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WM-Kolumne

Kreieren

Gras

Foto: IMAGO/Ulmer/Teamfoto
Magische Hände: Sportdirektor Rudi Völler (l.)

Vieles glotze ich in meiner Stammkneipe, da ist Magenta TV verfügbar. Am Sonntag lernte ich den Kommentator Christian Straßburger kennen, der ein normales, erwartbar einseitiges Match zur »Machtdemonstration« hochkreischte und extemporierte: »Saudi-Arabien sieht die Spanier nur noch im Rückspiegel.« Aber waren es nicht die Spanier, die »Gas gaben« und deshalb die Saudis im Rückspiegel sahen? Oder ist mein Raum-Zeit-Koordinatensystem unter Berücksichtigung der Relativitätstheorie obsolet?

Der Schreihals Straßburger klingt haargenau wie Wolff-Christoph Fuss. Werden diese Leute in Stimmbänderfabriken hergestellt? Das ist bei den Öffentlich-Rechtlichen ähnlich. Frauen und Kerle tunkt man offenbar, bevor sie an den Mikrophonen lospreschen dürfen, in eine Einheitssoundbrühe. Sie sind beim besten Willen nicht mehr zu unterscheiden.

Nach der »Umschaltsituation« und den »Umschaltbewegungen« spendierte mir Straßburger nun das »Umschaltverhalten«. Das »Umschaltverhalten« hatte er wahrscheinlich in einer stillen Stunde in seinem Hotelzimmer »kreiert«, obwohl schwer vorstellbar ist, dass der mal die Gosch’n hält.

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»Kreiert« wird ja alles. Chancen werden kreiert, Fouls werden kreiert, Tore werden kreiert, Einwürfe werden kreiert, Strafstöße werden kreiert, neuerdings werden zudem Trinkpausen kreiert. Dagegen bedeutet »kreieren« doch »(er-)schaffen, erwählen, erfinden, gestalten«. Das Erzeugen von etwas Neuem setzt Kontemplation voraus, absichtsloses Schauen und Sinnieren, auf dass einem günstigstenfalls etwas ein-falle. Fußball ist größtenteils bloß der halbautomatische Vollzug eingebimster Abläufe. Sie sagen »performen« dazu.

Bei der WM 2002 existierten die Verben »kreieren« und »performen« im Fußballuniversum noch nicht. Trotzdem performte Teamchef Rudi Völler, dieser wohltuend spröde Mann, in einer Pressekonferenz sackstark und kreierte das Substantiv »Irländer«. Es gilt bis auf den heutigen Tag als seine genuine »Wortneuschöpfung« (Tagesspiegel).

Aus diesem Mythos muss ich jetzt die Luft rauslassen. Da ich mit Insomnie wohlvertraut bin (und das liegt nicht an »Hitzewellen«), pfiff ich mir am Wochenende den Mafiafilm »Die wahre Geschichte des Frank Mannata« (Javier Setó, 1969) rein, und irgendwann sagt der Protagonist, dargestellt von Jeffrey Hunter, in der ollen Synchronisation des Bayerischen Rundfunks: »Lass uns zu diesem Irländer fahren.«

Man weise mir nach, dass ich halluziniert habe.

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Erschienen in der Ausgabe vom 23.06.2026, Seite 16, Sport

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