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Stand der Dinge

Aus der Puppenkiste

Foto: Cecile Mantovani/Reuters
Der Krieg als Theater auf der großen Weltbühne

Dem hiesigen Publikum wird der Krieg als Puppentheater vorgeführt. Da hat das Trampel dem Bibi ordentlich den Marsch geblasen. Obwohl er sich soviel Mühe für unsere Drecksarbeit gemacht hat und obendrein von den schrecklichen Muselmännern noch mit Raketen beschossen wird. Dieses Trampel ist wirklich unausstehlich. Jetzt will es die wackeren €uropelchen einfach im Stich lassen. Ganz allein sollen sie sich gegen den Satan im Osten wehren. O weh! O weh! Da müsst ihr jetzt alle ganz dolle tapfer sein.

Das »Framing« der neudeutsch »PR« genannten Propaganda ist schon in den ersten Kriegstagen auf Vorschulniveau gekippt. Wehrertüchtigung aus der Puppenkiste. Das Märchen ist so simpel wie nur möglich gestrickt und wird für unterschiedliche Zielgruppen auf allen Kanälen variiert. Die staatstragende Version läuft in den Nachrichten und wird von den allbekannten immer gleichen Experten in den Talkshows flankiert. Widerrede wird stets empört weggebürstet. Weder mit der Lage an der Front noch mit der Wirklichkeit der Kriegsgründe hat all das etwas zu tun. Die Erzählung ist ganz auf das große Ziel gerichtet – die Leute bereit für den Krieg zu machen.

Noch wackelt die Heimatfront. Die dummen Esel bleiben störrisch. Obwohl das Kasperltheater unter den gebildeten Ständen auf allgemeine Zustimmung trifft. Das hat in Deutschland eine lange Tradition. Was haben die Herren Professoren nicht gejubelt, als es in den Ersten Weltkrieg ging! 3.000 von ihnen haben im Herbst 1914 eine kriegslüsterne »Erklärung der Hochschullehrer« unterzeichnet, alle dabei – Jaspers, Frege, Husserl, Max Planck. Gerade hatte die deutsche Armee die Kathedrale von Reims beschossen, nachdem sie zuvor in Belgien die halbe Stadt Leuven einschließlich ihrer berühmten Universitätsbibliothek niedergebrannt hatte. Wer sich der Illusion hingibt, dass die Gebildeten sich nicht so leicht in den Krieg treiben lassen, sollte sich die gut einhundert Jahre alten Dokumente noch einmal zu Gemüte führen.

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Dabei fällt es nicht einmal besonders schwer, das Puppenspiel aufzudröseln. Es genügt, einige einfache Zusammenhänge im Hinterkopf zu behalten: Europäer wie Israelis machen ohne die Zustimmung der USA nichts. Der Krieg in der Ukraine wird nach wie vor von den US-Amerikanern in Wiesbaden aus geführt. Ohne Daten von »Starlink«, Zielerfassung via Satellit und laufende Lieferungen läuft im Osten nichts. Die Ukraine stellt das Kanonenfutter. Und »Europa« zahlt. Ähnliches gilt für Israel. Die Bomben, die auf Gaza und den Libanon fallen, kommen aus dem Westen und werden weiter geliefert.

Die Iraner haben sich auf das Theater erst gar nicht eingelassen. Das ganze Gerede von dem ebenso aufmüpfigen wie kriegswütigen Netanjahu ist genauso PR wie die Erzählung von den unbeugsamen Ukrainern und deren heldenhaftem Freiheitskampf. Die meisten haben die Schnauze voll vom Krieg. Deshalb braucht es die Gruselgeschichte von den Bösen, den Hilflosen und Verlassenen. Um die breite Bevölkerung »mitzunehmen«, wie man so sagt. Denn stellt dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin. Um diesem Albtraumszenario an der Heimatfront vorzubeugen, müssen die Leute frühzeitig »informiert« werden. Deshalb wird soviel Mühe darauf verwendet, ein Märchen zu erzählen, in dem der Waffengang als einzige mögliche Antwort erscheint.

Die Chefpropagandisten wissen genau, welchen Anteil der Bevölkerung sie auf ihre Seite ziehen müssen, um sich die Mehrheiten für den Kriegseintritt zu sichern. Beliebte Feindsender wurden frühzeitig gesperrt, um die Ausbreitung einer Gegenerzählung zu unterbinden. Trotzdem läuft die Kampagne aus rein werbetechnischer Sicht nur so lala. Luft nach oben. Mehr empfundene Bedrohung. Das Angstlevel hochfahren. Schon lange wurden keine Drohnen mehr über deutschen Flughäfen gesichtet. Gerade in der Urlaubszeit könnte so etwas dramaturgisch effektvoll eingesetzt werden.

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Erschienen in der Ausgabe vom 26.06.2026, Seite 10, Feuilleton

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  • Onlineabonnent*in Franz S. aus R. 26. Juni 2026 um 11:39 Uhr
    »Obwohl er sich soviel Mühe für unsere Drecksarbeit gemacht hat und obendrein von den schrecklichen Muselmännern noch mit Raketen beschossen wird.« Was hat es mit dem Begriff auf sich, den der Autor so lustig findet? »Übersicht mit KI: Der Begriff ›Muselmann‹ (Plural: Muselmänner) wird heute in zwei sehr unterschiedlichen Kontexten verwendet und gilt heute als diskriminierend oder als spezifischer historischer Fachbegriff. Historisch (Sprachgebrauch): Veraltete und diskriminierende Bezeichnung für Muslime. Historisch (KZ-Jargon): In den Konzentrationslagern des NS-Regimes bezeichnete man damit Häftlinge, die durch extremen Hunger, Krankheit und Auszehrung apathisch, körperlich verfallen und dem Tode nahe waren.« Aber dieser schlimme Fehltritt ist nicht das einzig fragwürdige an diesem Artikel: »Der Krieg in der Ukraine wird nach wie vor von den US-Amerikanern in Wiesbaden aus geführt (...) Die Ukraine stellt das Kanonenfutter. Und ›Europa‹ zahlt.« Auf deutsch: das Böse kommt ausschließlich aus den USA, »Europa« und Ukraine die sind die Opfer. So kann nur jemand schreiben, der die letzten Monate von Nachrichten völlig abgeschnitten war. Sind es doch die Kriegstreiber von EU-Europa, die am heftigsten gegen Russland hetzen. »Russland ruinieren« hat etwas sehr Deutsches.
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