Zum Inhalt der Seite
WM-Kolumne

Chopin

Gras

Foto: Troy Wayrynen/IMAGN IMAGES via REUTERS
Johnny Warren hat es immer gewusst: Heute ist »Soccer« groß in Australien (Fan mit Warren-Zitat-Schal, Seattle, 19.6.2026)

Na bitte. Für Aufklärung sorgte am Dienstag postwendend Christina Rann (Magenta TV, Portugal versus Usbekistan); nicht durch »Was beackert wird, kommt irgendwie gleich wieder« und »Kriegt ihn nicht verarbeitet«, sondern hierdurch: »Dieser Umschaltmoment funktioniert zu spät.« Conclusio ex negativo: Der Umschaltmoment ist nicht das Match-Momentum, dem Umschaltmoment mangelt es auf Grund seiner schieren aktualen Funktionalität an numinoser Tiefe. Wir forschen weiter.

Beim Fight der Peacemakers gegen die Lumberjacks (USA – Australien) hatte ich meinen neuen Kneipengenossen Alex vermisst. Alex ist Australier, lebt in Brisbane, wurde jedoch in Feuchtwangen geboren und wuchs auf einem »Raffelshof«, einem Einsiedlerhof, auf. Er habe als Kind Kartoffeln geklaubt, Schweine mit Küchenabfällen gefüttert und bevorzugt gestampfte Kartoffeln mit Milch und Hafer gegessen.

Alex spricht exzellent deutsch, mit einem minimalen Einschlag (»Gerlish« nennt er das), und ist Dialektfachmann für Dinkelsbühl, Feuchtwangen, Schopfloch und Lehenbuch. Er liebe Deutschland und kehre gerne zurück, aber er sei schon sechzig, daraus werde nichts mehr.

Ich bin weit und breit der einzige, der ins Wirtshaus ein Buch mitnimmt. Diesmal habe ich Michel Houellebecqs »In Schopenhauers Gegenwart« dabei. »Was studierst du da?« fragt Alex. Er mustert das Cover. »Ah, Chopinhauers Gegenwart. Interessant.«

Anzeige

Nach Ronaldos Einsnull sagt Alex, der Gockel sei nun der älteste Torschütze der WM-Geschichte. »Stimmt nicht«, sage ich. »Roger Milla, 1994.« Alex googelt und gibt mir ein Weizen aus.

Messi hat Kloses Rekord geknackt, darüber quatschen alle. Beim beiläufigen Durchblättern der Bild fällt mir ein Foto auf, auf dem Messi wie der Zwillingsbruder von Klose aussieht: Frisur, Augen, Nase. »Hast du recht«, sagt Alex. Zweites Weizen für mich.

André rumpelt herein und dröhnt: »Das sind alles Bullshit-Laberer! Da werde ich auch Reporter!« Alex: »Sie reden viel zuviel und erklären nichts vom Spiel.« Das kommt mir recht. Ich echauffiere mich über den Box-to-Box-Spieler, der früher der Ballschlepper und -verteiler war, und über die Prahlerei mit semantisch verkrüppelten, fancy angestrichenen Begriffen.

Adrian, die Thekenkraft, schaltet sich ein: »In Rumänien alle im Fernsehen sagen Playmaker! Alle!« Und wie es richtig heiße, frage ich ihn. »Coordonator de joc«.

Wo sind hierzulande der Architekt des Spiels (Beckenbauer), der Regisseur (Netzer) und der Dirigent (Matthäus) hin?

»In Australia it’s still the number ten«, sagt Alex. Down Under widersteht, in Europa geht selbst die Downing Street unter.

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 25.06.2026, Seite 16, Sport

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!