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Aus: Ausgabe vom 13.02.2020, Seite 12 / Thema
Zweiter Weltkrieg

Verbrecherische Verteidigung

Die Nazis erklärten im November 1944 Budapest zur Festung und nahmen die Einwohner als Geiseln. Am 13. Februar 1945 befreite die Rote Armee Ungarns Hauptstadt
Von Martin Seckendorf
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Die Rote Armee hatte wiederholt erklärt, Budapest schonen zu wollen. Die Nazis verweigerten die Kapitulation, die ungarische Hauptstadt wurde in ein Trümmerfeld verwandelt (Rotarmist in Budapest, Anfang 1945)

Ungarn war seit Mitte der 1930er Jahre Verbündeter des faschistischen Deutschland. Um ihren ausufernden Plänen zur Errichtung eines »Großungarn« die notwendige Durchsetzungskraft zu verleihen, hatten sich die Herrschenden in Budapest auf Gedeih und Verderb dem Naziregime ausgeliefert und den Deutschen ökonomisch wie politisch Tür und Tor geöffnet. Ende 1940 resümierte das Auswärtige Amt in Berlin, Ungarn sei »vollständig in unserer Hand«.

Höhepunkte der Anlehnung an das faschistische Deutschland waren die Teilnahme an der Aggression gegen Jugoslawien und am Krieg gegen die Sowjetunion seit dem 27. Juni 1941. Für Berlin wurde Ungarn während des Krieges als Durchgangs- und Rückraum der Wehrmacht und als Lieferant von Nahrungs- und Futtermitteln sowie mineralischen Rohstoffen wie Bauxit, Mangan, Antimon und Erdöl immer wichtiger. Außerdem lieferte die ungarische Industrie in beträchtlichem Umfang Munition und Rüstungsgüter an die Wehrmacht.

Die letzte Okkupation

Ende 1942/Anfang 1943 erzwang die Rote Armee in den Schlachten an Don und Wolga die Kriegswende. In diesen Kämpfen wurde auch die 2. ungarische Armee, der kampfstärkste Großverband des ungarischen Heeres, zerschlagen. Für die Herrschenden in Ungarn war das Debakel Anlass, die Kontakte zu den Westmächten zu intensivieren. Man wollte das Bündnis mit den Nazis verlassen. Das profaschistische Regime und besonders die mit deutscher Hilfe erfolgte territoriale Erweiterung sollten hingegen beibehalten werden. Immerhin war das ungarische Staatsgebiet durch die Expansionen um etwa 45 Prozent und die Einwohnerzahl um fast die Hälfte vergrößert worden.

Diese Aktivitäten und die Auffassung maßgebender Kräfte in Deutschland, ein unter deutscher Herrschaft stehendes Ungarn könne für die »gemeinsame Kriegsführung« noch mehr Soldaten stellen und weit größere ökonomische Beiträge leisten, führten zu dem Entschluss, das Land zu okkupieren. Gestützt auf die Kollaborationsbereitschaft breiter Kreise der herrschenden Klasse und des Beamten- und Militärapparats in Ungarn implementierten die Nazis ab dem 19. März 1944 ein besonderes Besatzungsregime. Ungarn galt formell als unabhängiger Staat. Miklos Horthy blieb als »Reichsverweser« Staatsoberhaupt. Der Staatsapparat wurde von jenen Kräften »gesäubert«, die einen Ausstieg aus dem faschistischen Bündnis gutgeheißen hatten. Die deutschen Behörden waren dabei Aufsichtsorgane, die antreibend und kontrollierend wirken sollten.

Im August 1944 veränderte eine gewaltige Offensive der Roten Armee im Südteil der deutsch-sowjetischen Front die Lage in Südosteuropa grundlegend. Anfang September erreichten die sowjetischen Streitkräfte bei Turnu Severin die jugoslawische und weiter nördlich die ungarische Grenze. Der Weg nach Belgrad war geöffnet, die Rote Armee befand sich in der für sie entscheidenden Stoßrichtung Budapest–Bratislava–Wien. Infolge der sowjetischen Offensive schieden Rumänien und Bulgarien aus der faschistischen Koalition aus und erklärten dem Nazireich den Krieg. Mit dem »Abfall« Rumäniens wurde nach einem Eintrag im Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) »die deutsche Benzinversorgung (…) schwer getroffen«. Der deutschen Kriegswirtschaft standen nur noch die wenigen Erdölfelder in Ungarn und in Österreich zur Verfügung. Damit war Ungarns Bedeutung für die Deutschen noch weiter gewachsen.

Durch den sowjetischen Vorstoß klaffte zwischen Karpaten und Donau eine Frontlücke von 200 Kilometern, für die kein Großverband zur Verfügung stand. Die Wehrmacht beschloss, Griechenland zu räumen. Mit diesen Truppen sollte die Lücke geschlossen und gegen die Rote Armee an der Donau eine stabile Front aufgebaut werden.

Britische Balkanpläne

Beim Rückzug aus Griechenland stellten die Deutschen fest, dass die überlegenen britischen See- und Luftstreitkräfte die Wehrmacht unbehelligt nach Norden ziehen ließen. Der Sonderbevollmächtigte Südost meldete am 10. September nach Berlin, »dass (die) Engländer unsere Leute schon im Hinblick auf einen kommenden, auch im britischen Interesse liegenden Einsatz gegen die Bolschewisten bewusst herauslassen«. Hintergrund war ein im Zweiten Weltkrieg einmaliger Vorgang: Nach dem Zeugnis von Albert Speer, Rüstungsminister und Hitler-Intimus, hatten sich die deutsche und die britische Militärführung auf eine »Zug um Zug«-Räumung Griechenlands geeinigt. Die Wehrmacht sollte ihre strategisch wichtigen Stellungen zur Beherrschung des Landes solange gegen die linksgerichtete Nationale Befreiungsfront (EAM) und deren bewaffneten Arm, die Griechische Volksbefreiungsarmee (ELAS), halten, bis britische Verbände diese Punkte übernehmen konnten. Als Gegenleistung wurde den Nazis ein störungsfreier Abzug nach Norden zugesagt.

Die Vereinbarung erfolgte im Sinne der britischen Nachkriegspläne für Südosteuropa. In deren Zentrum stand die Beherrschung Griechenlands zur erstrebten Wiedererlangung eines dominierenden britischen Einflusses im östlichen Mittelmeer und im übrigen Südosteuropa. Das größte Hindernis für die Pläne bildete die EAM. Deren opferreicher Kampf gegen Besatzer und Kollaborateure und das auf ein unabhängiges, modernes und sozial gerechtes Griechenland zielende Nachkriegsprogramm brachten der Befreiungsfront riesigen Zulauf. Große Teile Griechenlands standen im Sommer 1944 unter ihrer Kontrolle. Der britische Premier Winston Churchill war willens, Griechenland nach dem durch die sowjetische Augustoffensive erzwungenen Abzug der Wehrmacht militärisch zu besetzen und die EAM gewaltsam zu zerschlagen. Er schrieb in einem Memorandum vom 29. August, ab 11. September sollten britische Streitkräfte bereitstehen, um nach dem vereinbarten Abzug der Deutschen »aus heiterem Himmel zuzuschlagen«, denn das sei »die beste Art der EAM zuvorzukommen«. Der für die britischen Truppen in Griechenland zuständige Oberbefehlshaber, General Ronald Scobie, sollte »nötigenfalls (…) Blutvergießen« nicht scheuen, um »die ELAS-Banden«, so Churchill am 5. Dezember in einem Befehl, »zu vernichten«.

Der Rückzug der Wehrmacht aus Griechenland verzögerte sich, so dass die britischen Truppen erst am 4. Oktober auf der Peloponnes mit der »Operation Manna«, wie die Tarnbezeichnung für die Besetzung lautete, beginnen konnten. Gleichzeitig drang die auf dem Südflügel der deutsch-sowjetischen Front kämpfende 3. Ukrai­nische Front unter Fjodor Iwanowitsch Tolbuchin zügig Richtung Belgrad vor. Churchill versuchte, mehr über die sowjetischen Balkanpläne zu erfahren. Am 29. September teilte ihm Stalin mit, dass es Hauptaufgabe der Roten Armee in Südosteuropa sei, »Ungarn aus dem Krieg auszuschalten« und damit den Weg in der strategischen Hauptrichtung Bratislava–Wien zu öffnen. Nur so konnte der Krieg in Europa schnell beendet und der von den Amerikanern gewünschte, von Stalin zugesicherte Eintritt der UdSSR in den Krieg gegen Japan vollzogen werden. Ein Abdrehen sowjetischer Kräfte nach Griechenland hätte eine Schwächung der Roten Armee in der strategischen Hauptrichtung bedeutet. Angesichts der britischen Präsenz in diesem Raum bestand außerdem die Gefahr eines Zusammenstoßes mit westalliierten Truppen und die Beschädigung der Antihitlerkoalition. Churchill versuchte bei einem Moskau-Besuch am 8. Oktober, mit Stalin zu einem förmlichen Arrangement über Einflusszonen in Ost- und Südosteuropa zu kommen. Der sowjetische Staatsführer enthielt sich einer Stellungnahme und blieb, wie die späteren Besprechungen mit der britischen Delegation zeigten, bei der Fokussierung auf die strategische Hauptrichtung der sowjetischen Kriegführung. So wurde eine Linie für die Operationen zu Lande und in der Luft etwa 250 Kilometer südlich von Belgrad vereinbart, die die britischen und sowjetischen Streitkräfte nicht überschreiten sollten. Diese verlief vom nordalbanischen Shkodra östlich bis zur bulgarischen Grenze. Außerdem drehte die 3. Ukrainische Front nach der Befreiung Belgrads am 20. Oktober nach Nordwesten, um in die schweren Kämpfe um Budapest und in Westungarn einzugreifen. Churchill hatte darauf spekuliert, dass der durch britische Passivität ermöglichte Abzug der Wehrmacht aus Griechenland den Vormarsch der Roten Armee an der Donau und im Karpatenbecken verzögern werde, um einen weiteren Punkt seiner Balkanpläne realisieren zu können.

Seit der Ausschaltung der deutsch-italienischen Truppen in Nordafrika im Mai 1943 verfolgte die Führung in London das Ziel, alliierte Truppen im Nordwesten der Balkanhalbinsel zu landen, um vor der Roten Armee Ungarn und Österreich zu erreichen und auch diese Gebiete unter britischen Einfluss zu bringen. Am 28. August 1944 schrieb Churchill an US-Präsident Franklin D. Roosevelt, eine »schlagkräftige Armee« könne von Oberitalien aus in Istrien landen und durch die Laibacher Senke weiter nordwärts nach Wien und Ungarn vordringen. Damit könnte man, so Churchill weiter, in diesem Gebiet »eine weit über den militärischen Rahmen hinausgehende Wirkung ausüben (…), auf alle Fälle wären wir aber in der Lage, eine günstige neue Situation voll auszunutzen«.

Putsch in Budapest

An diese Möglichkeit klammerten sich auch Horthy und seine Umgebung. Seit Beginn der sowjetischen Augustoffensive suchten sie hektisch nach Wegen, sich aus dem Bündnis mit den Nazis zu lösen und eine Besetzung Ungarns durch die Rote Armee zu verhindern. Als Horthy am 15. Oktober einen Waffenstillstand verkündete, putschten Wehrmacht und SS. Der »Reichsverweser« wurde inhaftiert, der Chef der faschistischen Pfeilkreuzler-Partei, Ferenc Szalasi, als Ministerpräsident und Staatsführer eingesetzt.

Dieser sollte die totale Mobilisierung der Ungarn und der ungarischen Wirtschaft für die deutsche Kriegführung organisieren. Neben massenhaften Einberufungen als Soldaten und Hilfskräfte zu den ungarischen Streitkräften, die unter deutschem Kommando standen und größtenteils auf anderen Kriegsschauplätzen eingesetzt wurden, deportierte man Zehntausende Jugendliche zwischen 15 und 17 Jahren zur deutschen Fliegerabwehr außerhalb Ungarns. Gleichzeitig lief die totale Ausplünderung der noch nicht befreiten Gebiete, alles Brauchbare, alle Rohstoffvorräte, Lebensmittel, die Viehbestände, komplette Betriebsanlagen, häufig mit der gesamten Belegschaft, und das rollende Material der Eisenbahn wurden nach Westen, meist nach Deutschland, gebracht. Was nicht transportabel war, wurde zerstört. Im Dezember wurden die Bestände der Ungarischen Nationalbank »verlagert«. 51 Waggons mit Gold, Silber, Banknoten, Devisen, Wertpapieren und Druckplatten wurden ins Deutsche Reich transportiert.

Im Oktober gelang der Roten Armee in äußerst verlustreichen Kämpfen die Befreiung Ostungarns bis zur Tisza. Das sowjetische Oberkommando befahl am 28. Oktober die baldige Einnahme von Budapest. Für die sowjetische Führung war die schnelle Befreiung der ungarischen Hauptstadt auch politisch wichtig. Der sicherste Weg, die Errichtung einer britischen Einflusszone zu verhindern, war der schnelle Vormarsch der Roten Armee.

Inzwischen hatten die Wehrmacht und die ungarische Armee die Gebiete westlich der Donau, mit tiefgestaffelten Befestigungsanlagen versehen. Die wichtigste Linie verlief von der jugoslawischen Grenze, vorbei am Balaton, in einem Halbkreis östlich um Budapest bis zur slowakischen Grenze. Für den Bau wurden Hunderttausende Ungarn, darunter Zehntausende Budapester Juden zwangsweise und unter furchtbaren Bedingungen eingesetzt. Der Vormarsch der Roten Armee war mit den Befestigungsbauten zwar zu verzögern, aber nicht aufzuhalten. Am 1. November erreichten sowjetische Panzerspitzen die Vorstädte der Hauptstadt. Die Wehrmacht erklärte am 23. November Budapest zur Festung. Der Befehl forderte, die Stadt »Haus um Haus« und ohne Rücksicht auf die Einwohner zu verteidigen. Zum Kampfkommandanten wurde der SS-General Karl Pfeffer-Wildenbruch ernannt. Auf Druck der Deutschen verkündete Szalasi, die ungarische Hauptstadt sei keine »offene Stadt«, was Budapest der Zerstörung auslieferte. In dem Befehl des Generalstabschefs des Heeres, Heinz Guderian, heißt es, »alle im Interesse der deutschen Kriegsführung erforderlichen Zerstörungen und Lähmungen an Industrie und Verkehrsanlagen, Elektrizitäts-, Gas- und Wasserwerken (seien) planmäßig und gründlich durchzuführen (…) Auf die ungarischen Interessen kann hierbei leider keine Rücksicht genommen werden«. Auch die Donaubrücken seien zu zerstören.

Ausbruch aus dem Kessel untersagt

Ende Dezember stieß die Rote Armee für die Wehrmacht unerwartet nördlich und südlich an der Stadt vorbei. Am 26. Dezember vereinigten sich die inneren Flügel der Angriffskeile westlich von Budapest, während die Hauptkräfte bis an die bedeutende Industriestadt Komarom, etwa 70 Kilometer nordwestlich von Budapest, heranrückten. Die Hauptstadt, in der sich zu dieser Zeit etwa 800.000 Zivilisten und ca. 75.000 Soldaten aufhielten, war eingeschlossen und auf eine Belagerung nicht vorbereitet. Nur geringe Mengen an Versorgungsgütern, hauptsächlich für das Militär bestimmt, gelangten eine gewisse Zeit auf dem Luftweg in das belagerte Budapest. Um der Bevölkerung die absehbar schweren Leiden einer Belagerung zu ersparen und die Stadt vor der weitgehenden Zerstörung zu bewahren, unterbreitete die Rote Armee Pfeffer-Wildenbruch eine Kapitulationsaufforderung: Alle ungarischen Kombattanten sollten in ihre Heimatorte entlassen werden, den deutschen Soldaten wurde ehrenvolle Behandlung zugesichert. Ohne das Angebot zur Kenntnis zu nehmen, wurden die Parlamentäre abgewiesen und auf dem Rückweg getötet. Das Oberkommando der Wehrmacht dekretierte, zukünftig Parlamentäre an den eigenen Linien mit Waffengewalt aufzuhalten. Außerdem erging der Befehl: »Budapest ist so lange zu halten, bis die Stunde des Entsatzes gekommen ist.«

Ein Ausbruch aus dem Kessel wurde untersagt. Es ging den deutschen Generalen nicht um die Rettung der Eingeschlossenen. »Entsatz« bedeutete, in die Stadt einen Nachschubkorridor vor allem für Mannschaften und Waffen zu öffnen. Budapest sollte wegen seiner Lage am Donauknie die Flanken sowjetischer Vorstöße nach Westen bedrohen und Ausgangspunkt einer Wiedereroberung der Tisza-Linie sein, so die operative Spekulation der Wehrmacht. Das militärische Potential in der Festung lag wie bei den meisten ab Sommer 1944 im Osten angelegten festen Plätzen brach. Die Rote Armee war inzwischen so stark, dass sie faschistische Gruppierungen stabil einkesseln und gleichzeitig rechts und links an den Festungen vorbeistoßen konnte. So spielte die Budapester Garnison bei der Bekämpfung der entscheidenden sowjetischen Dezemberoffensive Richtung Westen, die nördlich und südlich an der Stadt vorbei führte, keine Rolle. Drei Entsatzoffensiven der Wehrmacht im Januar scheiterten auch deshalb, weil die Soldaten in der Festung den Belagerungsring der Roten Armee nicht durchbrechen konnten, um den auf Budapest zumarschierenden Verbänden entgegenzukommen.

Schreckensregime

Die Lage in der Festung verschlechterte sich rapide. Ein neutraler Bericht beschreibt die Situation wie folgt: »Um jedes Haus, ja um jedes Zimmer wird gekämpft. Straßen, Plätze und Hinterhöfe sind mit Gefallenen übersät (…) Die ganze Stadt ist in einen Schleier von Rauch und Staub gehüllt (…) Die Leiden der Zivilbevölkerung sind unbeschreiblich.« Karoly Beregfy, Kriegsminister der Pfeilkreuzler-Regierung, informierte den Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Süd, Otto Wöhler, über die Lage und die für die Nazis gefährliche Stimmung unter der Bevölkerung: »Die ausgebombte, aus ihren Schutzkellern verdrängte, von ihren Werten beraubte, durch Hunger, Mangel an Wasser, eigenes und feindliches Feuer gequälte Zivilbevölkerung gibt (…) ihrem Hass gegenüber den Deutschen und Pfeilkreuzlern Ausdruck.« Und weiter: Es sei »vorgekommen, dass die Russen Lebensmittel und Zigaretten verteilt haben und den Bewohnern Wasser bringen ließen. Infolgedessen werden die Russen mehrseits als Befreier erwartet. Die Russen belegen jede (…) militärische Bewegung hauptsächlich mit Granatwerferfeuer, aber die (…) Zivilbewegungen werden von ihnen nicht beschossen.«

In der Festung erhielt die Szalasi-Verwaltung, die als Verbrecherregime schlechthin galt, bei der Massenvernichtung des inneren Feindes, vor allem der Kommunisten und anderer »abtrünniger« Ungarn, freie Hand. Die in der Stadt lebenden etwa 150.000 Juden hatten in besondere Weise unter dem Terror der Pfeilkreuzler zu leiden. Sie waren von den seit April 1944 mit Horthys Hilfe durchgeführten Massendeportationen von fast 500.000 Menschen in die Vernichtungslager der Faschisten ausgenommen worden. Internationale Proteste hatten im Sommer die Deportationen gestoppt. Nach dem Oktoberputsch versuchten die deutschen Behörden mit Szalasi ihr Ziel, die Vernichtung aller in Ungarn lebenden Juden, zu realisieren. Vorrangig sollten arbeitsfähige Juden für den Stellungsbau eingesetzt werden. Der Reichsbevollmächtigte Edmund Veesenmayer meldete am 13. November an das Auswärtige Amt, bis zu diesem Zeitpunkt seien 27.000 »Juden in das Reichsgebiet in Marsch gesetzt worden«. In Tagesraten von 2.000 bis 4.000 Menschen sollten weitere 40.000 »abtransportiert werden«. Die Einschließung Budapests unterband die Deportationen. Das Leiden der jüdischen Bevölkerung in der Stadt aber ging weiter. Am 17. Oktober telegraphierte Veesenmayer nach Berlin, seit dem 16. Oktober seien gegen die Budapester Juden »Ausschreitungen und Tötungen im Gange«. Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop wies am 20. Oktober die deutschen Behörden an, die Greueltaten »in jeder Weise zu unterstützen«. Es liege »in unserem Interesse, wenn die Ungarn jetzt auf das allerschärfste gegen die Juden vorgehen«. Dadurch würden sich die Führer der Pfeilkreuzler »in den Augen unserer Feinde kompromittieren« und wären alternativlos an die Nazis gebunden. Tausende fielen den Szalasi-Horden zum Opfer, meist wurden sie auf offener Straße hingemetzelt.

Pfeffer-Wildenbruch kapitulierte am 13. Februar. Bei der Befreiung war die »Perle an der Donau« weitgehend ein Trümmerfeld ohne Wasser-, Gas- und Elektrizitätsversorgung. Die Deutschen hatten alle Donaubrücken zerstört. Verheerend ist die Bilanz der menschlichen Opfer: 38.000 Zivilisten fanden den Tod. Etwa 50.000 deutsche und ungarische Soldaten kamen bei den Kämpfen ums Leben. 80.000 sowjetische und rumänische Soldaten sind für die Befreiung Budapests gestorben.

Nach der Schlacht denunzierte General Wöhler in einem Schreiben vom 12. März 1945 an den Oberbefehlshaber der ungarischen Armee, Imre Kovacs, einen Offizier, weil dieser Meinungen verbreitet habe, die geeignet seien, »den Heldenkampf um Budapest in den Kot« zu ziehen. Dieser Oberstleutnant Gadaros habe geäußert, »die Verteidigung Budapests (sei) ein Unsinn gewesen. Die Russen hätten im Rundfunk wiederholt erklärt, sie wollten Budapest schonen. Die ungarische Bevölkerung schreibe es den Deutschen zu, dass ihre Hauptstadt zerstört sei (…) Man müsse es den Sowjets danken, wenn von der Stadt überhaupt noch etwas übrig geblieben sei.«

Martin Seckendorf schrieb an dieser Stelle zuletzt in der ausgabe vom 2./3. November 2019 über den Abzug der Wehrmacht aus Griechenland vor 75 Jahren.

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