»Sabina, warum tragen diese Mädchen Hosen?«
Von Irmtraud Gutschke
Ich stehe auf, wasche mich schnell, packe das Schulterjoch und die Eimer, um zum Kuban nach Wasser zu laufen«, so beginnt die Erzählung »Treue« von Rosa Pas, die am Beginn des Bandes »Kaukasische Frauen« steht. Ein Tragjoch: Wann ist das? Im 19. Jahrhundert? Nein, es geschieht wohl heute. Die Autorin ist Jahrgang 1953; ihr Text wurde aus dem Abasinischen übersetzt, das in der russischen Teilrepublik Karatschai-Tscherkessien gesprochen wird. Auf einer Fläche, etwa so groß wie Brandenburg, leben dort Angehörige von 80 Ethnien. Man stellt sich den Kaukasus ja gemeinhin als zusammenhängendes Gebiet vor, aber so ist es nicht. Die Region ist von streng bewachten Staatsgrenzen durchschnitten, von Konflikten versehrt, welche Kränkungen hinterließen. Auf einst sowjetischem Territorium ist nationaler Aufbruch bis heute von Zwistigkeiten begleitet.
Im Herzen des Kaukasus: Georgien und Armenien, zwei uralte christlichen Kulturen, voller Sehnsucht nach Europa. Aber nicht nur Aserbaidschan im Süden ist muslimisch, auch im Nordkaukasus – in Dagestan, Ossetien, Tschetschenien, Kabardino-Balkarien ist der Islam die dominante Religion. Vom Umschlag des dicken, von Steffi Chotiwari-Jünger herausgegebenen Bandes blickt uns eine schöne Tscherkessin entgegen, die wohl nie ein Schulterjoch getragen hat. Aber in der eingangs erwähnten Erzählung wird eine alte Frau sich damit für ihre Hochzeit schmücken. Denn unerwartet ist ihr Geliebter zurückgekommen, in einer »Uniformjacke, wie sie Stalin trug«. Vierzig Jahre war er in Sibirien verschollen gewesen, eingesperrt, weil er während des Krieges in Gefangenschaft geraten war. Patina hat auf ihn gewartet.
»Treue«: Nicht alle Texte enden so glücklich. In Kabardino-Balkarien, so erfährt man, lebten einst 300.000 Menschen. 55.000 wurden vom Stalinschen Terror erfasst. In herzzerreißenden Szenen wird ein Deportationsmarsch aus »Westarmenien« geschildert, das viele Armenier so nennen, obwohl es zur Türkei gehört. Kein Vergleich mit der Kränkung eines Mädchens, das in einer Musikschule Ablehnung erfährt, obwohl (oder weil) ihre Klavierversion von Mozarts »Requiem« zunächst bewundert worden war. Lag es an diesem Stück, das sie in einer deutschen Kirche in Baku gehört hatte? Hat es die aserbaidschanische Lehrerin als fremd, als unstatthaft empfunden?
Spannend ist es zu erleben, wie Frauen auf subtile Weise von ihrem Umfeld beeinflusst werden. Manche – gerade in den muslimischen Bergdörfern des Nordens – kommen nicht mal auf die Idee, aus den Traditionen auszubrechen, die ihnen Halt versprechen. Arrangierte Hochzeiten? So war es schließlich seit jeher. Für einen Mann gehört es sich nicht, Kinder herumzutragen. Eine Frau soll ihrem Mann auch nach dessen Tod noch treu sein. Ein Mann verlässt seine Angetraute, weil sie ihm drei Mädchen, aber keinen Sohn geboren hat … Das wird von den Autorinnen mit kritisch-forschendem Abstand beschrieben, denn die meisten von ihnen sind ja selbst aus der Enge des Dorfes ausgebrochen. Andererseits ist es die vertraute Welt der Mütter und Großmütter, in die sie eintauchen, wenn sie zu Besuch kommen.
Schwieriger ist es, wenn eine Mutter beschließt, zur Tochter in die Stadt zu ziehen. »Sabina, warum tragen diese Mädchen Hosen?« Was alles die alte Muslikat in der Stadt nicht versteht, erscheint in der gleichnamigen Erzählung zunächst als komisch-hinterwäldlerisch. Sie verärgert die Tochter, als sie im Mehrfamilienhaus die Treppen wischt, wofür Mieter gar nicht zuständig seien. Findet Ablehnung, weil sie aus Mitleid ein hungriges Kätzchen in die Wohnung holt, und Unverständnis, weil sie viel zu große Mahlzeiten kocht, für den Fall, dass Gäste kommen. Doch allmählich wandelt die auf Darginisch schreibende Ajscha Kurbanowa die Perspektive. Hat Muslikat nicht recht, dass »diese Städter« ihr modernes Leben mit Vereinzelung bezahlen? Wie »Ameisen« rennen sie herum. »Warum setzten sie sich nicht nebeneinander und erzählen von ihren Freuden und Sorgen?« Muslikat liebt Tochter und Enkel. Aber kann sie in der Stadt glücklich sein?
Zerrissenheit. In »Monolog aus dem Irrenhaus« wird eine junge Frau darüber verrückt. Aus der erzwungenen Ehe mit einem ungeliebten Mann kann sie sich befreien. Sie flieht nach Paris, in die Stadt der Liebe. Aber welche Enttäuschung. »Die Männer hier sind irgendwie schüchtern, ihnen müsste man Courage verleihen (…) Man hat den Eindruck, die Männer degenerieren. Sie sind alle bedauernswert, schwächlich, mit Komplexen (…) Was kann so ein Mann einer Frau geben?« Sieht so das Ergebnis »der Emanzipation« aus?
Diese »idiotische Romantik«! Auf furiose Weise hat die Armenierin Anahit Topchyan zugespitzt, wie emanzipierte Frauen auch hierzulande nicht selten an ihren widersprüchlichen Ansprüchen verzweifeln. Denn sie können sich den Mann nicht backen, der keinesfalls dominant sein darf und es dann doch wieder sein soll. »Ich verstehe nicht, wer krank ist: die Welt oder ich mit euch?« Wahrscheinlich stimmt beides. Dass diese Frau nicht wirklich lieben kann, hat zudem Gründe. Was für ein Schicksal! Was für ein starker Text, einer der längsten im Buch.
Ein weibliches Universum, nicht auf einen Nenner zu bringen. Alles gibt es hier: Treue zur Tradition und Aufbegehren dagegen, Sanftmut und kriegerischen Zorn, Liebe und Einsamkeit. Wofür der Herausgeberin und Übersetzerin Steffi Chotiwari-Jünger besonders zu danken ist: 42 Autorinnen, die 17 kaukasischen Völkern angehören, hat Steffi Chotiwari-Jünger in diesem dicken Band zusammengebracht, die meisten überhaupt erst für uns entdeckt. Detektivarbeit, weil nationale Literaturgeschichten vornehmlich den Männern gelten. Sie hat diese Frauen gleichsam an einen Tisch gebracht – Musliminnen, Christinnen, Atheistinnen –, damit sie einander in die Augen schauen. Sich fremdes Leid zu Herzen nehmen und irgendwann gutgelaunt über die Männer lästern.
Stimmen vom Berg der Sprachen. Kaukasische Frauen erzählen. Herausgegeben und übersetzt von Steffi Chotiwari-Jünger. Pop Verlag, Ludwigsburg 2025, 524 Seiten, 29,90 Euro
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