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Stand der Dinge

Der größte Börsengang aller Zeiten

Geraune

Foto: David Swanson/Reuters

Zum größten Börsengang aller Zeiten (Gröbaz) werden 555.555.555 Aktien zu je 135 US-Dollar auf den Markt geworfen. Insgesamt will Elon Musk damit 75 Milliarden US-Dollar einsammeln. Nur zum Vergleich: Bis dato führte die saudische Ölfirma Aramco die Rangliste der größten Börsengänge mit 22 Milliarden US-Dollar an.

Doch während das eine Unternehmen ein solides Rohstoffgeschäft betreibt, bietet das andere kaum mehr als Phantasie. Nennenswerte Gewinne erzielt Space X nicht. Unter dem Dach der Firma hausen zwei faule Eier, die unprofitable Schwatzbude X, ehemals Twitter, und ein ebenfalls unprofitables, geldverschlingendes Risikogeschäft mit künstlicher Intelligenz namens X AI. Bescheidene Gewinne macht allein der Satellitentelefonbetreiber »Starlink«.

Musk war unter den Unternehmern des Silicon Valley immer der Materialist. Während die anderen mit nichts als Daten handelten, begann er damit, Autos bauen, Tunnel bohren oder Raketen starten zu lassen. Das war keine Rückkehr zu alten fordistischen ­Prinzipien, sondern eher das Gegenteil. Er hat die Venture-Capital-Modelle, das Skalieren und die Monopolbildung auf die materielle Produktion zurückübertragen.

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Der nun anvisierte Börsengang grenzt an Betrug, aber Musk hat mit einigen Tricks dafür gesorgt, dass er dennoch gut über die Bühne gehen wird. Dank einer geschickten Änderung der Regeln wird seine Firma schon 15 Tage nach Börsengang im Nasdaq-Index gelistet. Das hat zur Folge, dass institutionelle Anleger, wie zum Beispiel die Pensionskassen, die Aktie in ihr Portfolio aufnehmen werden. Damit zeichnet sich hinter dem Börsengang einer der größten je dagewesenen Umverteilungscoups ab. Ein reines Phantasieprodukt wird für Milliarden verkauft. Die Profite fallen beim Hoffnungsproduzenten Elon Musk an. Damit wird er rechtzeitig vor dem Platzen der KI-Blase abkassieren. Denn die Investitionen in künstliche Intelligenz haben mittlerweile Ausmaße angenommen, die die Internetblase des Jahres 2001 und die Immobilienblase von 2008 weit übersteigen. Alle maßgeblichen Kennziffern weisen auf den bevorstehenden Zusammenbruch hin. Die weitere Ausbreitung der im Jargon mittlerweile als »Slop« bezeichneten, aber aus werbetechnischen Gründen noch immer »intelligent« genannten Technik wird damit nicht unterbunden. Es wird nur eine Marktbereinigung geben, vor der sich Musk mit dem Börsengang in Sicherheit bringt – nach dem alten Rezept: Gewinne einkassieren, Verluste sozialisieren.

Das alles wäre nichts weiter als normaler Kapitalismus, wenn damit nicht auch eine politische Dimension einherginge. Die ideologischen Führer der ehemals liberalen kalifornischen Techindustrie sind nach weit rechts gerückt. Musks guter Bekannter Peter Thiel bezeichnet mittlerweile alles, was den Aufstieg des neuen ­Techimperiums in Grenzen halten will, als Verkörperung des Antichristen und hängt offen den antidemokratischen Ideen seines deutschen (aber bis zu seiner Emeritierung 2008 in den USA lehrenden) Lieblingsdenkers Hans-Herrmann Hoppe an. Mit KI verbinden die kommenden Weltenlenker eine theologische Erlösungshoffnung auf die alles beherrschende Superintelligenz – unter ihrer Kontrolle.

Musk gibt sich mit einfacheren materiellen Posen zufrieden. Er stellt sich neben Milei oder Trump mit einer Motorsäge auf die Bühne und will den Weg zur großen Disruption freisägen, von der auch seine eifrigen Anhänger hierzulande wie Ulf Poschardt oder Alice Weidel träumen. Damit nicht genug. Überintelligenz soll auch ihre weltliche Entsprechung in den neuen Übermenschen finden. Musk hat in der Hinsicht einen ganz besonderen Narren an einem seiner Lieblingsinfluencer namens Beaver gefressen. Im Februar beglückte seine Firma X den Blogger, der sich selbst als »Nazi« bezeichnet und sich wünscht, Trump ­solle mehr »wie Hitler« sein, mit einem Essaypreis von einer Million US-Dollar. So grüßen hinter dem Gröbaz die alten Skelette der weißen Herrenrasse.

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Erschienen in der Ausgabe vom 12.06.2026, Seite 10, Feuilleton

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→ Leserbriefe
  • Istvan Hidy aus Stuttgart 15. Juni 2026 um 11:08 Uhr
    In Europas Presse sorgen die schwindelerregenden Zahlen für eine interessante Mischung aus Staunen und Nervosität. Einerseits wird anerkennend registriert, mit welcher Wucht die USA Zukunftsprojekte finanzieren und vorantreiben. Andererseits wächst die Frage, ob sich zu viel technologische, wirtschaftliche und strategische Macht in den Händen eines einzelnen Unternehmens konzentriert. Der geplante Börsengang von SpaceX gilt bereits jetzt als potenziell größter der Geschichte. Mit einer Bewertung von nahezu zwei Billionen Dollar steht das Unternehmen sinnbildlich für eine amerikanische Stärke: die Fähigkeit, gewaltige Kapitalmengen für große Visionen zu mobilisieren. Längst geht es dabei nicht mehr nur um Raketen. Mit Starlink, den Plänen für Mond- und Marsmissionen sowie der Verknüpfung mit modernsten KI-Technologien gestaltet SpaceX einen neuen wirtschaftlichen und geopolitischen Raum im All. Und bei aller Bewunderung für den Griff nach den Sternen könnte man mit einem Augenzwinkern anmerken: Es wäre vielleicht auch nicht ganz verkehrt, wenn ein Teil dieser gigantischen Energie gelegentlich etwas näher am Boden eingesetzt würde. Während Milliarden in die Besiedlung des Mars fließen, warten manche Brücken, Straßen, Schulen und Innenstädte in den USA noch immer geduldig auf ihre eigene Zukunftsmission. Aber vielleicht gilt dort inzwischen die Devise: Erst den roten Planeten modernisieren, dann schauen wir mal, was sich daheim noch machen lässt.
  • Onlineabonnent*in Thomas S. aus O. 12. Juni 2026 um 18:25 Uhr
    Ich vermute, der Kurs wird erst mal steigen, wodurch viele Kleinanleger angelockt werden. Fomo wirkt (Fear of missing out), d.h. die Angst, mögliche Gewinne zu verpassen. Irgendwann werden dann die Big Player rausgehen und die Gewinne der Kleinen abfrühstücken. Und Lieschen Müller und Hansi Schmidt haben dann evtl. jahrelang Depotleichen rumliegen.
    • Reinhard Hopp aus Berlin 15. Juni 2026 um 17:46 Uhr
      Genau das ist das altbewährte Betrugsprinzip. Das funktionierte schon immer, von der Tulpenzwiebel-Spekulation über die insgesamt neun Zeichnungen von Staatsanleihen zur Finanzierung des Ersten Weltkriegs bis hin zu Wirecard. Und genau in diesem immerwährenden Volksbetrugs-Casino sollen nun auch schon bald die gesetzlichen Rentenversicherungsbeiträge nach und nach in bunte Jetons umgemünzt werden. Na dann: Rien ne va plus!
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