Zum Inhalt der Seite
Linke Wissenschaft

Renaissance des Marxismus

Praksis, Prokla, Das Argument: Linke Zeitschriften wollen auf Zusammenarbeit setzen. Eine Podiumsdiskussion in Berlin

Foto: Joko/IMAGO
Willi Neubert: Die Presse als Organisator. 1973, Fassadenfries, Pressecafé am Alexanderplatz

Gut möglich, dass »das Alte stirbt und das Neue nicht geboren werden kann« (Gramsci). Aber die Verhältnisse zu untersuchen, auf dass die »ganze alte Scheiße« (Marx) sich nicht wiederherstelle, dabei einerseits frei von den diesem Interregnum innewohnenden Verklärungen und seinen morbiden Erscheinungen, seinen stummen sowie lauten Zwängen sowie Ideologien, andererseits aber von eigenem Wunschdenken zu sein, ist kein leichtes Unterfangen. Ob man sich nun einen Imperialismus im unmittelbaren Untergang herbei(wünscht)schreibt oder eben nicht: Die historische Schwäche der Linken, weltweit und hierzulande, darf nicht aus den Augen verloren werden. Eine derartige Distanz aufrechtzuerhalten, ohne sich einer vorgetäuschten Neutralität hinzugeben, ist auch Aufgabe linker Wissenschaft.

Aber die, die das und weiteres als ihre Funktion betrachten, bleiben von der regressiven Entwicklung der Linken nicht verschont. Dass die Zeiten der hörsaalfüllenden »Das Kapital«-Seminare vorbei sind, zeigt auch diese Veranstaltung: Im kleinen (sehr kleinen) Kreis traf man sich am Montag nachmittag im Ladenlokal »Aquarium« am Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg zu einer Podiumsdiskussion, um Vertreter dreier marxistischer Zeitschriften miteinander ins Gespräch zu bringen. Der Anlass: 25 Jahre Praksis, ein marxistisches, sozialwissenschaftliches Journal aus der Türkei, repräsentiert von Nevra Akdemir als Rednerin und Ali Yalçın Göymen als Moderator. Geladen waren der Politikwissenschaftler Markus Wissen aus der Redaktion der Prokla und der Philosoph Lukas Meisner, neuer Herausgeber der Zeitschrift Das Argument. Der Anspruch, so Meisner: »Nicht nur die Arbeiterklasse, sondern auch die marxistischen Zeitschriften müssen sich zusammenschließen.«

Nötig ist das dem Autor zufolge wegen des sich formierenden »gesellschaftlichen Rückschritts«, von der Argument-Redaktion als »Faschisierungsprozesse« begriffen. Die typische Verdrehung ist bei solchen Prozessen stets mitgeliefert: »Im Namen demokratischer Freiheiten« werden demokratische Freiheiten angegriffen. Das zeige sich besonders am Beispiel der Repression gegen palästinasolidarische und antimilitaristische Bewegungen in der Bundesrepublik. Aber auch marxistische Bildungsangebote und Publikationen sind davon nicht unberührt. Meisner verwies auf die (immerhin juristisch abgewendete) Erwähnung der Marxistischen Abendschule (MASCH) als »linksextremer« Akteur im Jahresbericht 2021 des Hamburger Verfassungsschutzes – Begründung: Kapitalismuskritik, Kritik der »freiheitlich-demokratischen Ordnung«, Marxismus-Leninismus. Und auf die Nennung der Tageszeitung junge Welt im Bericht auf Bundesebene – Begründung: »bedeutendstes und auflagenstärkstes Medium im Linksextremismus«, das die »Errichtung einer sozialistisch-kommunistischen Gesellschaftsordnung nach klassischem marxistisch-leninistischem Verständnis« anstrebe. Auch Markus Wissen machte einen Wandel von einem »aufgeklärten« zu einem »autoritären Neo­liberalismus« aus, auch wenn die Prokla von derartig handfesten Repressalien bislang verschont geblieben sei.

Anzeige

Die Frage bleibt: Stehen Sanktionen gegen linke wissenschaftliche Pu­blikationen ins Haus? Anhaltspunkte für irgendwelche Begründungen in irgendwelchen Berichten irgendwelcher Staatsbehörden ließen sich aus Sicht letzterer sicherlich finden. Das Argument war vor 67 Jahren bekanntlich aus einer Flugblattreihe der späteren RAF-Kämpferin Ulrike Meinhof entstanden. Dass aus der Prokla, einst »politisches Projekt mit wissenschaftlichem Anspruch«, im Laufe der Zeit »eine wissenschaftliche Zeitschrift mit politischem Anspruch geworden« ist, bedeute immerhin »keine grundsätzliche Absage an ›Sozialismus‹«, wie der ehemalige geschäftsführende Redakteur der Zeitschrift, Michael Heinrich, auf der Website darlegt.

Schließlich sei auch für die Praksis nach wie vor »Verpflichtung und Horizont« nicht nur die Interpretation der Welt, sondern deren Veränderung, betonte Akdemir, die zusammen mit Göymen einen Ausblick lieferte, was trotzigen Wissenschaftlern künftig auch in Deutschland blühen könnte. Nach dem Putschversuch in der Türkei 2016 sei der mit Sonderbefugnissen ausgestattete türkische Staat gegen kritische Wissenschaftler vorgegangen, die eine Petition gegen die Übergriffe unterschrieben hatten, erklärten die beiden gegenüber junge Welt. Die »Säuberungen« führten auch dazu, dass Teile der Praksis-Redaktion von ihren Posten an den Universitäten gefeuert wurden und ins Ausland gehen mussten. Mehr noch: »Wir dürfen nach wie vor keinerlei öffentlichen Tätigkeiten nachgehen.« Noch mehr: »Wir können nicht einmal an privaten Universitäten arbeiten.« So kann es ausgehen, wenn die alte Scheiße aufbegehrt. Das heißt nicht, dass alles schlecht ist und alles schlecht wird. Zur positiven Seite der Bilanz gehört, dass die Praksis trotz allem seit 2001 existiert, die Prokla seit 1971, Das Argument seit 1959. Nach Ansicht aller Panelisten wächst das Interesse am Marxismus als Wissenschaft wieder. Eine »intellektuelle Wiederbelebung« (Akdemir), eine »Renaissance des Marxismus« (Meisner) sei im Gange. Ein Beitrag dazu, dass das Neue geboren werden kann? Man darf es hoffen.

Themen:
→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 10.06.2026, Seite 10, Feuilleton

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!