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06.06.2026
- → Wochenendbeilage
Warum wir Venezuela verteidigen
Die »Bolivarische Revolution« hat viel erreicht und wird deshalb vom US-Imperialismus mit aller Härte bekämpft. Eine Stimme aus der Landlosenbewegung
Die aktuelle politische Lage in Venezuela lässt sich nicht allein durch die Ereignisse nach dem 3. Januar erklären. Die Geschehnisse der vergangenen vier Jahrzehnte müssen mit einbezogen werden. In den 1990er Jahren bestand auf dem Kontinent eine totale Vorherrschaft der USA. Sie zwangen uns das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) auf und versuchten anschließend, die FTAA durchzusetzen – eine Zone unter der vollständigen Kontrolle des US-amerikanischen Kapitals. Mit Ausnahme Kubas unterstützten alle Regierungen der Region die Gringos.
Doch die Bevölkerung einiger Länder lehnte sich auf. Es gab den Caracazo 1989, dann den Militärputsch und schließlich den Wahlsieg von Hugo Chávez, der 1999 in Venezuela die Macht übernahm, die neoliberale Welle durchbrach und einen neuen Zyklus progressiver Regierungen einleitete, gefolgt von Lula da Silva (Brasilien), Rafael Correa (Ecuador), Evo Morales (Bolivien) und den Kirchners in Argentinien, wodurch sich das Kräfteverhältnis auf dem Kontinent verschob. Anstelle der FTAA – die 2005 offiziell gescheitert war – wurde nun eine andere Form der Integration vorgeschlagen: die Bolivarianische Allianz für Amerika, Alba-TCP.
Mit allen Mitteln
Der US-Imperialismus – sowohl demokratische als auch republikanische Regierungen sowie die herrschende Klasse der USA – hat Chávez seine Kühnheit nie verziehen. In diesen vier Jahrzehnten haben sie jede nur erdenkliche Taktik aus dem Spielbuch eingesetzt, das der Forscher Andrew Korybko auf der Grundlage offizieller Dokumente der US-Streitkräfte als die neuen Taktiken der hybriden Kriegführung beschrieben hat.
Während dieser langen Zeit versuchten sie mit allen Mitteln, den bolivarischen Prozess in Venezuela zu Fall zu bringen. Erinnern wir uns: Der Putschversuch 2002 entfernte Chávez für zwei Tage aus dem Amt – nur internationale Reaktionen und die sofortige Mobilisierung der Bevölkerung verhinderten, dass die Putschisten ihn erschießen ließen. Der Kardinal von Caracas gab ihm sogar die letzte Salbung, während er auf der Insel Orchila inhaftiert war.
Es folgte der Streik der Ölarbeiter zur Sabotage der staatlichen Erdölgesellschaft PDVSA zwischen Dezember 2002 und Februar 2003 – der Mangel an Treibstoff und das Chaos wurden mit Hilfe der damaligen brasilianischen Regierung unter Fernando Henrique Cardoso beigelegt. Dann kamen die Guarimbas (gewalttätige Straßenbarrikaden), die Terrorismus, das Anzünden von Schulen und Krankenhäusern, künstlich herbeigeführte Versorgungsengpässe und Dutzende von Todesopfern zur Folge hatten. Vielen der damals Verhafteten wurde inzwischen Amnestie gewährt.
Chávez’ Tod, verursacht durch eine seltsame Krebserkrankung, die nicht auf Medikamente ansprach, bleibt bis heute ungeklärt. Auch Fernando Lugo (Paraguay), Dilma Rousseff (Brasilien), Cristina Kirchner und Lula erkrankten im gleichen Zeitraum an Krebs.
2019 erkannten die USA dann die Marionettenregierung von Juan Guaidó an, der sie alle Dollar- und Goldreserven des venezolanischen Staates übertrugen, wodurch sich diese Lumpenbourgeoisie bereichern konnte.
Washington löste mit seinem Vorgehen eine galoppierende Inflation aus, indem der Wechselkurs von Miami aus manipuliert wurde. Sie sperrten alle Auslandskonten des Landes. Sie verhinderten Investitionen in den Ölsektor, woraufhin die Produktion auf unter 30 Prozent sank und das BIP um bis zu 90 Prozent zurückging. All dies führte zu enormen wirtschaftlichen Problemen für die gesamte Bevölkerung und löste eine beispiellose Abwanderungswelle venezolanischer Arbeiter aus. Sie fochten Nicolás Maduros Wiederwahl an, unterstützt und ermutigt von einigen sogenannten progressiven Persönlichkeiten.
All dies ging einher mit einer permanenten, konsequenten Medienkampagne, die durch den Einsatz von Netzwerken und sogenannten Influencern, die von der CIA und ihren Agenturen bezahlt wurden, sicherlich Millionen US-Dollar gekostet hat. Eine Kampagne, die bis heute andauert.
Schlinge um den Hals
Der letzte Schlag erfolgte unter der zweiten Trump-Regierung, die seit Januar 2025 – getrieben von der Gier nach Öl und dem Verlust ihrer wirtschaftlichen Vorherrschaft an Eurasien – die Monroe-Doktrin wieder aus der Versenkung holte, um den Kontinent durch wirtschaftliche, politische und militärische Kontrolle zu ihrem eigenen Hinterhof zu machen.
Und am 3. Januar, nachdem sie ihre gesamte Streitmacht mobilisiert hatten, fielen sie in das Land ein, entführten Präsident Maduro und seine Frau, die Kongressabgeordnete Cilia Flores. Es gab Widerstand, Kämpfe und mehr als 100 Tote. Erst in einigen Jahren werden wir wissen, wie viele US-amerikanische Soldaten dabei starben. Wir wissen nur, dass die Mehrheit Latinos aus der Eliteeinheit »Delta Force« waren, ausgestattet mit den besten Waffen der Welt. Venezuela, sein Volk und seine Streitkräfte wurden besiegt. Menschen verloren ihr Leben, und sie verloren ihren Präsidenten.
Doch das Imperium hatte niemanden, den es an Maduros Stelle setzen konnte, denn seine Marionette, María Corina Machado, ist in der venezolanischen Gesellschaft diskreditiert – ebenso wie die gesamte unterwürfige Opposition. Die Lösung bestand also darin, den entführten Präsidenten festzuhalten und mit der chavistischen Regierung zu verhandeln – mit einer Schlinge um den Hals.
Teile der institutionellen Linken und diejenigen, die Politik nur über soziale Netzwerke verfolgen, bezeichneten dies schnell als Verrat oder behaupteten, es habe keinen Widerstand gegeben. Und nun verbreiten sie bereits die Vorstellung, es gebe eine Spaltung zwischen der venezolanischen und der kubanischen Regierung. Doch diese Argumente sind lediglich Teil der US-Taktik, die von CIA-beeinflussten Medien verbreitet wird, um die Linke und die öffentliche Meinung zu spalten.
Das venezolanische Volk – dessen überwiegende Mehrheit Chavisten sind – lebt sein Leben weiter, arbeitet, produziert und organisiert die Gemeinden. Auch wenn die Menschen trauern, unterstützen sie weiterhin die chavistische Regierung, in vollem Bewusstsein dessen, was geschehen ist.
Unsere Bewegung der Landlosen hat historische Verbindungen zur venezolanischen Bauernbewegung, zu den genossenschaftlichen Produktionsgemeinschaften und zur chavistischen Regierung. Wir führen zahlreiche Kooperationsprojekte in den Bereichen Saatgutproduktion und Ernährung durch und organisieren Austauschprogramme zur Ausbildung von Fachpersonal. Und wir werden der Lateinamerikanischen Medizinischen Hochschule Salvador Allende (ELAM) für die Stipendien, die es Dutzenden von jungen Bauern aus armen Verhältnissen ermöglichen, eine Ausbildung zum Arzt zu absolvieren, auf ewig dankbar sein.
Das venezolanische Volk ist weiterhin Opfer des hybriden Krieges des Imperiums. Die chavistische Regierung genießt die Unterstützung ihres Volkes. Unsere Bewegung wird stets solidarisch mit dem chavistischen Volk sein.
Wir hoffen, dass sich das internationale Kräfteverhältnis zugunsten der Menschheit und des Friedens verschiebt. Wir hoffen, dass sich das interne Kräfteverhältnis innerhalb der USA verändert und progressive Kräfte Schluss machen mit einer US-Außenpolitik, die immer wieder Krieg gegen andere Nationen führt. Und dass die Monroe-Doktrin begraben wird.
Wir hoffen, dass die chavistische Regierung und das Volk die besten Wege finden, um die Produktion von Öl und anderen benötigten Gütern zu steigern. Mögen sie die Souveränität über ihre Bodenschätze und ihr Territorium bewahren.
Der Kampf geht weiter
Die Verteidigung Venezuelas und Kubas ist eine moralische und politische Verpflichtung für alle fortschrittlichen und demokratischen Kräfte auf unserem Kontinent. Und täuschen wir uns nicht: Wenn sie besiegt werden, wird das US-Imperium seinen Druck auf Mexiko, Brasilien, Kolumbien und den gesamten Kontinent verstärken. Zuerst benutzten sie das Schreckgespenst des Kommunismus und der Sowjetunion; dann schwenkten sie auf islamistische Terroristen um – die sie selbst finanziert hatten –, und nun haben sie den Krieg gegen den Drogenhandel ins Leben gerufen, als wären sie nicht der größte Markt für die Drogen.
Wir werden dafür kämpfen, dass Präsident Maduro und die Kongressabgeordnete Flores freigelassen werden, denn sie haben kein Verbrechen begangen, und die USA haben weder das Recht noch die moralische Autorität, sie zu irgend etwas zu verurteilen. Im Gegenteil, ich hoffe, dass das Haager Tribunal in Zukunft die derzeitigen US-Führer wegen ihrer Bomben und Verbrechen in Gaza, im Iran, in Syrien, im Sudan, in der Karibik, in Venezuela, auf Kuba und in ihrem eigenen Land – wegen der Verfolgung der Armen und der Migranten – verurteilen wird.
Die Geschichte des Klassenkampfes verläuft in Zyklen – Höhen und Tiefen, Vorstößen und Rückzügen –, aber die Menschheit wird stets auf den Aufbau gerechterer, gleichberechtigterer Gesellschaften hinarbeiten, in denen die Souveränität der Völker und der Frieden herrschen.
João Pedro Stédile ist Aktivist beim Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra (Bewegung der Landlosen, MST) und Vorsitzender der International Peoples’ Assembly (IPA)
Zum Autor: João Pedro Stédile
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