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Landlust

Hühner

Aus der Provinz

Foto: Jan Novak/Zoonar.com/imago
Hat Hühner zum Fressen gern: Ultraimperialist Habicht

Früher schwangen wir uns aufs Radl, auf das zentnerschwere Stahlgerät vom Großvater, und strampelten los, fuhren durch Wiesen und Felder, durch verschwiegene Wälder und über bucklige Wege. Wir trugen keinen Helm und keine Funktionskleidung, und daheim war deshalb niemandem bange. Nachmittagelang genossen wir das Freisein.

Heute versammeln sich Eltern und Kinder am Sternplatz, um im Zuge der bundesweiten Aktion »Kidical Mass« an einem betreuten, das heißt von zwei Streifenwagen eskortierten Ausflug mit topteuren Bikes teilzunehmen. O verfluchte Pädagogisierung, o Wohlstandsregression!

Früher stiefelten wir durch die Fränkische Schweiz und kehrten in Egloffstein ein, wo du die göttliche Hirnwurst kriegst. Hirnwurst ist die Honoratioren-, die Herrenwurst, die in sehr wenigen Metzgereien aus den vorzüglichsten Zutaten hergestellt wird. Heute klingelt meine schöne Cousine durch und annonciert, eine Wanderung nach Egloffstein zu unternehmen, und dort werde sie mit Freunden in einem philippinischen Imbiss namens Lloverfood (mit zwei l!) snacken, dem einzigen philippinischen Imbiss weit und breit. Ein ganzes Weltbild liegt in rauchenden Trümmern. O Niedergang!

Als ich davon meinem Freund Udo, dem Hirnwurstpapst aus Egloffstein, berichte, vermag er das nicht zu fassen und kündigt an, die Zuschüttung des Ortes mit Beton oder die Auslösung eines monumentalen Felssturzes zu veranlassen.

Hinterher instruiert mich meine schöne Cousine, übers philippinische Takeaway-Wesen in der Fränkischen Schweiz gefälligst »wertschätzend und positiv« zu urteilen, da das Lloverfood in Egloffstein von einer »sehr netten« Familie betrieben werde und die Speisen »phantastisch« seien. O Damen, o hübsche Frauen!

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Die Welt dreht sich maßgeblich um fehlgeleitete Bewegung und ums inadäquate, mit fixen Ideen verknüpfte Fressen. Im Imperialismus sind beide Momente verschmolzen – und im Habicht, der mich seit Tagen aus dem eh bescheidenen Schlaf plärrt. Am Sternplatz lungert der neben dem Schwarzspecht bedauerlicherweise ansehnlichste Geflügelte unserer Gefilde herum, bevor er in unseren Garten pfeilt und die Amseln, die Ringeltauben und die pfeifenden, schnarrenden Stare niederstreckt. »Dieser Abmurkser, Massakrierer und Sauhund«, schreibt mir mein Bruder Thomas, solle sich »davonmachen beziehungsweise verpissen«, und falls er meinen diesbezüglichen deftigen Ermahnungen nicht gehorche, möge ich an ihn »etwas von unserem Grillfleisch verfüttern, auf dass er satt, matt und träge wird«.

Unser Habicht despotisiert auch regelmäßig den Baronspark und ruft die ebenda stationierten Amselarmeen auf den Plan, wegen Landesverteidigung. Und in Adelmannssitz, in Gsähs, ungefähr fünfzehn Kilometer nordwestlich von Dettelsa, wo Vadder und der Pat an Ostern in der Stube mit der niedrigen Decke genießerisch um die Wette dampften, hält meine Lieblingsdings Gerti hingebungsvoll ein buntes Volk von etwa zwanzig Hühnern.

»Des sin’ lauter Individuen«, sagt die Lehrerin i. R., Kirchenmusikerin und Prädikantin. Da wäre die Barbara, die braune, die Hedwig, die weiße, die vom Nachbarn adoptierte Brunhilde, die pastellgrüne Eier legt. Da wären Asterix, Obelix, Idefix und Miraculix und die Zibbeli, die Nestlinge. Zwei von denen sind verlassen worden und beinahe schon tot gewesen, aber Gerti hat sie der Glucke noch einmal untergeschoben, und am Abend sind sie ihr dann quicklebendig entgegengetrippelt.

Es gibt Deutsche Sperber – die gescheckten Gräulinge –, Zwerghühner, Sebrights – graugetupfte Gesäumte, Gesprenkelte (das Luisla, Gertis »Wappenvogel«, ist heuer dreizehn geworden) –, Hybride. Manches Huhn hat die Gerti »in der warmen Hand gerettet«, und alle miteinander seien sie ihr »lieb und wert«.

Den Hacht (Habicht) schätzt sie ein wenig weniger. Jahrelang wütete er in ihrem Haustierbestand, bis sie eine Voliere errichtete, einen überdrahteten großzügigen Stallauslauf. Zu ihrem siebzigsten Geburtstag schenkte ich ihr, um sie ein bisschen innig zu triezen, T. H. Whites Buch »Der Habicht«. Sie hat’s mir verziehen.

Die Gerti gehört zu den knapp hundert Übersetzern, die das Neue Testament ins Fränkische übertragen haben. Die »Fränggische Bibl« (Verlag Friedrich Pustet, 2024) ist ein multidialektales Mirakel, in dem Zungenschläge von der Rhön bis ins östlichste Oberfranken ertönen. Die Gerti hat Lukas 2 ins Ansbachische transponiert, und die Weichheit des Klangs lässt mich Atheisten dahinschmelzen: »Zu derer Zeit is’s gschehng, doa hat der Kaiser Augustus befohln, daß si all die Leit im ganzn römischn Reich in Steierlistn eitroogn lassn messn. Su wos hats dervuur nu niemols gebm, und es wor, wie der Quirinius in Syrien fürn Kaiser die Stellung ghaltn hat. A jeder hat derzua in dee Stoodt geha messn, wu er hergstammt hat.«

Und die Eier von Gertis Hühnern schmecken außergewöhnlich.

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Erschienen in der Ausgabe vom 19.05.2026, Seite 11, Feuilleton

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