-
30.03.2026
- → Politisches Buch
Um das Ganze
»Nebel der Verwirrung«: Rainer Mausfeld analysiert Mechanismen des oligarchischen Machterhalts
Auf dem Titel ein Ausschnitt aus dem Gemälde »Manifestación« des argentinischen Malers Antonio Berni: Verzweifelte Menschen, die nicht anders können, als sich im Aufbegehren zusammenzuschließen. In seinem neuen Buch »Hegemonie oder Untergang. Die letzte Krise des Westens?« analysiert der Psychologe Rainer Mausfeld, wie Zukunftsangst und das Gefühl politischer Ohnmacht Herrschaftsinteressen entgegenkommen. Wie mit Furcht Politik zu machen ist, hat er schon in »Angst und Macht« (2019) dargestellt. »Warum schweigen die Lämmer?« (2021) galt den Methoden, mit denen sich oligarchische Strukturen in westlichen Gesellschaften etablieren.
Seit der Frühzeit des Kolonialismus habe der »Westen« seine Identität »aus einer Konstruktion des anderen« bezogen, stellt er fest. Sein Reichtum, als Überlegenheit dargestellt, verdankte sich immer schon der Ausbeutung ärmerer Länder. Auch wer hierzulande vergeblich eine Wohnung sucht, den Job verloren hat oder auf Preiserhöhungen schimpft – die Fernsehbilder zeigen, dass es vielerorts viel schlimmer ist als hier. Dass »die kolonialen Ausbeutungsmuster mit dem Abzug von Truppen, Flaggen, Bürokraten ganz offensichtlich nicht verschwunden« sind, wird im Buch faktenreich dargestellt.
Die »gegenwärtige Krise des Westens« erklärt sich für Mausfeld auch daraus, dass aufstrebende Nationen auf mehr Einfluss und eine gerechtere Weltordnung drängen. Es gehe nun »um das Ganze der Sicherung einer Lebensform, die sich über Hunderte von Jahren auf Kosten der übrigen Welt herausgebildet hat.« Bisherige Machtpolitik maskiert sich nicht mehr.
Im Untertitel steht ein Fragezeichen. Mausfeld legt sich nicht fest, ob es wirklich die »letzte Krise des Westens« ist und wie lange sie dauern wird. Sicher ist nur, dass die sogenannte Zeitenwende von globaler Aufrüstung begleitet ist. Die allerdings geht zu Lasten der Bevölkerung und stellt somit auch ein politisches Risiko dar.
Über lange Jahre sei es gelungen, »Menschen sozial und gedanklich zu fragmentieren und sie durch Konsumismus, Überflutung mit Nichtigkeit und durch billige Unterhaltung in einem permanenten gedanklichen Nebel der Verwirrung zu halten«, schreibt Mausfeld. Viele waren mit »einer Illusion von Demokratie« zufrieden, versüßt durch die »Privilegien eines vergleichsweise hohen Lebensstandards«. Was, wenn dieser Deal nicht mehr funktioniert?
Da wird Angst zum Herrschaftsinstrument, wobei die »da oben« ihre Angst vor Machtverlust auf die »da unten« projizieren. »Die Machteliten schafften sich mit all ihrer psychischen Kraft ein Scheinbild der Wirklichkeit, das ihre Wünsche, ihr Denken und Handeln wieder zu einem Sinnganzen macht«, so Mausfeld. Er stellt heraus: »Wir neigen dazu, uns für ›normal‹ zu halten und den psychischen Prägungen durch die herrschenden Machtverhältnisse keine Aufmerksamkeit zu schenken.« In einer sozial atomisierten Gesellschaft von Konkurrenten und Konsumenten hat es kollektiver Widerstand schwer. Subjektiver Aktionismus ohne politischen Durchblick laufe ins Leere, ja ordne sich letztlich gar in Machtverhältnisse ein. »Vorgebliche Systemkritik oder begriffslose Empörung werden zu einer marktkonformen Inszenierung von Opposition innerhalb des ideologischen Gewölbes.« Eine solche »politisch folgenlose Simulation von Dissens« sei »geradezu erwünscht, weil sie dazu beiträgt, die Illusion von Demokratie aufrechtzuerhalten«.
Da fügt das Bild auf dem Titel dem Text noch einen wichtigen Aspekt hinzu. Bernis Gemälde entstand 1934, im sogenannten »berüchtigten Jahrzehnt« Argentiniens, das 1930 mit einem Militärputsch begann, dem weitere folgten. Von kanalisierten Massenprotesten gegen Korruption und soziale Ungerechtigkeit profitierte schließlich Juan Domingo Perón. Sozialpolitik verband sich bei ihm mit Nationalismus und Antikommunismus. Nach 1945 hieß Perón Naziverbrecher willkommen, in denen er politisch Verfolgte sah.
Rainer Mausfeld: Hegemonie oder Untergang. Die letzte Krise des Westens? Westend, Neu-Isenburg 2025, 210 Seiten, 24 Euro
Unabhängiger Journalismus braucht deine Unterstützung.
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 2,6
Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!