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Fußballrealität

Da lacht der Duce

Schlaglichter auf die Geschichte der Fußball-WM (Teil 1)

Von Carlos Gomes und Glenn Jäger
Foto: Scherls Bilderdienst/SVT/IMAGO
Hoch die Hände, Wochenende! Die Squadra Azzurra mit Faschistengruß vor dem Finale (Rom, 10.6.1934)

→ Alles schon mal gehabt? Ein WM-Gastgeber mit extrem rechten Kräften an der Macht sonnt sich im Glanz des Fußballs? Was hat die WM 2026 mit ­Italien 1934 zu tun? Ein Rückblick.

Als »Fest der Völkerverständigung« pries FIFA-Präsident Jules Rimet die Fußball-WM 1930, natürlich der Herren. Und in der Tat: Die erste Weltmeisterschaft schien diesem Anspruch zumindest teilweise gerecht zu werden. Gastgeber war Uruguay, damals eines der sozial fortschrittlichsten Länder der Welt, eingeladen waren alle 42 Mitgliedsverbände der FIFA. Sportlich triumphierte Uruguay – angeführt von seinem Star José Leandro Andrade, einem Nachfahren afrikanischer Sklaven, der als erstes internationales Fußballidol gilt. Er trumpfte auf, als hätte er mit seinem Spiel den Rassismus seiner Zeit in die Schranken weisen wollen. Schon beim Olympiasieg von 1924 hatte der »waschechte Neger«, so ein deutscher Korrespondent, »fabelhaftes Können« und ein »taktisch vollendetes Spiel« zelebriert.

Bereits die zweite WM stellte jedoch das Ideal der »Völkerverständigung« in Frage: Die FIFA vergab das Turnier an Mussolinis Italien, obwohl mit Schweden eine demokratische Alternative bereitstand. Italien wie auch Deutschland nutzten die WM als propagandistische Bühne: Saluto romano und Hitlergruß vor den Spielen, faschistische Symbole auf den Trikots, die deutsche Delegation mit Hakenkreuzfahne bei der Siegerehrung – alles mit stillschweigender Duldung des Weltfußballverbands.

Da die FIFA den Hausherren die Kontrolle über das Organisationskomitee überließ, wurden für die Spiele der Squadra Azzurra ausschließlich vom italienischen Verband favorisierte Schiedsrichter eingeteilt – mit weitreichenden Folgen. Die Chronisten sind sich weitgehend einig: Italien gewann seinen ersten WM-Titel nur dank Begünstigungen durch die Spielleiter. Nach dem 1:0-Sieg der Azzurri im Viertelfinale gegen Spanien wurde der Schweizer Schiedsrichter René Mercet vom Schweizer Nationalverband lebenslang gesperrt, als so parteiisch wurde seine Leistung wahrgenommen. Für Mussolinis Regime spielte das keine ­Rolle. Entscheidend war der Triumph, den es als Beweis für die Überlegenheit der »weißen Rasse« darstellte.

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Mit der WM 1934 wurde zudem eine strukturelle Schieflage eingezogen: die europäische Überrepräsentation. Europa belegte den Großteil der 16 Startplätze, während Teams aus Afrika und Asien systematisch benachteiligt wurden. Erst 1970 würden beide Kontinente dauerhaft feste Plätze im Teilnehmerfeld erhalten – ein Zeichen dafür, wie exklusiv die »Welt«-Meisterschaften über Jahrzehnte blieben.

Die politische Instrumentalisierung setzte sich 1938 fort: Auch im Frankreich der Volksfrontregierung wurde die WM zur Bühne faschistischer Inszenierung. Nach der Annexion Österreichs führte der DFB beide Nationalmannschaften zu einer »großdeutschen« Auswahl zusammen. Mit Hakenkreuz auf dem Trikot und Hitlergruß vor dem Anpfiff schied das DFB-Team allerdings nach einer 2:4-Niederlage gegen die Schweiz gleich in der ersten Runde aus. Italien hingegen verteidigte erfolgreich seinen Titel – und sorgte im Laufe des Turniers für einige Eklats. So traten die Azzurri im Viertelfinale gegen Frankreich zu Ehren der faschistischen Kampfbünde ganz in Schwarz an. Und nach dem Endspiel grüßte Kapitän Giuseppe Meazza den französischen Präsidenten Albert Lebrun bei der Pokalübergabe mit erhobenem rechtem Arm. Es waren düstere Vorzeichen für den Krieg, der ein Jahr später mit dem deutschen Überfall auf Polen begann – und auch die WM-Geschichte zwölf Jahre unterbrach.

Erst 1950 kehrte das Turnier zurück: In Brasilien holte Uruguay mit einem 2:1-Sieg gegen den Gastgeber im berühmten »Maracanaço« seinen zweiten Titel. Vier Jahre später durften erstmals wieder deutsche Mannschaften an der Qualifikation teilnehmen, die BRD und das damals eigenständige FIFA-Mitglied Saarland. Die bundesrepublikanische Auswahl erreichte die Endphase in der Schweiz und sorgte dort für eine Überraschung: Im Finale besiegte sie das hoch favorisierte Ungarn mit 3:2 und wurde erstmals Weltmeister. Schraubstollenschuhe von Adidas? Spritzen mit dem Methamphetamin »Pervitin« in der Kabine? Der Bauunternehmer und DFB-Präsident »Peco« Bauwens, wenige Jahre zuvor am Bau unterirdischer Waffenlager für die Wehrmacht beteiligt, machte das »Führerprinzip im guten Sinne des Wortes« für den fußballerischen Erfolg verantwortlich.

Im politischen Kontext des Kalten Kriegs war das Finale besonders aufgeladen. Auf dem Spielfeld standen sich Ost und West gegenüber: das von einer kommunistischen Partei geführte Ungarn und die zum Bollwerk des kapitalistischen Westens aufgebaute Bundesrepublik. In den folgenden Jahrzehnten sollten sowohl die Konflikte zwischen den beiden politischen Blöcken als auch die Spannungen zwischen einem kolonialen Norden und dem globalen Süden die Geschichte der WM prägen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 11.06.2026, Seite 16, Sport

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