Der Tod aus dem Wasserhahn
Von Thomas Berger
Auf mittlerweile 20 soll am Mittwoch die Zahl der Todesopfer durch kontaminiertes Leitungswasser in Indore gestiegen sein. Damit hält die Ende 2025 ausgebrochene Krise in der zum zentralindischen Bundesstaat Madhya Pradesh gehörenden Großstadt auf hohem Niveau an. Eine knapp dreistellige Zahl an Patienten wird in Krankenhäusern stationär betreut. Allein am Mittwoch waren 16 Intensivpatienten dazugekommen, nach 15 am Montag und sieben am Sonntag. Drei der neu eingelieferten Patienten werden zusätzlich beatmet. Dass die Behörden erst sechs Todesfälle offiziell eingeräumt haben, trägt mit unterschiedlichen im Umlauf befindlichen Zahlen zur allgemeinen Verwirrung bei. Die meisten einheimischen Medien berufen sich bei den Angaben der Todesopfer auf die Zahlen, die von Familien und Nachbarn im betroffenen Stadtteil Bhagirathpura genannt werden.
Inzwischen hat sich der High Court, das höchste Gericht im Bundesstaat, eingeschaltet und Erklärungen verlangt. Im Statement der Regionalregierung, die von der hindunationalistischen Bharatiya Janata Party (BJP) von Indiens Premier Narendra Modi gestellt wird, ist sogar von nur vier Toten die Rede – obwohl es in Medienberichten heißt, mittlerweile hätten 18 Familien die Kompensationszahlung von 200.000 Rupien pro Todesfall, umgerechnet 2.000 Euro, erhalten.
Bhagirathpura ist ein eher ärmliches, dichtbesiedeltes Viertel mit etwa 15.000 Menschen im 2,2 Millionen Einwohner zählenden Indore, das eigentlich zu den saubersten indischen Großstädten gehört. Mit diesem positiven Ruf könnte es nach dem aktuellen Skandal vorerst vorbei sein. Er hat sich über Wochen zugespitzt: Erste Beschwerden über trübes und übelriechendes Wasser aus den Leitungen hatte es am 25. Dezember gegeben. Zwei, drei Tage später gab es die erste Welle von Übelkeits- und Durchfallsymptomen, kurz vor dem Jahreswechsel waren es bereits 1.000 Betroffene insgesamt und etwa 100, die im Krankenhaus stationäre Hilfe benötigten. Vor ein paar Tagen wurde dann der mutmaßliche Auslöser bekannt: Durch ein Leck im Abwasserrohr einer ohne septischen Tank errichteten Toilette an einer Polizeistation sollen Keime und andere Schadstoffe in die darunter liegende, ebenfalls undichte Haupttrinkwasserleitung des Viertels gelangt sein. Die große Anteilnahme an dem Unglück landesweit liegt auch darin begründet, dass Lecks in den oft viele Jahrzehnte alten Leitungssystemen in fast allen größeren Städten Indiens ein ernstes Risiko darstellen.
Was die Krise in Indore zum Skandal macht, ist demzufolge längeres Wegschauen. Wie inzwischen bekanntwurde, hatte schon ein Rechnungshofbericht 2019 konstatiert, dass Druckverluste in den Wasserleitungen offenkundig auf etliche Lecks zurückzuführen seien. Getan hatte sich danach aber nichts. Entsprechend wird der Fall immer mehr zum Politikum. Der BJP-geführten Regionalregierung und lokalen Behörden werden nicht nur Versäumnisse im konkreten Krisenmanagement vorgeworfen, sondern auch Untätigkeit im Angesicht bekannter Mängel. Gerade sauberes Trinkwasser sei keine Gefälligkeit, sondern ein menschliches Grundrecht, hatte Rahul Gandhi, Führungsmitglied der oppositionellen Kongresspartei (INC), den derzeit Regierenden vorgehalten. Der INC fragte am Mittwoch kritisch nach, ob Informationsflüsse an die Weltgesundheitsbehörde (WHO) erfolgt seien, da es unter anderem um Choleraerreger gehe.
Unter anderem im acht Millionen Einwohner zählenden Hyderabad, wo es ein sehr weitverzweigtes altes Leitungsnetz gibt, ist man jetzt alarmiert, verlautete von dort. Am Donnerstag sorgten zudem ein vermehrter Ausbruch von Durchfallerkrankungen in Greater Noida am Rande der Hauptstadt Delhi für neue Unruhe. Er wird ebenfalls auf verschmutztes Leitungswasser zurückgeführt.
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