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Arbeitersport

Wer braucht schon Rekorde?

Masse und Klasse: Vor 95 Jahren wurde in Wien die zweite Arbeiterolympiade ausgetragen

Foto: gemeinfrei/ONB Bildarchiv Austria
Geht doch: Sportgroßveranstaltung in schön (Eröffnungsmarsch der zweite Arbeiterolympiade, Wien, 19.7.1931)

Es war die zweite ihrer Art: Vor 95 Jahren fand vom 19. bis 26. Juli die Arbeiterolympiade in Wien statt. Die erste war fünf Jahre zuvor in Frankfurt am Main ausgetragen worden. Bei der Eröffnungsfeier in Wien stellten 4.000 Personen die Entwicklungsgeschichte der Arbeiterklasse dar. Die Vorstellung endete mit dem Zusammenbruch eines überdimensionierten Kapitalistenkopfes. Nationalflaggen und -hymnen? Fehlanzeige, wie schon in Frankfurt.

Die Arbeiterolympiaden waren der eindrucksvollste Ausdruck der Arbeitersportbewegung, in der Anfang des 20. Jahrhunderts Hunderttausende von Arbeitern organisiert waren. Diese sah sich als Gegenmodell zum bürgerlichen Sport. Gemeinschaft sowie körperliche und seelische Ertüchtigung standen im Vordergrund, nicht Konkurrenz und Kommerz. Anstelle von Wettrennen wurden Wanderungen durchgeführt, statt Schwimmwettkämpfen gab es Lehrgänge im Rettungsschwimmen, und geselliges Radfahren stand höher im Kurs als Zweikämpfe im Tennis oder Fechten. »Festspiele« ersetzten »Turniere«, es traten keine »Nationalmannschaften« an, sondern »Bundesauswahlen«.

In einer anlässlich der Arbeiterolympiade in Wien verbreiteten Broschüre mit dem Titel »Unter roten Fahnen! Vom Rekord- zum Massensport« charakterisierte der Austromarxist Julius Deutsch, Präsident der Sozialistischen Arbeitersportinternationale (SASI), den bürgerlichen Sport so: »In seiner Reinkultur zeigt er sich bei den großen, prunkvollen Veranstaltungen, die die Sensationslust veranstaltet. Da werden Wochen vorher die Reklametrommeln gerührt, bis Zehntausende Menschen am Tage des Ereignisses zusammenströmen. Die sehen dann voll fieberhafter und mit allem Raffinement künstlich aufgestachelter Leidenschaft zu, wie einige Rekordjäger sich um einen hohen Preis raufen.« Den proletarischen Sport hingegen betrachtete Deutsch als »in seinem inneren Wesen kollektivistisch«.

Die SASI gab sich kämpferisch. In ihrem Programm stand: »Die Arbeitersportbewegung ist nicht minder wichtig als die politische, gewerkschaftliche und genossenschaftliche Bewegung der Arbeiterklasse; es gilt, auch auf dem Gebiet der Leibesübungen in allen Ländern den Kampf zu führen gegen Kapitalismus, Nationalismus und Militarismus.«

So sahen das auch die Kommunisten, die in der SASI damals allerdings nicht (mehr) willkommen waren. Im Arbeitersport spiegelte sich in den 1920er und 30er Jahren die Spaltung der Arbeiterbewegung wider. Kommunistische Sportvereine waren eigens organisiert, nämlich in der Roten Sportinternationale (RSI). Der deutsche RSI-Ableger war die Kampfgemeinschaft für Rote Sporteinheit, kurz Rotsport.

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In der kommunistischen Sportbewegung wurde das sowjetische Modell der Spartakiaden international ausgedehnt. So sollte unmittelbar vor der Arbeiterolympiade in Wien eine Spartakiade in Berlin durchgeführt werden, doch wurde diese von den Behörden verboten. Man befürchtete »politische Unruhen«. Kommunistische Sportler reisten trotzdem nach Berlin und trugen unter dem Tarnnamen »Internationales Sommerfest des Arbeitersport-Kulturkartells« geheime Wettkämpfe aus. Offizielle Ergebnislisten fehlen.

Das Rote Wien hieß Arbeitersportler freudig willkommen. Es regierten die Austromarxisten, die sich an einem Mittelweg zwischen Bolschewismus und sozialdemokratischem Klassenkompromiss versuchten. Beinahe 80.000 Sportler aus 27 Ländern nahmen an den Spielen teil. Die meisten kamen aus Österreich. Die internationalen Gäste wurden in Zeltlagern und Massenschlafsälen sowie bei Wiener Arbeiterfamilien untergebracht. Neben Wettkämpfen in der Leicht­athletik, dem Schwimmen und verschiedenen Ballsportarten gab es auch Massenübungen im Turnen sowie ein breites Kulturprogramm.

Eine Besonderheit war der Wehrsport, bei dem Wettbewerbe wie »Sportkeulenweitwerfen« und »jagdliches Schießen auf laufenden Hirsch« in »kompletter Uniform und Tornister mit fünf Kilogramm Belastung« ausgetragen wurden. Der Wehrsport war der faschistischen Gefahr geschuldet. In Österreich gab es enge Verbindungen zwischen dem Arbeitersport und den Arbeitermilizen des Republikanischen Schutzbunds, als deren Obmann SASI-Präsident und Multifunktionär Julius Deutsch fungierte.

Beim SASI-Kongress 1927 war folgenden Richtlinien zugestimmt worden: »Die Arbeiterklasse kann im Kampfe gegen den Faschismus nur dann sich mit Erfolg wehren, wenn sie eine eigene Schutzformation schafft und ihre ganze politische, gewerkschaftliche, kooperative und kulturelle Tätigkeit in den Schutz der proletarischen Wehrorganisationen stellt. (…) Die Aufgabe der Arbeitersportverbände aller Staaten als der Organisationen der physischen Kraft des Proletariats ist, diese Abwehrbewegung der Arbeiterschaft mit allen Mitteln zu unterstützen.«

Wie im hessischen Frankfurt mit dem Waldstadion wurde auch in Wien ein eigenes Stadion für die Arbeiterolympiade errichtet: Das Praterstadion, mittlerweile Ernst-Happel-Stadion, ist immer noch Österreichs Nationalarena. Als H. C. Strache, damals noch FPÖ-Vorsitzender, 2019 Österreichs Sportminister war, wollte er das Stadion unbedingt abreißen lassen. Kein Wunder, bei einem Politiker reaktionärer Prägung.

Im Zuge der Volksfrontpolitik der 1930er Jahre traten Athleten von SASI und RSI bei der Arbeiterolympiade in Antwerpen 1937 doch noch gemeinsam an. Freilich ließen sich die Spiele dort nicht mehr mit den Massenveranstaltungen von Frankfurt oder Wien vergleichen. Zu sehr hatte der Faschismus die Arbeitersportbewegung bereits geschwächt.

Die Nachfolgeorganisationen der Arbeitersportverbände konnten nach dem Zweiten Weltkrieg nie mehr an die Bedeutung ihrer Vorgänger anknüpfen. Sie änderten auch ihr Profil. Von Klassenkampf war keine Rede mehr. Vielmehr trat 1986 die Nachfolgeorganisation der SASI, die Internationale Konföderation von Arbeiter- und Amateursportlern, dem Internationalen Olympischen Komitee bei. Einst wollte man von Organisationen dieser Art wegkommen. Die Notwendigkeit dafür besteht nach wie vor.

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Erschienen in der Ausgabe vom 24.07.2026, Seite 16, Sport

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