Training dessen ab, der unterwegs ist. Je mehr er sich in Zucht hat und die überflüssigen, ausfahrenden und schlenkernden Bewegungen vermeidet, desto mehr tut jede Körperhaltung sich selbst genug und desto sachgemäßer ist ihr Einsatz. Dem schlechten Schriftsteller fällt vieles ein, worin er sich so auslebt wie der schlechte und ungeschulte Läufer in den schlaffen und schwungvollen Bewegungen der Glieder. Doch eben darum kann er niemals nüchtern das sagen, was er denkt.«
Benjamins Sentenz gegen literarisches Plaudern und eloquente Muskelspielerei, dramaturgische Irrfahrten und fälschlich angebrachten Stuck lässt sich leicht und blöd missdeuten: »Write what you know« ist die nie exklusive, aber lang und breit verteilte Schmalspurbildung von Einrichtungen wie dem Hildesheimer Kulturcampus, samt dessen Schreibschule, die sich stets bemühte, neue Judith Hermanns in den Betrieb zu übermitteln. Fies vielleicht, aber nach mehrjähriger Vor-Ort-Recherche in Itzum lässt sich das schon so sagen; wobei man nie vergessen sollte, dass mit Autorinnen und Autoren wie Juan S. Guse, Maren Kames und Leif Randt völlig andere dem niedersächsischen Ausbildungsverein entsprangen, die heute in den Kulturteilen landauf, landab Erwähnung finden.
Auch Bernard Hoffmeister hat, wenn auch nicht Literarisches Schreiben, nebst in Düsseldorf auch in Hildesheim studiert. Heute doziert er an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität und schreibt unter anderem dem an britischem Quizfernsehen orientierten ARD-Format »Gefragt – gejagt« Kniffliges.
Knifflig ist auch, wie sich heute noch schreiben lässt, wenn nur noch so wenig geht in Kunst und Gesellschaft. Hoffmeister bedient sich der seit Benjamin bewährten Form des Montageromans, in dem der Poetry Slam zu dem wird, was sie bis dato als Performance nur bedingt war: Literatur.
Benjamin-Forscher Benjamin Schoenflies slamt in »Benjamin im Stroboskop« bei den »Bonkers« so vor sich hin; die Universitätskarriere plätschert, das Stipendium scheint so eingetütet wie unerreichbar. Statt dessen bekommt Schoenflies unerwartet Fördermittel bewilligt, das unvollendet gebliebene »Passagen-Werk« (1927–1940) öffentlich, in Gänze und vor allem still zu lesen. Der staatlich durch nicht unterlassene Hilfeleistung, primär aber selbstverschuldete Gewaltakt beginnt zäh und endet im Fiasko: »Noch nie war er sich so einsam vorgekommen wie in jenem Moment am nächsten Morgen, als er in gefühlter Herrgottsfrühe den Glaskasten aufschloss und seine erste Sitzung allein mit der Passagenarbeit verbrachte.« Und: »Am letzten Tag der ersten Woche wollte er gerade aufschließen, als er fast in einen Kotzfleck trat. Er schaute zur rechten Seite auf die Mauer, auf der ein Mann saß, der aussah, als hätte er sich vor kurzem übergeben. Auch sah man recht gut, dass das Kotzen eines seiner geringeren Probleme war.« Das Äußere, die wenig als solche zu nennende Resonanz auf die Leseperformance, treibt Schoenflies eigenhändig auf die Spitze: »Das Wochenende vor der dritten Woche brachte kaum Erholung. Handysucht, Blähungen durch Gummibärchen, sozialer Stress (Kovolult Benji, haha). Ein Interview lief ziemlich aus dem Ruder. Belastungsgrenzen schon vor der dritten Woche. Sonntagabend betrank er sich stark.« Bei der Finissage schlägt er seinen Professor mit der dargereichten Dorade.
Hoffmeister will viel: Er geht mit seinem Roman dem Fragmentarischen nach, das das Werk des vom Faschismus 1940 in den Tod getriebenen Walter Benjamin formal und durchaus auch inhaltlich ausmacht. Dazu gehören eine überbordende Intertextualität und das Einziehen von essayistischen Versatzstücken, die hier den ewigen Bund zwischen Suhrkamp und Goetz, da die Akademikeraffenliebe von Hochschullehrkörpern zum Deutschlandfunk aufgreift.
»Benjamin im Stroboskop« ist auch die Vermittlung dessen, wie es sich als akademisches Prekariat lebt und was es bedeutet, heute noch Slam-Poet zu sein, nachdem Julia Engelmann kam, sah, siegte und ihr pennälerlyrisches Schreckensregime einrichtete.
Primär aber wird mit Hoffmeisters Debüt der eigentlich totgerittene Poproman weitergeschrieben: Der universitäre Halbhänger und Standardfeminist Benjamin Schoenflies kippt zusehends ins Sinnelend eines am Flachmann nuckelnden Reclam-Knöllchen-Verteilers. Dazwischen muss der Held Kastrationsspritzen kaufen und benimmt sich ordentlich daneben – Ansätze dazu liefert er schon vor seinen Saufexzessen, als er sich mehr anmaßt, Bahnbrechendes zur Benjamin-Forschung beizusteuern, als dass er wirklich liefert, derweil er dauergeil und höchst unscharf am Leben vorbeistiefelt.
Ein Usus, eine Figur, ein Plot aus der Bundesrepublik Faserland, die ihr linksidentitätspolitisches Update erfahren hat: Doro, Benjamins Ex, wird auf das passivaggressivste interviewt und gibt so die Korrektur zum heteroflexiblen weißen Cis-Norm-Goi. Doro ist es auch, die das Weitertreiben von Überlebtem, das Fortspinnen von längst als Spinnerei Ausgemachtem in Worte fasst: »Meine Mutter sagte irgendwann mal zu mir, dass sie es hasste, feste Rollen zu spielen; aber was man nicht dürfe, auch wenn man sich frei fühle, sei aufhören zu spielen.«
Ebensolche seien darüber unterrichtet, dass wer 1983 »Irre« und ein Dutzend Jahre drauf »Faserland« gelesen hat, Bernard Hoffmeisters »Benjamin im Stroboskop« nicht schlechteren Gewissens als eh schon verpassen kann. Schade wär’s aber allemal.
→ Bernard Hoffmeister: Benjamin im Stroboskop, Satyr-Verlag, Berlin 2026, 264 Seiten, 24 Euro
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