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Aus: Ausgabe vom 23.04.2024, Seite 10 / Feuilleton
Antifaschismus

Klare Kante

Dem antifaschistischen Autor und Bundessprecher der VVN-BdA, Ulrich Schneider, zum 70. Geburtstag
Von Glenn Jäger
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Nie mehr schweigen, wenn Unrecht geschieht: Ulrich Schneider als Redner am Ehrenmal für die Opfer des Faschismus im Fürstengarten in Kassel anlässlich des 75. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkrieges (8.5.2020)

Kassel gilt als eine der zentralsten Städte Deutschlands. Als wäre der gebürtige Bremer Ulrich Schneider nach einem Studium in Marburg nur deshalb ins nördliche Hessen gezogen, um von dort aus über die Lande zu ziehen. Gibt es bundesweit einen Ort, in den der Bundessprecher der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) nicht für Veranstaltungen reiste? Bundesweit? Nun ja, für die Internationale Föderation der Widerstandskämpfer (FIR) ist er als deren Generalsekretär auch international unterwegs. Und wie so jemand noch zu Dutzenden Buchprojekten, ungezählten Zeitungs- und Zeitschriftenbeiträgen kommt, sei es für Die Glocke vom Ettersberg, die Antifa oder die jW? Zumal lange Zeit parallel zu seiner Lehrertätigkeit? Wer den Antrieb des zwischenzeitlichen Buchhändlers verstehen will, muss wohl zurück zum »Schwur von Buchenwald«: »Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel«, so die Überlebenden im April 1945 bei der Befreiung des KZ. Für Ulrich Schneider bis heute Vermächtnis: Er kann, im besten Sinne, nicht anders.

Sie kenne »keinen produktiveren Menschen«, erzählt Silvia Gingold im Gespräch mit jW. »Kaum sitzen wir im Zug auf unseren Lesereisen«, so die Tochter des Widerstandskämpfers Peter Gingold, »schreibt er Aufsätze, Artikel, produziert Flyer, recherchiert.« Beachtlich ist: all das nie im Bild des verbissenen Historikers. Der »Mensch im Mittelpunkt«, das ist für ihn keine pädagogische Floskel, sondern Selbstverständnis für antifaschistische Bildungsarbeit. Mit Veteranen wie Emil Carlebach, Willy Schmidt oder Peter Gingold verfasste er Erinnerungen. Ihr Vater, so Silvia Gingold, sei »ein begnadeter Redner, aber kein Schreiber« gewesen. Ulrich Schneider habe »das Manuskript mit den Memoiren so bearbeitet, dass die Authentizität bewahrt wurde und ein wunderbares Buch daraus entstand«. Seit 2009 habe sie »mit Ulrich in über 100 Lesungen einigen tausend Menschen die bewegenden Erfahrungen aus dem Widerstand und die Lehren für heute näherbringen können«.

Ein fast typischer Tag im Papyrossa-Verlag: Ulrich Schneider liefert Schlusskorrekturen für sein nächstes Buch; die VVN Minden-Lübbecke fragt für einen Büchertisch an, Peter Trinogga (VVN Köln) kommt herein wegen der Lesung im Friedensbildungswerk, mittendrin ein Anruf aus Kiel: Sie bräuchten Bücher, »ruhig etwas mehr, ist ’ne Bündnisveranstaltung, VVN, Autonome Antifa, DGB, ›Omas gegen rechts‹«. Auch aus der Perspektive historischen Bewusstseins ist für Ulrich Schneider die gewerkschaftliche Zusammenarbeit von großem Wert. Er kenne »Ulrich als verlässliche Stimme in der antifaschistischen Bündnis- und Erinnerungsarbeit«, betonte Jan Schulze-Husmann, der für Verdi und die VVN Berlin-Tempelhof tätig ist. Es gelte, »klare Kante« zu zeigen, so Ulrich Schneider einmal im Gespräch mit dem IG-Metall-Bildungszentrum Beverungen, ob »im Umgang mit Vorgesetzten, im privaten Bereich oder an den Stammtischen«. Auf einer dortigen Veranstaltung wusste er, wie so oft, den richtigen Ton zu treffen, so mit den Worten Martin Niemöllers: »Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.«

Den »Nazismus mit seinen Wurzeln« zu beseitigen verschafft nicht nur Freunde. »Antifaschismus als Fall für den Geheimdienst«, schlage man bei ihm selbst nach: »Neonazismus hofiert, Antifaschismus im Visier« lautet ein Beitrag von 2022. »In akribischer Fleißarbeit« habe der Verfassungsschutz »all unsere Lesungen registriert«, ergänzt Silvia Gingold, die in eigener Sache wegen Berufsverbots vor das Bundesverfassungsgericht zog.

Freundlichkeit, ja Lebensfreude: Das mag mit Ulrich Schneider auch verbinden, wer ihn mal abseits des Politbetriebs trifft. Unvergessen ein Besuch im Verlag: Mit einer ganzen Schulklasse tauchte er eines Tages auf, Exkursion nach Köln mit »beruflicher Bildung«. Die Wertschätzung war zu greifen, dieser Lehrer war anders als die anderen. Einer, der gerne die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano mit ihrem »Appell an die Nachgeborenen« anführt: »Nie mehr schweigen, wenn Unrecht geschieht. Seid solidarisch! Helft einander! Achtet auf die Schwächsten! Bleibt mutig. Ich vertraue auf die Jugend, ich vertraue auf euch! Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!« Oder in Kassel, 2022, mit einem Freund auf der Documenta: »Elf Uhr vor dem Fridericianum.« Gesagt, getan. Wir erlebten einen gelösten Ulrich Schneider, der als eine Art »Guide« Gäste begrüßte, der nah an den Künstlern war, der uns durch Pavillons führte, Hintergründe aufzeigte. Und einen, der sich von der medialen Verunglimpfung der Ausstellung nicht irritieren ließ (siehe seine Berichte in dieser Zeitung).

An diesem Dienstag, dem 23. April, wird Ulrich Schneider 70, Gratulation aufs herzlichste. Weitere Veranstaltungsreisen und Buchprojekte mögen folgen. Für viele bleibe er, was er für Silvia Gingold ist – »ein wichtiger Ratgeber, der Orientierung gibt in diesen politisch turbulenten Zeiten«.

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