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Krieg gegen Iran

Immense Aufrüstung in Nahost

USA und Israel nutzen Gunst der Stunde: Deals mit den Golfstaaten und Milliarden für Kampfjets, Raketen und Munition

Von Lars Lange
Foto: Eric Lee/REUTERS
Es gibt auch Protest gegen die eigenen Kriegstreiber: Ein Code-Pink-Aktivist im Streitkräfteausschuss (Washington, 30.4.2026)

Wenige Wochen nach Beginn der Waffenruhe zwischen den USA und Iran zeichnet sich in der Region ein beispielloses Aufrüstungsprogramm ab. Israel genehmigte am Sonntag einen Zehnjahresplan über 101 Milliarden Euro – für neue Kampfjetverbände und Abfangraketen; die USA bewilligten allein im März und Mai 2026 Rüstungsverkäufe an Golfstaaten im Wert von über 25 Milliarden US-Dollar. Die Rüstungsspirale dreht sich also weiter – und militärisch ist bemerkenswert: Ein Krieg, der die Grenzen teurer Waffensysteme schmerzhaft sichtbar gemacht hat, wird mit dem Kauf noch teurerer Systeme beantwortet.

Israel nutzt den Krieg gegen Iran als Hebel für das größte Rüstungsprogramm seiner Geschichte. Vom Ministerialausschuss beschlossen wurden die milliardenschwere Anschaffung eines vierten F-35-Geschwaders (Lockheed Martin) und eines zweiten F-15IA-Geschwaders (Boeing), dazu eine beschleunigte Produktion von »Arrow«-Abfangraketen und Mehrjahresaufträge für luftgestützte Munition im Wert von über 200 Millionen US-Dollar an Elbit Systems. Parallel rüsten die Golfstaaten auf: Die Vereinigten Arabischen Emirate erhielten vergangenen Freitag US-Freigaben für Rüstungskäufe von über 8,4 Milliarden US-Dollar, Kuwait für rund 10,5 Milliarden, Katar für gut vier Milliarden – allesamt unter Umgehung der üblichen Prüfungsordnung durch den US-Kongress, unterzeichnet von Außenminister Marco Rubio persönlich. Der habe festgestellt, dass eine Notsituation vorliege, die sofortige Verkäufe an diese Länder erforderlich mache, hieß es von seiten des State Department.

Israels Premierminister Benjamin Netanjahu erklärte dabei, ein Großteil der Mittel solle der inländischen Munitionsproduktion und der Unabhängigkeit von ausländischen Lieferanten dienen. Was parallel geschieht, spricht allerdings eine andere Sprache: Seit Beginn der »Operation Roaring Lion« hat Israel mehr als 115.600 Tonnen Militärmaterial aus den USA erhalten – in 403 Luft- und zehn Seetransporten. Die proklamierte Autonomie ruht auf einer Versorgungsbrücke, die ihresgleichen sucht. Dass diese Brücke selbst unter Druck steht – die USA verschossen über tausend Marschflugkörper, verbrauchten offenbar ganze Bestände neuer Präzisionsmunition und haben seit Jahren kaum Nachschub bei bestimmten Raketenabwehrsystemen erhalten – bleibt in den Beschaffungsankündigungen unerwähnt.

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Doch was hat der Krieg tatsächlich gezeigt? Iran feuerte allein in den ersten vier Kriegstagen über 2.000 Drohnen und mehr als 500 ballistische Raketen ab und zwang die Abwehrseite damit zur Rationierung. Den eigenen Beschuss drosselte Teheran danach erheblich. In der Wirkung entstand daraus kalkulierter Systemdruck: ausreichend, um die Abfangkapazitäten des Gegners dauerhaft zu belasten, ohne das eigene Arsenal rasch zu erschöpfen. Eine »Arrow 3«-Abfangrakete kostet rund vier Millionen US-Dollar; die iranischen Wirkmittel, gegen die sie eingesetzt wurde, einen Bruchteil davon. Wer einen Kostenkrieg führt, gewinnt auch dann teilweise, wenn seine Angriffe abgewehrt werden – der Verbrauch teurer Abfangraketen ist bereits ein Erfolg.

Das System geriet auch technisch an seine Grenzen. Iranische ballistische Raketen mit autonomen Mehrfachsprengköpfen überforderten das israelische Abwehrsystem »David’s Sling«, das dagegen keine verlässliche Abfangrate erzielte. Gleichzeitig wurde am 4. April ein israelisches Rüstungswerk durch einen iranischen Angriff beschädigt – die statische Infrastruktur der Luftverteidigung erwies sich selbst als verwundbar. Auf US-Seite stellte das Center for Strategic and International Studies fest, dass bei vier von sieben kritischen Munitionstypen möglicherweise mehr als die Hälfte des Vorkriegsbestands verbraucht wurde – und eine Wiederauffüllung ein bis vier Jahre benötigt.

Ironischerweise ist die einzige wirklich neue Waffe, die der westliche Block in diesem Krieg einsetzte – das »Low-cost Uncrewed Combat Attack System«, kurz: LUCAS – eine Kopie der iranischen »Schahed 136«-Drohne. Mit einem Stückpreis von rund 35.000 Dollar und einer Reichweite von etwa 800 Kilometern verkörpert sie genau jenes Prinzip, das Iran zur Überlegenheit verholfen hatte: billig, skalierbar, ersetzbar. Während Milliarden in F-35-Staffeln und »Arrow«-Abfangraketen fließen, bleibt die strukturell entscheidende Lehre des Krieges eine Randnotiz.

Allerdings wäre die Lehre aus dem Iran-Krieg nicht, dass Israel, die USA und die Golfstaaten anders aufrüsten müssten. Die Lehre wäre, dass eine Sicherheitsordnung, die jede Krise in neue Waffenpakete übersetzt, selbst Teil des Problems ist. Der Krieg hat gezeigt, wie verwundbar, teuer und abhängig diese Ordnung ist. Doch Israel, die USA und die Golfstaaten antworten nicht mit Deeskalation, regionaler Verständigung oder Abrüstung – sondern mit noch mehr Flugzeugen, Abfangraketen, Radaren und Nachschublinien.

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Erschienen in der Ausgabe vom 08.05.2026, Seite 7, Ausland

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