Snoopys Erben
Gönnen und geben: Lena Schätte gewinnt den Bachmann-Preis 2026
Sonntag vormittag in Klagenfurt: »Jesus kommt! Und, Er kommt bald!« steht auf einem Altglascontainer unter der Brücke, die über den Lendkanal führen. Abrissästhetik und eigenwillige Interpunktion pflastern den Weg zum Garten im ORF-Landesstudio Kärnten. Helga Schuberts »Klagenfurter Rede zur Literatur« lässt all das beinahe unscheinbar erscheinen: Man weiß, dass »Er« nicht kommen wird, denn er ist nichts weiter als ein Name für das Nichts. Kein weihevoller Kirchgang, sondern ein Warten auf Godot. Kurz vor Mittag wird die Juryentscheidung gefallen sein – in diesem Jahr in einem »Haus ohne Hausherren«.
Das Motto auf den neu bespannten Liegestühlen am Klagenfurter Lendhafen kontrastiert mit den kleinstädtischen Affichen religiöser Quacksalber: »Eines Tages ziehen die Kinder um in die Henselstraße. In ein Haus ohne Hausherren« – ein Satz aus Ingeborg Bachmanns Erzählung »Jugend in einer österreichischen Stadt«, erschienen im Erzählband »Das dreißigste Jahr«. Dass aus dem Kindheitshaus in der Henselstraße ein Museum geworden ist, darf man Glück nennen. Mit Bachmannpreis-Juror Philipp Tingler und ORF-Moderator Peter Fässlacher erhielt das »House of Ingeborg« zudem frischen Drive. Am zweiten Lesetag trug Tingler einen Snoopy auf seinem T-Shirt, Charles M. Schulz’ Cartoon wirkt nach: kein Hegemonieanspruch und kein Hausherr – statt dessen ein Hund, der tagträumend am Dach liegt.
Snoopy, das ist kein Rechthaber und Besserwisser, sondern ein Missverstandener und Außenseiter voller Träume. In seinem Reich darf ab und an auch mal ein Mirakel passieren. Mit »Wunder geschehen« war demnach auch das Eingangsstatement von Juryvorsitz Klaus Kastberger überschrieben, der in diesem Jahr zum letzten Mal die »Cheffunktion« innehatte. Gemeint war nichts Übersinnliches, sondern ein Finanzvoodoo: Der Klagenfurter Literaturkurs wurde wieder eingeführt und auch das Preisgeld des Ingeborg-Bachmann-Preises von 25.000 auf 30.000 Euro erhöht. Während Klagenfurt gönnt und gibt, leiden Wien und Graz weiterhin an den Folgen des kulturpolitischen Austeritätsregimes.
Gewürdigt wurden beim diesjährigen Wettlesen vor allem Irritationsmomente: Unterbrechungen, Leerstellen – und damit auch Möglichkeitsräume. In der Diskussion zu Gesche Heumanns Text fiel das Schlüsselwort »Erzählökonomie« (Tingler) als Moment der Knappheit. Heumanns siebenminütige Lesung, die letzte und kürzeste des Wettbewerbs, erzählte von einer Pferdemalerin mit Meisterbrief von Markus Lüpertz, die darin als Hunde- und Katzenmalerin auftritt. Eine Mitstudentin malt überfahrene Katzen, Kollege Jakob widmet sich den Karbunkeln von Karl Marx. Klaus Kastberger hatte dessen Brief an Friedrich Engels vom 22. Juni 1867 eigens nachgeschlagen: »Jedenfalls hoffe ich, dass die Bourgeoisie ihr ganzes Leben lang an meine Karbunkeln denken wird«, schrieb Marx an den Freund während der Arbeit am ersten Band von »Das Kapital«. Weniger ist mehr. Oder, wie Kastberger trocken bilanzierte: »Ein schönes Ende – Karbunkel von Karl Marx.«
Diese Ökonomie der Ersparnis prägte nicht nur manche Texte, sondern auch deren Aufführung. Kinga Tóth begeisterte mit ihrem Text »OstblockMädl«: Klicken, Schnalzen und Comiclautmalerei orchestrieren die Feldarbeit ungarischer Emigrantinnen auf österreichischen Äckern. Vielleicht reicht der magere Lohn später, nach Wochen, für neue Sneakers aus dem Designer-Outlet Parndorf oder eine Schultasche für die Tochter. Den Gegenpol dazu lieferte die Münchner Autorin Jovana Reisinger. Ihre Protagonistin erbt das Vermögen einer ihr fremd gewordenen Familie und fährt als letzte Überlebende im Cabrio durch die österreichische Provinz. Laura de Weck kam währenddessen zur Einsicht, dass Reichtum nicht glücklich mache. Der radikalere Satz des Textes, entdeckt von Thomas Strässle, lautet jedoch: »Wer nichts erbt, der werfe den ersten Stein.«
Theodor W. Adorno sprach einmal vom Glück, »nicht bei sich selber zu Hause zu sein«. Doch auch zur Miete wohnen ist nicht immer leicht: Fiona Sironics Text kennt Schimmel und eine Hausverwaltung, die nie erreichbar ist. Brigitte Schwens-Harrant lobte die Konstruktion, in der sich die permanente Umleitung eines Anrufs in ein Tunnelsystem mit sozialen Sackgassen verwandelt. Doch selbst ein Hund braucht seine Hütte – und ist selten allein zu Haus’: Ihren Kevin schickte Caroline Rosales in eine Welt der Stripclubs und schläft mit ihm gegen den emotionalen Leerstand. Daran lobte Tingler vor allem den Nihilismus als »kulturelles Motiv unserer Zeit. Doch dann kommt Kevin – I’m a fan.« Lena Schätte hingegen liefert die Essenz einer »Unterschichtsgeschichte« (Mara Delius) – und man stellt sich unweigerlich die Frage, von welcher Klasse vor der Klasse die Jurorin hier eigentlich spricht. Schättes erster Satz »Wir finden zueinander, weil wir die dicksten Mädchen der Schule sind« setzte den entscheidenden Ton.
Sonntag mittag standen die diesjährigen Preisträger fest: An Ozan Zakariya Keskinkılıç geht der Deutschlandfunk-Preis, den 3sat-Preis bekommt Magdalena Schrefel, und Lena Schätte erhielt nebst dem Ingeborg-Bachmann-Preis 2026 auch den BKS-Bank-Publikumspreis, verbunden mit dem Preis der Festivalschreiberin des Carinthischen Sommers. Bei der Jury durchgefallen waren am Sonnabend nachmittag die feuilletonistischen Fingerübungen des Ö1-Radioredakteurs Wolfgang Popp – doch kein Problem: Am anderen Ende des Gartens befand sich ein Merchandise-Stand seines Senders mit Tassen und Plakaten.
Selbstverständlich kann aus Preisgeld nicht ohne weiteres grundloses Auskommen, vielleicht sogar ein bedingungsloses Grundeinkommen werden. Doch vielleicht geht der Bachmannpreis schon im nächsten Jahr neue Wege: Nicht Siegerstraße für Mehrfachpreisträgerinnen, sondern Chaussee für Snoopys Erben. Ihr Weg ist selten mit Ruhm gepflastert. Auf einer Ablage vor der Klagenfurter Lendbuchhandlung in der Sponheimerstraße 2 lag Sonnabend nachmittag noch ein wenig bekanntes Werk, laut Klappentext das »›menschlichste‹ Buch der Gisela Elsner«. Der Titel: »Abseits«.
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
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