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Der Traum von der DDR

Erinnerungen an den Schriftsteller Hermann Kant, der am 14. Juni 100 Jahre alt geworden wäre

Foto: Werner Schulze/IMAGO
Hermann Kant (vorn) während einer Lesung im Rahmen der Aktion »Schriftsteller für den Frieden« des Berliner Schriftstellerverbandes im VEB Berlin-Chemie in Berlin Ost (1982)

Warum wir zusammen ein Buch machen sollten, sah er zunächst nicht ein. »Alles über mich steht in meinen Texten.« Tatsächlich ging Hermann Kant ja beim Schreiben von eigenen Erlebnissen aus. Zudem traf ich ihn in schwieriger Lage. Frau und Kinder hatten ihn verlassen. Achtzig inzwischen, lebte er allein in einem Sommerhaus in Prälank. Seine Veröffentlichungen nach 1990 im Aufbau-Verlag – »Abspann« (1991), »Kormoran« (1994), »Okarina« (2002) – änderten nichts daran, dass er im günstigsten Fall als »umstritten« galt, was er für viele heute noch ist. Keine Lust, sich da noch einer Befragung zu unterziehen. Aber ich wollte ja keine Befragung, sondern ein Gespräch per du. Auch wenn mein damaliger Chefredakteur meinte, dass dadurch journalistische Distanz verlorengehe. Es sollte auch »kein Essay in zwei Stimmen« sein (an Hans-Dieter Schütt reichte ich da sowieso nicht ran), sondern ein offener Gedankenaustausch, bei dem man weiterfragt, wenn man etwas nicht versteht.

Im Schriftstellerverband, wo ich seit 1986 Mitglied gewesen war, hatte ich mich immer über seine Wortmeldungen gefreut. So klug und witzig, wie er sprach, konnte ihm niemand das Wasser reichen. Aber ich fand auch, dass er etwas Arrogantes hatte. Erst später würde ich verstehen, warum er diesen Schutzpanzer brauchte.

Als wir im Frühjahr 2007 mit den Interviews begannen, war ich auf einen tief verletzten, trotzigen Mann eingestellt, wegen seines politischen Engagements für die untergegangene DDR medial angegriffen und trotzdem nicht bereit, sich Asche aufs Haupt zu kippen. 24 Jahre Altersunterschied – ich wollte dieses andere Leben begreifen. Und auch ihm sollte das Gespräch guttun.

Schmerzhaftes würde ich nicht aussparen, aber erst mal frühe Prägungen erkunden: An Kindheit und Jugend in der Hamburger Armeleutesiedlung Lurup erinnerte sich Kant gern. Die Mutter Arbeiterin, der Vater wurde vom Orchideengärtner zum Müllmann, dann zum Straßenkehrer degradiert, weil er sich weigerte, der Entlassung eines kommunistisch gesinnten Kollegen zuzustimmen. Wer dafür war, sollte aufstehen. »Alle haben das getan, nur mein Vater ist sitzen geblieben. Ja, Herr Kant, was ist denn mit Ihnen, hat der Inspektor gefragt. Da hat er gesagt, was später in unserer Familie zum geflügelten Wort geworden ist: ›Stoh ick oder sitt ick?‹«

Erziehung zum Eigensinn, zur Ironie und zur Einsicht, mit den »Herrschaften« nichts zu tun zu haben. Hermann Kant hätte das Zeug für »dieses stinkfeine Gymnasium« gehabt. Aber der Vater ließ ihn einen Blick auf die Schüler dort werfen. Den »Unterschied in der Ausrüstung« hätte er nie wettmachen können.

Druckreif legte er dar, was ich wissen wollte. Ein interessanter Text, der allerdings in mehreren Anläufen zu kürzen war. Feierabendvergnügen. Meine Arbeit im Neues Deutschland – ich war ja Redakteurin für Literatur – brauchte ich nur für die Zeit unserer Gespräche zu unterbrechen. Er kam mit dem Auto aus Prälank und fuhr wieder zurück, wenn die Liste meiner Fragen abgearbeitet war. Antwortete, aber debattierte nicht. »Das ist dein Buch«, meinte er.

»Geburtstagsflucht« nach Hamburg

Wie ich etwas auch für mich selbst erkennen wollte, sehe ich erst heute. In die DDR hineingeboren, interessierte es mich, warum Kant sein geliebtes Hamburg dafür aufgab. Als die Grenze weg war, fuhr er immer am 14. Juni dorthin und speiste in einem Restaurant. Nicht ohne in Prälank den Anrufbeantworter abzustellen. Der Enttäuschung, dass Frau und Kinder sich nicht gemeldet hatten, wollte er entgehen. Obgleich geschieden und wissend, dass Marion in England einen neuen Partner hatte, liebte er sie immer noch.

Seine Freunde aus Schriftstellerkreisen – einige blieben ihm noch – wussten von seiner »Geburtstagsflucht« und würden sich später melden. Auch Eva Strittmatter gehörte zu ihnen. Jeden Abend telefonierten sie, und Kant hat mich erst auf die Idee gebracht, mit ihr das Gesprächsbuch »Leib und Leben« zu machen. Als sie beinahe aufgegeben hätte, als ihr Mann ab Sommer 2008 ins mediale Kreuzfeuer geriet, sprach er ihr Mut zu. Allerdings traf es ihn doch, dass Erwin, den er für seinen Freund hielt, nie mit ihm über seine Kriegsvergangenheit gesprochen hatte. »Ich erlebe ihn bei der Lektüre seiner Tagebücher über tausend Sachen gebeugt. Auch über mich und unsere Beziehung hat er hin und wieder was aufgeschrieben. Zum ›Aufenthalt‹ kein Wort. Zur ›Aula‹ habe ich einen wunderbaren Brief von ihm bekommen, Ermunterung eines erfahrenen Kollegen für einen jungen. Beim ›Aufenthalt‹ hat ihn meine selbstkritische Art womöglich gewurmt.«

Das sagte er im Dezember 2014 in unserem letzten großen Interview. Erst 2021 wurde es im Band »Therapie. Erzählungen und Essays« abgedruckt. Warum er eine Veröffentlichung zu Lebzeiten ablehnte, habe ich erst begriffen, als er am 14. August 2016, nach einem Sturz operiert, auf der Intensivstation im Krankenhaus Neustrelitz gestorben war. Die große Feier seines 90. Geburtstages im vollbesetzten Theater hatte er noch erlebt – voll Genugtuung, dass er in seiner Heimatstadt endlich die gebührende Aufmerksamkeit fand. Aber mehrere Krankenhausaufenthalte in der Vergangenheit sind ihm Warnung gewesen. Wie auch mir, wobei ich das auf jene witzige Weise ausdrückte, die er mochte. Halt dich ja tapfer, habe ich zu ihm gesagt, wenn ich mal für ein, zwei Wochen wegfuhr. Wer soll denn einen Nachruf schreiben, wenn ich nicht da bin? Nun hat sie einen, mag er sich gesagt haben. Ein letztes Interview, das ist doch was.

So war er. Wenn wir telefoniert haben, und das taten wir oft, sprach er niemals davon, dass es ihm nicht gut gehen würde, obwohl er zuletzt fast blind war. Lieber wollte er von mir wissen, wie mein Tag gewesen war. Irgendein Vorkommnis in der Redaktion lag mir ja immer auf dem Herzen. »Oh, das kenne ich«, sagte er dann, und erzählte mir eine Geschichte – erlebt oder im Moment ausgedacht –, die mir sofort gute Laune machte.

Dass sie ihn »als einen interessierten und fürsorglichen Menschen« erlebt hatte, bekundete auch Eva Strittmatter. Mehrere Gedichte hat sie ihm gewidmet, darunter auch »Sensibilität«, nachdem sie sich mit Christa Wolf über ihn gestritten hatte. »Allerdings ist er jemand, der sehr hermetisch ist. Es braucht einige Zeit, bis er einem Dinge anvertraut, die ihn ernsthaft betreffen.«

Das Drama im Roten Rathaus

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Wie er sich als Präsident des Schriftstellerverbands ständig zwischen zwei Feuern befand, überlege ich jetzt: zwischen den ideologischen Maßgaben des Politbüros – »Sie wollten uns stets die Linie geben, aber wir waren selbstständig denkende Menschen« – und den Begehrlichkeiten der Schriftstellerkollegen. Was der Verband alles zu verteilen hatte – Arbeitsstipendien, Westreisen, Wohnungen, Telefonanschlüsse –, war völlig an mir vorbeigegangen. »Kriegten sie es«, sagte Kant, »war es selbstverständlich, wenn nicht, war es ein Skandal«.

Direkt mit einem Westverlag Verbindung aufzunehmen und in Valuta bezahlt werden – Stefan Heym hatte das für sich geschafft. Für dieses »Devisenvergehen« stand er am 22. Mai 1979 vor Gericht und musste 9.000 Mark Strafe zahlen. Acht Autoren haben das zum Anlass genommen, mit ihm zusammen grundsätzlich gegen jegliche Einschränkung zu protestieren – und das in einem »offenen Brief«, der, wie es hieß, gleich an westliche Medien ging. Die haben sich das Spektakel am 7. Juni 1979 im Roten Rathaus nicht entgehen lassen.

Auch wenn das alles inzwischen Schnee von gestern ist, Kant hat sich bis zuletzt damit gequält. Eindeutig wurde damals ein politisches Exempel statuiert. Kurt Bartsch, Adolf Endler, Stefan Heym, Karl-Heinz Jakobs, Klaus Poche, Klaus Schlesinger, Rolf Schneider, Dieter Schubert und Joachim Seyppel wurden aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen. Kant hielt das für einen »politischen Fehler«, auch damals schon. Da würde man nur »ein paar Märtyrer mehr haben«. Zudem durchkreuzten diese Autoren seine Bestrebungen. »Ich wollte, dass wir unsere Bewegungsfreiheit erweitern, so wie ein Mensch langsam gegen schweren Druck die Ellenbogen ausfährt.« Aber sie »spitzten ihre Konflikte zu. Womit sie provozierten, dass sofort alle Sturmtruppen auf uns losgelassen wurden.«

Auf ein »anstrengendes Rededuell mit offenem Ausgang« sei er eingerichtet gewesen. Dass es am Vorabend ohne ihn eine Absprache zwischen der SED-Bezirksleitung in Gestalt ihres 1.Sekretärs Konrad Naumann und dem Vorstand der Bezirksorganisation Berlin des Schriftstellerverbandes gegeben hatte, bestätigte Gisela Steineckert, als wir 2013 das Buch »Das Leben hat was« zusammen machten. Dass Naumann sich in Moskau gegen Honecker als starker Mann in Szene setzen wollte (so hatte Honecker ja auch die Absetzung Ulbrichts erwirkt), wurde mir von Kant bekräftigt. Eine politische Intrige, aber warum haben so viele dabei mitgespielt?

Was mir immer noch im Halse steckt, ist die Häme, die den neun Angeklagten, so muss man es ja nennen, seitens der anderen Autoren entgegenschlug. Einige wenige haben vor der Abstimmung den Saal verlassen, aber die große Mehrheit wollte die Kollegen nicht mehr im Verband. Heym, der sowieso im Westen veröffentlichte und nun die Devisen einstreichen wollte, interessierte sie nicht, wie auch er sich nicht für sie interessierte.

In den Westen zu reisen, setzte Veröffentlichungen dort voraus, die eben nicht alle hatten. Und nun wurden auch noch Sonderregelungen beansprucht. »Eine bessere DDR wollten doch eigentlich alle, meinst du nicht?«, sagte Gisela Steineckert. Aber diese Leute »wollten so tun, als ob sie nicht in der DDR, sondern in der BRD leben würden. Auf der anderen Seite hatte sich die Parteiführung in eine Ecke manövriert, aus der sie nicht mehr herausfand.« Einige durften reisen, andere nicht. »Die unerfüllten Träume und Wünsche wurden zu Furunkeln in der Seele der Leute. Da waren die Forderungen dieser Autoren bei aller Berechtigung auf Provokation aus, weil sie genau wussten: Das können sie uns nicht erlauben.« Als sie es öffentlich machten, »waren es keine Privatforderungen mehr, da galten sie für alle. Im Kern ging es um die Abschaffung der DDR. Das Kräftespiel hieß Weltpolitik.« Kant sei »in diesen Strudel hineingerissen worden und hatte keine andere Möglichkeit, sich zu verhalten«.

Wirklich? Als er in jener Versammlung spürte, dass alles bereits beschlossen war, hat er sich in einer flammenden Rede gefallen. Da wurden die Verbandsausschlüsse, obwohl per Abstimmung beschlossen, ihm später allein zur Last gelegt. Hätte er damals widersprochen, gar seinen Posten zur Disposition gestellt – auch dieser Gedanke mag ihm gekommen sein –, wie vieles wäre ihm erspart geblieben, als sich die Machtverhältnisse änderten. 1989 stellte er im Präsidium die Vertrauensfrage und wurde bestätigt. Zum Schriftstellerkongress im März 1990 wurde er nicht mal eingeladen. Friedrich Schorlemmer, der unserem Buch später höchstes Lob zollte, hat sogar ein Tribunal für Honecker, Mielke, Schnitzler und Kant gefordert. Was für eine Kränkung! »Ich dachte, weil ich damals immer mal die kritische Klappe aufgetan hatte, würde man mich nicht als so einen absoluten Knüppelknecht betrachten.«

Warum hat die Absprache mit Naumann hinter Kants Rücken stattgefunden? Nur weil sie über Kreuz waren, seit Vera Oelschlegel zu Naumann gewechselt war? Oder sollte Kant in eine Zwickmühle geraten? Warum ist er auf den fahrenden Zug aufgesprungen, obwohl ihm die Richtung nicht behagte? Er wusste, dass schon ein Nachfolger bereitstand. Ein freundlicher, handzahmer, während er mit seiner hochtrabenden Eigenwilligkeit den führenden Genossen allzu oft auf die Nerven ging. Wie auch manchen Kollegen, als er bei Honecker eine Nachauflage für Erich Loest forderte, den Weggang von Günter Kunert und Sarah Kirsch bedauerte. Weniger erfolgreiche, aber linientreue Autoren empfanden das als ungerecht. Zudem hatte ihm Konrad Naumann schon mal gedroht, dass man den ganzen Laden notfalls auflösen könne. Aber er hatte für den Verband ein Ziel: »Einmischung in gesellschaftliche Angelegenheiten«.

Der Schriftstellerverband als politische Kraft – wie habe ich die offenen Debatten dort genossen und es als Literaturkritikerin für völlig normal gehalten, dass künstlerische Qualität unterschiedlich verteilt ist, entsprechend auch öffentliche Geltung. Kant lebte im Bewusstsein einer Mission, den literarischen Ruhm hatte er sowieso.

Eine gute Figur machen

Selbstbewusst, ehrgeizig. Schon eine frühe Erzählung von ihm führt das vor Augen. »Mitten im kalten Winter« ist 1962 im Sammelband »Ein bisschen Südsee« erschienen und wurde 1968 für das DDR-Fernsehen von Ulrich Thein verfilmt. Da sitzt ein schmächtiger Kerl auf einem vereisten Elektromast; bei acht Grad unter null hat er gesprungene Isolatoren auszuwechseln. Es gab dieses Rittergut wirklich und Kant selbst war dieser Paul, der seinen Hunger nicht zugab. Der sich nichts von seiner Beschwernis anmerken ließ, zumal nicht vor der kleinen Dienstmagd, die da in Holzpantinen über den Hof kam. »Wollte hoch hinaus und dabei eine gute Figur machen?« Im Nachwort zum Band »Therapie« habe ich ein Fragezeichen gesetzt, aber das war wohl tatsächlich die Formel seines Lebens.

Der Schemel, auf den er im polnischen Kriegsgefangenenlager stieg, war nicht so hoch, aber die Rede, die er von dort aus hielt, war um so riskanter: Dass er es mit allen aufnehmen könne, was den Wunsch nach Heimreise betraf, dass aber vorher noch »für die Hinfahrt« bezahlt werden müsse. Denn wer habe das denn hier alles angerichtet. Das Lager befand sich auf dem Gelände des Warschauer Ghettos. Sie hätten ihn verprügeln können, diesen jungen Spund, der ihnen die Leviten las. Sein Wortwitz rettete ihn.

Ein Hochgefühl, das er genoss, wobei er noch nicht wusste: Die Weichen seines Lebens waren damit »schon gestellt«. Eine »Bilderbuchfigur für Kaderleute: Kommt aus dem Arbeitermilieu, war, ohne vorher ein gewaltiger Schweinehund gewesen sein zu können, lange in Gefangenschaft, kehrte als Antifa-Mann zurück. Ich kam sofort in die Universitätsparteileitung von Greifswald«, und an der Humboldt-Universität setzte sich das fort.

Als Anna Seghers 1978 als Präsidentin des Schriftstellerverbandes zurücktrat, musste man ihn nicht drängen, die Funktion anzunehmen. »Ich wollte es, weil ich wusste: Wenn du es bist, kannst du dies und jenes machen. Und wenn du es nicht bist, musst du vieles mit dir machen lassen. Da war mir das Selbermachen schon lieber.« Käme er noch mal auf die Welt, habe er später manchmal gedacht, »schreibst du nur Bücher«. Aber er wusste doch, wie ihn das Herausfordernde reizte. »Das kriege ich schon hin«, sagte er sich, ausgerüstet mit dem Selbstbewusstsein eines Autors, nach dessen Büchern die Leute Schlange stehen, beginnend mit der »Aula«, Mit »Das Impressum« und seinen köstlichen Erzählungen setzte es sich fort. Als sein wichtigstes Werk betrachtete er indes den Roman »Der Aufenthalt«. Einen langen Anlauf hat es gebraucht, bis er für das in der Gefangenschaft Erlebte den passenden Erzählton fand. Keinesfalls klagend, weinerlich sollte es sein. Es ging um den Umgang mit deutscher Schuld, um Selbstauseinandersetzung und, weitergedacht, um seine Entscheidung für die DDR.

Ein schöner Apfel mit faulen Stellen

Als wir 2007 über ein Dreivierteljahr fast 50 Stunden im Gespräch waren, bedurfte es schon einer Erklärung, warum jemand den Glauben an »die Sache« des Sozialismus nicht verlor und welche »Sachen« konkret damit verbunden waren. Ob denn nicht schon die Enthüllungen auf dem XX. Parteitag der KPdSU über stalinistische Unterdrückungsmethoden für ihn ein Schock gewesen seien, fragte ich. Er pflichtete mir bei: »Zum Beispiel die ›Verschwörung der jüdischen Ärzte‹«, wie es hieß, »daran konnte man doch nicht im Ernst glauben. Aber hör mal: Man hätte dies und jenes nicht mitgemacht, man hätte nicht geschwiegen, wenn die Alternative zu dem beschädigten Sozialismus nicht der für Leute meiner Überzeugung gänzlich inakzeptable Kapitalismus gewesen wäre. Der Westen war unverdaulich, deshalb schluckte man im Osten auch das, was einem nicht schmeckte.«

Er habe immer gesehen, »was alles nicht so bleiben kann und darf«, und doch gehofft, dass sich derlei Gebrechen heilen lassen. »Ich sagte mir nie: Die Sache ist faul, an der ich beteiligt bin. Sondern: Die Sache hat einen Fäulnisschaden, den müssen wir rauspulen, ohne das Ganze zu beschädigen.« Was auch im Lande geschah – die Auseinandersetzungen am 17. Juni 1953, der Mauerbau (»der aufgemauerte Kalte Krieg und unser schlimmstes Armutszeugnis«, so steht es in der »Aula«), das 11. Plenum 1969, die Ausbürgerung Wolf Biermanns – er begriff es aus der Tatsache heraus, dass die Existenz der DDR immer auf dem Spiel stand. Für den Westen ein Unrechtsstaat (nicht wegen mangelnder Freiheiten, sondern wegen der Enteignung der Konzerne) und von Osten her tunlichst am Gängelband gehalten. Auch in die Kulturpolitik mischte sich der Kreml ja ein.

»Das beste an der DDR war der Traum, den wir von ihr hatten«, sagte Kant in unserem letzten großen Interview. »Nicht ohne Utopie« hat Linde Salber auch die tiefgründige Biographie genannt, die sie 2013 auf eigene Kosten verlegte. Was er dem untergegangenen Staat bei allen Mängeln zugute hielt: »Dass man gebraucht wird, dass man nicht denkt, das alles sinnlos sei.«

Wie heutig klingt sein Ausspruch von 2007: »Was sehe ich denn heute für eine Welt? Was sehe ich denn für Figuren, die über Leben und Tod bestimmen? Insofern sage ich nicht: Wir waren die Falschen und sie die Guten. Nein, aber wir waren nicht gut im Betreiben einer guten Sache.«

Zur Autorin: Irmtraud Gutschke

Irmtraud Gutschke ist Literaturwissenschaftlerin und Journalistin. Zuletzt erschien von ihr an dieser Stelle am 28./29. August 2025 »Durchschauen, was uns umgibt« – über den sowjetischen Schriftsteller Juri Trifonow anlässlich seines 100. Geburtstages

→ Irmtraud Gutschkes und Hermanns Kants Gesprächsbuch »Hermann Kant. Die Sache und die Sachen« wird im Aufbau-Verlag zusammen mit den meisten Werken Kants, darunter auch dem Band »Therapie«, lieferbar gehalten. Die große Biographie »Hermann Kant. Nicht ohne Utopie« von Linde Salber ist noch antiquarisch zu haben.

→ Literatursalon mit Irmtraud Gutschke zum 100. Geburtstag von Hermann Kant am 30. Juni, 18 Uhr, Franz-Mehring-Platz 1, 10243 Berlin

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Erschienen in der Ausgabe vom 13.06.2026, Seite 6, Wochenendbeilage

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