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07.05.2026
- → Kapital & Arbeit
Gefährdetes grünes Paradies
Infrastrukturprojekt der Regierung Indiens bedroht Umwelt und Indigene auf abgelegener Insel
Seine Anklage galt Premierminister Naredna Modi und seiner hindunationalistischen Bharatiya Janata Party: Von »einem der größten Skandale und schwerwiegendsten Verbrechen am natürlichen und indigenen Erbe des Landes« sprach der Oppositionsführer im Unterhaus des indischen Parlaments, Rahul Gandhi von der Kongresspartei (INC), als er am 28. April Groß Nikobar besuchte. Die zum Unionsterritorium Andamanen und Nikobaren gehörende Insel gilt als eines der letzten intakten Naturparadiese des rasant auf Entwicklung nach westlicher Lesart getrimmten Landes. Doch damit könnte es bald vorbei sein. Denn die Regierung Modi plant, Indiens strategische Stellung im gleichnamigen Ozean mit neuer Infrastruktur auf der Insel zu festigen.
Groß Nikobar liegt 1.600 Kilometer vor der Küste des indischen Subkontinents, ist das südlichste und mit rund 1.000 Quadratkilometern zudem das größte Eiland der Nikobaren, wird aber nur von 9.500 Menschen bewohnt. Nahezu 85 Prozent der Inselfläche umfasst das artenreiche Groß-Nikobar-Biosphärenreservat. In der Bucht des Flusses Galathea, der das Biotop mit Wasser versorgt, soll ein riesiger Hafen gebaut werden: einerseits ein Containerterminal, andererseits als militärischer Vorposten eine Marinebasis. Ergänzt werden soll er durch einen Flughafen, außerdem eine ganze neue Stadt, die die neuen Infrastrukturen miteinander verbindet und jene Menschen behausen kann, die sie gewinnbringend betreiben sollen.
Dass Gandhi, der Sohn, Enkel sowie Urenkel dreier ehemaliger Regierungschefs, seine ganze Prominenz gegen das als »Great Nicobar Island Development Project« betitelte Vorhaben in die Waagschale wirft und sich extra dorthin begab, um in einem Social-Media-Post vor einem uralten Baumriesen im bedrohten Regenwald zu posieren, schmeckt den Verantwortlichen gar nicht. Deren eher auf Geheimniskrämerei orientierten Ansatz brandmarkte Gandhi ebenfalls. Er forderte eine parlamentarische Debatte darüber, was da fernab der öffentlichen Wahrnehmung alles schieflaufe und was für Menschen vor Ort sowie das einzigartige Ökosystem auf dem Spiel stehe.
Gründe für das Megaprojekt lieferte am Mittwoch ein Meinungsbeitrag in der Zeitung The Statesman. Erinnert wurde daran, dass 60 Prozent des indischen Seehandels über die Straße von Malakka liefen. Auf Groß Nikobar einen Hafen zu bauen, der von Colombo, Singapur und dem malaysischen Klang etwa gleich weit entfernt liegen würde, verspreche reichlich Handel und damit Geld. Immerhin wickelten die dortigen Häfen 70 Prozent des indischen Frachthandels per Schiff ab. Ferner müsse China militärstrategisch Paroli geboten werden, warb die Zeitung ganz unverhohlen für mehr Säbelrasseln. Die Volksrepublik mag Bündnispartner innerhalb der BRICS sein, ist regional aber Hauptrivale, mit dem es an mehreren Stellen sogar Grenzkonflikte gibt.
Umweltbedenken und Bedrohungen vor allem zweier indigener Gemeinschaften, der Shompen und der Nikobaresen, wurden beim Statesman schlicht abgetan. Doch bei den »wenigen hundert Menschen«, wie es dort hieß, geht es eben um komplette Kulturen, die schlimmstenfalls vor ihrer Auslöschung stehen. Nicht erst seit dem Besuch Gandhis gibt es erhebliche Zweifel, ob bei den erteilten Genehmigungen für das Projekt alles mit rechten Dingen zuging. Sein Parteikollege und INC-Generalsekretär Jairam Ramesh, ein früherer Umweltminister, warf der Modi-Administration vor, sie habe Karten gefälscht, um Korallenvorkommen, die das Projekt stören könnten, zu unterschlagen.
Ramesh hatte gesammelte Bedenken schon im September 2024 an das zuständige Ministerium gesandt. Die Hauptstadt Delhi, wo dieses residiert, ist 3.500 Kilometer oder 14 Stunden Anreiseweg von Groß Nikobar entfernt. »Der Schutz indigener Gemeinschaften ist zentral für unsere Planung«, hieß es in amtlichen Statements wiederholt. Doch die Angst der Betroffenen vor Ort ist groß – mit Gandhi haben sie nun einen landesweit bekannten Fürsprecher. Der mögliche Schaden gehe weit über das Projektgelände hinaus und drohe, das Gleichgewicht des Gesamtökosystems der Insel langfristig zu zerstören, zitiert ihn die Nachrichtenagentur PTI.
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