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Erinnerungspolitik in Österreich

Kein Platz für die Befreier

In der KZ-Gedenkstätte Mauthausen werden auch in diesem Jahr russische und belarussische Flaggen nicht gehisst

Foto: Dieter Reinisch
Ein militärischer neben einem politischen Vertreter von Belarus am Sonntag in der Gedenkstätte

Seit 1945 hat die Familie nach dem Urgroßvater von Anastasija Zachartschenko gesucht: »Es gab keine Informationen, niemand wusste etwas«, erzählte die Frau am Sonntag im Gespräch mit jW. Ihr Urgroßvater wurde am 5. Mai 1906 geboren, genau 39 Jahre vor der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen in Oberösterreich.

Afanasij Scherschnew wurde wohl in Uschwiza, einem kleinen Bauerndorf, geboren. Der Belarusse diente in der Roten Armee als politischer Kommissar. 1941 verschwand er. Der letzte Hinweis, den die Familie hatte, war, dass er bei der 315. Gardedivision im Einsatz war. Sie vermuteten, dass er an der Wolchow-Front, rund 100 Kilometer südöstlich von Leningrad, im Einsatz war. Die Front verlief dort von Dezember 1941 bis ins Frühjahr 1942.

Ab 2013 widmete sich Zachartschenko der Suche und stieß im Mai 2025 in einer US-Datenbank auf ihren Urgroßvater. Demnach war er bereits 1941 festgenommen, dann ins KZ Mauthausen und später ins Außenlager Gusen gebracht worden. Dort starb er laut Aufzeichnungen am 13. Oktober 1944.

Mit ihrer Tochter reiste Zachartschenko vergangene Woche nach Österreich, um ihres Urgroßvaters zu gedenken. Ursprünglich hätte sie am 7. Mai in Wien ankommen sollen, doch der Luftraum um Moskau war wegen ukrainischer Drohnenangriffe gesperrt. Als sie gerade in Istanbul umstieg, versammelten sich am Besucherparkplatz des KZ Mauthausen bereits mehrere Dutzend russischer und belarussischer Diplomaten, Angehörige von Opfern, Mitglieder des KZ-Verbands Oberösterreich und der Österreichisch-Weißrussischen Gesellschaft.

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Die öffentlichen Feierlichkeiten zur Befreiung fanden am Sonntag statt. Doch seit mittlerweile fünf Jahren sind offizielle Vertreter aus Russland und Belarus vom Mauthausen-Komitee Österreichs (MKÖ) ausgeladen. Statt dessen veranstalten sie alljährlich ihre eigene Zeremonie, legen Kränze am Grab der sowjetischen Opfer, am sowjetischen Denkmal aus den 1950er Jahren, an den Gedenktafeln für ermordete Kommunisten und im ehemaligen Block 20 nieder. Offizielle Vertreter der Gedenkstätte und der Republik Österreich nehmen daran nicht teil – ebenso wenig wie an der Parade zum Jahrestag des Sieges über den Faschismus, die alljährlich am 9. Mai vom Maria-Theresien-Platz über den Ring zum Denkmal der Roten Armee am Wiener Schwarzenbergplatz führt.

In den vergangenen Jahren ist zusätzlich zur Ausladung der russischen und belarussischen Vertreter ein Streit um die Nationalflaggen entbrannt: Russlands Fahne findet sich nicht mehr am Weg zum KZ-Tor. Seit zwei Jahren fehlt auch die belarussische. »Unverständlich und eine Frechheit, dass die Fahnen der zwei Nachfolgeländer der Sowjetunion, die eine besonders hohe Anzahl an Inhaftierten hier in Mauthausen hatten und einen entscheidenden Beitrag zur Befreiung vom Faschismus leisteten, nicht gehisst werden«, zeigte sich Harald Grünn, Vorsitzender des KZ-Verbands Oberösterreich, am Sonntag gegenüber jW verärgert. Nach Rücksprache vor Ort mit einem Vertreter der belarussischen Botschaft sei vom MKÖ behauptet worden, es seien »nicht ausreichend Fahnenmasten für alle Länder vorhanden«, wurde jW berichtet.

Am Montag wandte sich der belarussische Botschafter Andrei Dapkiunas in einem offenen Brief an den MKÖ-Vorsitzenden Willi Mernyi: Schmerz, Unverständnis und Empörung seien groß darüber, dass »bereits im zweiten Jahr in Folge auf der Hauptallee der KZ-Gedenkstätte Mauthausen am Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers die Staatsflagge von Belarus fehlte«, schreibt er darin. »Die Flagge eines Landes, dessen Volk im Zweiten Weltkrieg entsetzliche Opfer brachte: Das Land verlor nahezu jeden dritten seiner Einwohner. Das sind unzählige zerstörte Leben, ungeborene Kinder, unerfüllte Träume. Das ist eine Wunde im Herzen unseres Volkes, die bis heute nicht verheilt ist«, erklärte Dapkiunas.

Er hoffe, dass es in der MKÖ zu einem Umdenken komme. Das hofft auch Zachartschenko. Sie besuchte mit ihrer Tochter noch am Sonntag Mauthausen und Gusen: »Was in Mauthausen passierte, war eine fürchterliche Tragödie für die ganze Welt. Es soll hier ohne politische Spielereien gedacht werden«, wünscht sie sich für die Zukunft.

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Erschienen in der Ausgabe vom 13.05.2026, Seite 15, Antifaschismus

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