Zum Inhalt der Seite
European Press Prize

Preis für Reportage über Genozid

Niederländische Investigativjournalisten erhalten den European Press Prize. Ihr Bericht deckte den gezielten Beschuss von Kindern im Gazastreifen durch die israelische Armee auf

Foto: Hatem Khaled/REUTERS
Evakuierung des Europäischen Hospitals nach israelischen Luftangriffen (Khan Junis, 13.5.2025)

Die investigative Journalistin Maud Effting und ihr Kollege Willem Feenstra haben in diesem Jahr den European Press Prize (Europäischer Pressepreis) gewonnen. Die beiden arbeiten für die renommierte niederländische Tageszeitung De Volkskrant. Am 3. Juni wurden sie bei der Preisverleihung in der portugiesischen Hauptstadt Lissabon in der Kategorie »Herausragende Berichterstattung« für ihren Artikel »Was die Wunden uns erzählen« ausgezeichnet. Darin enthüllten sie im vergangenen September, dass israelische Soldaten im Gazastreifen gezielt auf Kinder schießen.

»Dies ist herausragender Journalismus, der unter außergewöhnlichen Umständen geleistet wurde«, begründete die Organisation des Preises, die NGO European Press Price mit Sitz in Amsterdam, ihre Wahl. Die Jury lobte die »akribische Recherche«, die dem Artikel zugrunde lag, »während unabhängiger Zugang zum Gazastreifen praktisch unmöglich gemacht wurde«.

Der mit 10.000 Euro dotierte European Press Prize wird seit 2012 in fünf Kategorien verliehen: Investigative Reportage, Herausragende Berichterstattung, Öffentlicher Diskurs, Innovation und Migrationsjournalismus. In der Kategorie »Öffentlicher Diskurs« wurde dieses Jahr die deutsche Journalistin Kerstin Kohlenberg für ihren im Wochenblatt Die Zeit erschienenen Artikel »Nie wieder!« geehrt, in dem sie den Aufstieg von Donald Trump mit dem der Alternative für Deutschland (AfD) verglich. Die wohl couragierteste Arbeit, die der Jury vorlag, stammte von der Niederländerin Anne Grietje Franssen, die in derselben Kategorie wie Die Zeit den zweiten Platz belegte. Franssen verfasste im NRC Handelsblad ein Essay über ihre persönlichen Beweggründe, sich für einen Schwangerschaftsabbruch zu entscheiden.

Anzeige

Während ihrer Recherche sprachen Effting und Feenstra mit 17 Ärztinnen und Ärzten und einer Krankenschwester, die seit Oktober 2023 in zehn verschiedenen Krankenhäusern im Gazastreifen im Einsatz waren. Sie stammten aus den USA, Kanada, Australien, dem Vereinigten Königreich und den Niederlanden. Etliche von ihnen hatten bereits Erfahrungen in Krisengebieten wie dem Sudan, der Ukraine oder Afghanistan gesammelt.

Die Mediziner berichteten von auffallend vielen Kindern im Alter von 15 Jahren und jünger, die mit Schusswunden in den Kopf oder in die Brust eingeliefert worden seien – ein Hinweis darauf, dass gezielt auf sie geschossen worden war. Insgesamt handelt es sich um 114 Kinder, die solche Verletzungen aufwiesen. Viele Kugeln stammten von israelischen Scharfschützen oder Drohnen. Die Fälle wurden zwischen Ende 2023 und Mitte 2025 dokumentiert. Um ihre Behauptung zu untermauern, legte das Krankenhauspersonal der Volkskrant mehrere hundert Fotos, Tagebucheinträge, medizinische Notizen und Röntgenbilder vor.

Eine der bewegendsten Passagen im Artikel von Effting und Fennstra: Im März 2024 musste der US-Notfallchirurg Feroze Sidhwa im Europäischen Hospital in Gaza innerhalb von 48 Stunden vier Jungen mit identischen Kopfwunden operieren. Die Buben waren alle jünger als zehn Jahre. »Wie ist es möglich, dass hier in diesem kleinen Hospital, innerhalb von 48 Stunden vier Kinder eingeliefert werden, denen in den Kopf geschossen wurde?« fragte Sidhwa in De Volkskrant. In den darauffolgenden 13 Tagen zählte er neun weitere Kinder mit ähnlichen Verletzungen. Forensikerinnen und Forensiker waren der Meinung, dass die Häufung solcher Wunden bei Kindern kaum Zufall sein könne, sondern auf gezielte Schüsse hindeute.

Die Jury unter der Leitung der Französin Natalie Nougayrède besteht abgesehen von ihr aus zwei Journalistinnen und zwei Journalisten. Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt sein dürfte der türkische Journalist und Dokumentarfilmer Can Dündar. Bis August 2016 war er Chefredakteur der ältesten türkischen Tageszeitung Cumhuriyet. Im Mai 2015 hatte die Zeitung Fotos veröffentlicht, die zeigten, wie Lkw des türkischen Geheimdienstes MIT Waffen nach Syrien transportierten, um die radikalislamischen Freischärler im Kampf gegen Präsident Baschar Al-Assad zu unterstützen. Dündar wurde wegen angeblicher Spionage und Mitgliedschaft in einer Terrororganisation verhaftet, konnte sich aber nach drei Monaten U-Haft nach Deutschland absetzen. Im Dezember 2020 verurteilte ihn ein Gericht in Abwesenheit zu 27,5 Jahren Haft.

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 12.06.2026, Seite 14, Medien

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!