Aus: Ausgabe vom 23.06.2018, Seite 2 / Inland

»Da brennen wieder Russen?«

77. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion: Gedenkstätte Hebertshausen erinnert an ermordete Kriegsgefangene. Gespräch mit Andrea Riedle

Interview: Gitta Düperthal
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Faschistischer Massenmord: 4.000 sowjetische Kriegsgefangene wurden auf dem »SS-Schießplatz Hebertshausen« durch die Dachauer Lager-SS hingerichtet (Kopie des historischen Lagertores der KZ-Gedenkstätte Dachau, 22.7.2017)

Der Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion jährte sich am 22. Juni zum 77. Mal. Ist bei Ihren Führungen in der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Dachau zu registrieren, inwieweit Deutsche die Erinnerungskultur in Bezug auf die Opfergruppe der sowjetischen Gefangenen bewusst wahrnehmen?

Der damals von Deutschland begonnene Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion hatte bis zu seinem Ende am 8. Mai 1945 allein auf sowjetischer Seite etwa 27 Millionen Tote zum Ergebnis. Diese hohe Anzahl von getöteten Menschen aus der Sowjetunion unter den insgesamt 55 Millionen Opfern des Zweiten Weltkriegs wurde kaum thematisiert. Auf dieses Defizit reagieren die Gedenkstätten seit Jahren, indem sie versuchen, diese Tatsache stärker in den Mittelpunkt zu rücken. Anlässlich des 70. Jahrestages wurde das bei vielen Veranstaltungen diskutiert.

Die Lager-SS hat auf dem Schießplatz Hebertshausen, der auf dem Gemeindegelände Dachaus liegt, von September 1941 bis ins Jahr 1942 mehr als 4.000 sowjetische Kriegsgefangene ermordet. Was möchten Sie vermitteln?

Dort fand eine der größten Massenmordaktionen in den Konzentrationslagern statt. Vor allem ist wichtig, dass die deutsche Bevölkerung die schlimmen Verbrechen in Konzentrationslagern überall in Deutschland mitbekommen hat. In Dachau hat die Bevölkerung gesehen, wie sowjetische Gefangene auf Lastwagen zum Schießplatz transportiert wurden. Anschließend waren die Erschießungen zu hören. Dachauer konnten die Abtransporte der Leichen zu den Krematorien wahrnehmen und den Geruch, der sich später aus diesen über den Ort erhob. All das wurde unter der Hand weitererzählt und stieß nicht unbedingt auf Zustimmung in der Bevölkerung. Vielen war klar, dass hier wehrlose Menschen umgebracht wurden und dies dem Völkerrecht widersprach.

Eigene Angehörige waren ihrerseits im Krieg in anderen Ländern. Deshalb ging die Angst um, ihnen könne das Gleiche widerfahren. Insofern kippte die Stimmung von anfänglich großer Begeisterung für das Nazi-Regime – zumal der Überfall der deutschen Wehrmacht auf Stalingrad ab Sommer 1942 am 2. Februar 1943 bekanntlich mit deren Niederlage endete. Wichtig ist, zu vermitteln, dass die Verbrechen nicht nur fernab in anderen Ländern stattfanden, sondern vor der eigenen Haustür. Es gibt viele Hinweise, wie gut die Bevölkerung über alles Bescheid wusste. Kinder fragten etwa ihre Eltern: »Da verbrennen wieder Russen?«

Ist es möglich, auf Biographien von Opfern der Erschießungen einzugehen?

Wir arbeiten nach wie vor daran, Informationen von deren Familien zu erhalten, um über Biographien zu berichten. Es gibt Familienbilder oder Materialien über ihr Leben, etwa die Zeit dieser Menschen in der Roten Armee. Zur Erschießung »aussortiert« hat die Lager-SS politisch aktive Kommunisten, zum Beispiel Politkommissare, die in der Roten Armee eine besondere Funktion einnahmen, sowie Intellektuelle und jüdische Menschen. Vom Schießplatz selber gibt es nur einen Erinnerungsbericht.

Er stammt von dem Offizier der Roten Armee Moisej Beniaminowitsch Temkin. Er entkam dieser systematischen Auslese, obgleich er sich schon entkleidet für die Erschießung auf dem SS-Schießplatz Hebertshausen befunden hatte. Er wurde wieder herausgewunken und in das zwei Kilometer entfernte KZ Dachau gebracht. Temkin hat seine Erlebnisse nach Kriegsende detailliert beschrieben und so ein einzigartiges Zeugnis für die Verbrechen an dieser oft vergessenen Opfergruppe hinterlassen.

Wie reagieren Menschen auf die Führungen? Gibt es Aussagen darüber, welche Lehren sie aus der Geschichte ziehen? Oder wird ein zunehmender Rechtstrend in der Gesellschaft erkennbar?

Zunächst nehmen eher gut informierte Menschen teil. Nur bei Schulklassen ist altersbedingt das Wissen weniger ausgeprägt. Die meisten Menschen sind entsetzt. Welche Schlussfolgerungen sie ziehen und ob es ihre Lebenseinstellung langfristig in irgendeiner Form beeinflusst, darüber wissen wir leider wenig. Es gibt keine Untersuchungen dazu. Es funktioniert vermutlich nicht so, dass Rechtsradikale die Gedenkstätte betreten und danach etwa geläutert wieder verlassen. Wenn sie kommen, merken wir es mitunter nicht; viele schweigen und äußern sich gar nicht. Wir sind nur ein Mosaikstein, der Besuch in der Gedenkstätte wird in der Schule oder dem Elternhaus nachbereitet.

Andrea Riedle ist seit fünfeinhalb Jahren Leiterin der wissenschaftlichen Abteilung der KZ-Gedenkstätte Dachau in Bayern

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