»Die Schlange verschluckt den Igel«
Von Irmtraud Gutschke
Das Fragezeichen im Titel von Carsten Gansels Buch »Ausradiert? Wie die Literatur der DDR verschwand« meint Empörung und zweifelnde Nachdenklichkeit. Was in der DDR geschrieben wurde, steht noch in manchem Bücherschrank. Vieles ist antiquarisch zu haben. Weniges wird neu aufgelegt. Aber dieses Buch geht weit übers Literarische hinaus. Was alles ausgelöscht wurde im Osten, es lebt weiter als bleibende Verletzung.
1955 in Güstrow geboren, war Carsten Gansel 1995 in Gießen der einzige Ostdeutsche mit einer Professur für Deutsche Literatur an einer Westuniversität. Gerade er hat viel dafür getan, DDR-Literatur im Gedächtnis zu halten. Wie in seiner großen Biographie über Brigitte Reimann bleibt er auch hier seiner Methode treu, literarisches Schaffen in Bezug auf jeweilige Zeitumstände zu betrachten, so dass auch gleichsam eine Geschichte der DDR entstand.
Zu Ende gesiegt
Der große Aufbruch nach 1945 war mit Zukunftshoffnungen und Visionen verbunden. Doch schon bei der damaligen »Aufbaugeneration« von Autorinnen und Autoren – genannt sind hier Christa und Gerhard Wolf, Uwe Johnson, Günter Kunert, Brigitte Reimann, Irmtraud Morgner – wurde deutlich, wie künstlerischer Eigensinn mit staatlicher Macht kollidierte. »DDR-Literatur als Stabilisator und Störfaktor« – dem wird in dieser Literaturgeschichte detailliert nachgegangen.
Wobei das Buch vor allem aus dem Protest gegen jene dämonisierenden Phantombilder entstand, die bis heute über die DDR im Umlauf sind. Eine »mit Milliarden geförderte Aufarbeitungsindustrie«, so Gansel, sollte dafür sorgen, dass der Sieg über dieses andere System komplett war.
Dass es keine wirkliche deutsche Vereinigung war, weil nicht mal geprüft wurde, was man aus der DDR hätte übernehmen können, ist eine Tatsache, die bis heute viele Ostdeutsche frustriert. »Wo gesiegt wird, wird zu Ende gesiegt.« Der Satz von Hermann Kant ist mir bis heute im Ohr. Dieser DDR-Schriftsteller – sein Roman »Der Aufenthalt« findet sich hier auf einer Liste lesenswerter Bücher – wäre am 14. Juni hundert geworden. Immerhin bleibt sein Werk auch unter veränderter Leitung im Aufbau-Verlag präsent.
Von den 78 DDR-Verlagen sind 2009 acht geblieben. Lediglich 2,1 Prozent der deutschen Buchproduktion finden noch im Osten statt. Die Demütigung, nun bei Verlagen Klinken putzen zu müssen, ließ viele Autoren verstummen. Wie 80 Millionen Bücher aus DDR-Produktion 1990 vernichtet wurden, war ein Skandal (im Buch ist eine solche Müllkippe zu sehen) und entsprach doch einer Notlage, als der Buchmarkt im Osten plötzlich zum Liefergebiet des Westens wurde. Buchhandlungen remittierten ihre Bestellungen. Bibliotheken sortierten aus. Neues musste in die Regale. Von den 32.000 Bibliotheken in der DDR sind kleinere geschlossen worden. Und die, die durch persönliches Engagement am Leben blieben, sind heute von der Finanznot der Kommunen bedroht.
Ohnehin stand vielen Leuten damals der Sinn nicht nach Büchern. Das »Verramschen der DDR-Volkswirtschaft im Schnelldurchlauf«, wie Gansel schreibt, hatte Betriebsschließungen und Arbeitslosigkeit zur Folge. Existenzsorgen und Konsumverheißungen ergaben ein toxisches Gemisch.
Ideal und Wirklichkeit
Die »permanente Delegitimierung des Ostens« hatte eine Vorgeschichte: Zwei Staaten mit ihren jeweiligen Besatzungsmächten standen sich an der Frontlinie des Kalten Krieges gegenüber. Im Buch wird auf die Hallstein-Doktrin verwiesen: Die Anerkennung der DDR durch Drittländer konnte seitens der BRD mit dem Abbruch diplomatischer Beziehungen geahndet werden. Auch die DDR folgte einer Abgrenzungspolitik, welche allerdings früh schon vom Streben nach völkerrechtlicher Anerkennung begleitet war. In diesem Spannungsfeld befand sich auch die Literatur. Bei allem, was geschah, wurden in DDR-Machtetagen mögliche Reaktionen aus dem Westen mitbedacht. Und an Moskau war man sowieso gebunden. Schließlich ebnete Gorbatschow dem Beitritt der DDR zur BRD den Weg.
Dieser Beitritt sollte reibungslos laufen. Wie die Literatur dabei zum Kampffeld wurde, wird hier ausführlich dargestellt. Autoren wurden in »Schubfächer wie staatstreu oder kritisch« einsortiert, und der Bannstrahl traf sogar jene, die einst im Westen hofiert worden waren. Christa Wolf, Stefan Heym – Identifikationsfiguren wurden demontiert. Ohnehin, schreibt Carsten Gansel, muss der Osten ohne Repräsentationsinstanzen auskommen, denn die meisten Medien sind in westdeutscher Hand.
Der Buchmarkt überrollte das Leseland DDR, wo Literatur mehr war als Event. Als Einmischung in gesellschaftliche Angelegenheiten war sie eine Macht. »Es ging um die authentische Darstellung des Lebens«, so Gansel, um das Erkennen, Durchschauen und bei all dem immer um den Vergleich zwischen Ideal und Wirklichkeit. Insofern, denke ich, war eine kritische Sicht sogar jenen Werken eingeschrieben, die man affirmativ nennen könnte, weil man das Dargestellte ja mit eigener Erfahrung verglich.
Dass die verknöcherten Machtstrukturen wegen mangelnder Lernfähigkeit kollabierten, darin hat Carsten Gansel wohl recht. Dennoch hätten »um die 98 bis 99 Prozent der Bevölkerung bis zum Herbst des Jahres 1989 keine Veranlassung« gesehen, »die DDR als System abschaffen zu wollen«. Was »es für eine Gesellschaft und die dort agierenden Individuen bedeutet, wenn kein Privateigentum mehr existiert«, gibt er zu bedenken. Viele DDR-Bürger wollten zu dem, was sie hatten, lediglich das hinzu, was der Westen zu bieten hatte: Reisefreiheit und Konsum, die D-Mark lockte. Dass sie ihre Arbeitsplätze verlieren könnten, gar Häuser und Grundstücke, kam ihnen nicht in den Sinn.
»Politisch und medial war den früheren DDR-Bürgern seit dem Beginn der 1990er Jahre … klar gemacht worden, dass man ihnen im Einigungsprozess nur eine passive Rolle zubilligte«, schließlich kamen sie aus einem gescheiterten Staat. Wenn ihnen nun vorgehalten wird, »nicht hinreichend in der Demokratie angekommen« zu sein, verstärkt das den Zorn. Sie lassen sich von Begriffen nicht blenden, sie wissen, wie Macht funktioniert, und sind geübt, Ideologie zu durchschauen.
Vergleichen können
Dass »Vorgänge der Auslöschung« zum »Motor für das Erinnern und Bewahren werden« können, ist eine kluge Feststellung, ebenso wie die, dass »die Ostdeutschen gegenüber ihren Landsleuten in Westdeutschland einen Erfahrungsvorsprung haben, weil sie vergleichen können«. Sie machen nur zwanzig Prozent der deutschen Bevölkerung aus, aber als »Beobachter und Aufstörer« sind sie nicht zu unterschätzen.
»Die DDR ist tot, das ist Legende«, hat der Schriftsteller Ulrich Plenzdorf zu Carsten Gansel gesagt. »Die können mich gar nicht beleidigen«, meinte Stefan Heym. Er habe sein Leben »nach einer bestimmten Fasson gelebt«. Und noch mit einem besonders verschmitzten Satz wird er zitiert: »Die Schlange verschluckt den Igel, die Schlange wird Verdauungsschwierigkeiten haben.«
Carsten Gansel: Ausradiert? Wie die Literatur der DDR verschwand. Reclam-Verlag, Ditzingen 2026, 383 Seiten, 28 Euro
Literatursalon mit Carsten Gansel: 28. April, 18 Uhr, Franz-Mehring-Platz 1, 10243 Berlin
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