Die heroische Zeit
In der neuen Ausgabe des Mitteilungsblatts der Wiener Alfred-Klahr-Gesellschaft beschäftigt sich Carola Schramm mit der Tätigkeit von Ernst Busch in den ersten Nachkriegsjahren, insbesondere mit der Gründung und den schwierigen Anfängen des Plattenlabels »Lied der Zeit« 1946/47: »Der Anlass für die Gründung eines Plattenunternehmens basierte zwar auf einem sowjetischen Vorschlag, die Umstände der Gründung waren aber keinesfalls nur den Intentionen der sowjetischen Besatzungsmacht geschuldet.« Die Berliner Gedenkveranstaltung zum 10. Jahrestag des Beginns des Spanischen Bürgerkrieges im Juli 1946, bei der der sowjetische Stadtkommandant »den eingeladenen Spanienkämpfern Grammophonplatten mit Liedern von Ernst Busch überreichen« wollte, »hatte weitreichende Folgen«: »Sie wurde zum Auftakt einer über 40 Jahre dauernden Schallplattengeschichte, die in der sowjetischen Besatzungszone ihren Anfang nahm und erst mit dem Untergang der DDR im Jahr 1990 endete«. Busch nannte den Zeitraum von 1945 bis 1953 in nachgelassenen Notizen seine »heroische Zeit«.
Heimo Halbrainer beschäftigt sich mit dem Leben des österreichischen Kommunisten Karl Hirt (1914–1998), insbesondere mit dessen Arbeit in »einer kleinen Antifa-Brigade der Roten Armee an der deutsch-sowjetischen Front«. Hirt lief im November 1942 an der Murmansk-Front zusammen mit einem Kameraden zur Roten Armee über. Sein Vater wurde, nachdem Hirt über Radio Moskau Grüße an seine Mutter ausgerichtet hatte, von der Gestapo festgenommen und kam im Februar 1945 im KZ Natzweiler um. Hirt durchlief 1943 die Antifa-Schule in Krasnogorsk. Seit Herbst 1943 wurde er mit einer kleinen Gruppe von Antifaschisten zur propagandistischen Arbeit an der Front eingesetzt: »Die Soldaten gegenüber hörten die Sendung ruhig an, nur die Granatwerfer der Deutschen versuchten, die Station zu treffen.« Mit der 33. Armee marschierte Hirt nach Westen bis Warschau. Im März 1945 wurde er in das befreite jugoslawische Territorium gebracht und traf am 21. April 1945 mit einer Gruppe führender Mitglieder der KPÖ in Wien ein. In den Nachkriegsjahren war er für die KPÖ auf kommunaler Ebene aktiv und wurde schon 1948 wieder bei Veranstaltungen als »Vaterlandsverräter« beschimpft und sogar misshandelt.
Außerdem: Sabine Fuchs schreibt über die »Traumata politischer Gewalterfahrungen im griechischen Film nach 1974«, Jonas Kraft über Erinnerungspolitik in Japan und Robert Streibel über den »Umgang mit dem kommunistischen Widerstand in Krems« anlässlich einer neuen zeitgeschichtlichen Ausstellung im dortigen Stadtmuseum. Bezeichnend sei, »dass es diese Ausstellung zuwege bringt, den kommunistischen Widerstand nicht als solchen zu benennen«. Karl Wimmler macht sich Gedanken über »österreichisches Elend« am Beispiel der »Kulturhauptstadt« Bad Ischl. (jW)
Mitteilungen der Alfred-Klahr-Gesellschaft, Jg. 31/Nr. 4, 24 Seiten, 1,50 Euro, Bezug: Alfred-Klahr-Gesellschaft, Drechslergasse 42, A-1140 Wien, E-Mail: klahr.gesellschaft@aon.at
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