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Katholische Kirche

Eine »KI-Sozialenzyklika«?

Papst Leo XIV. warnt in seiner ersten Enzyklika vor neuen Formen der Sklaverei durch künstliche Intelligenz

Foto: Kenny Katombe/Reuters
Kobaltabbau für KI-Hardware (Tulwizembe in der Provinz Katanga, Demokratische Republik Kongo)

Nach gut einem Jahr im Amt als Oberhaupt der katholischen Kirche hat Papst Leo XIV. seine erste Enzyklika herausgegeben. Veröffentlicht wurde sie am Montag, datiert ist sie auf den 15. Mai. Ein symbolträchtiges Datum. Denn an diesem Tag war es 135 Jahre her, dass sein Namensvorgänger Leo XIII. seine Enzyklika »Rerum novarum« (»Geist der Neuerung«) veröffentlichte. Damit widmete sich Leo XIII. Fragen des Klassenkampfes und legte die Grundlagen für die katholische Soziallehre. Manche Experten bezeichnen das neue Schreiben jetzt schon als »KI-Sozialenzyklika«. Denn darum geht es: künstliche Intelligenz.

In seiner Enzyklika »Magnifica Humanitas« hat Papst Leo XIV. zur »Entwaffnung« dieser neuen Technologie aufgerufen. Leo XIV. kritisiert in der 130 Seiten umfassenden Schrift »ein Wettrennen um den leistungsfähigsten Algorithmus und die größte Datenbank«, um einen »geopolitischen oder kommerziellen Vorsprung« zu erzielen. »Entwaffnen bedeutet nicht, auf die Technologie zu verzichten, sondern zu verhindern, dass sie den Menschen beherrscht«, mahnte der Papst. KI solle »menschenfreundlich«, für alle zugänglich und offen für Diskussionen und Debatten sein.

Die Schrift ist Grundlage für die katholische Lehre und für eine langfristige Auseinandersetzung mit dem Thema. Die Veröffentlichung erfolgt nach mehreren Jahren kirchlicher Studien zu dem Thema, schon 2020 hatte der Vatikan den »Römischen Aufruf für KI-Ethik« veröffentlicht.

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Leo XIV. warnte nun vor »neuen Formen der Sklaverei« durch KI und den digitalen Wandel. Mehr Effizienz oder Innovation seien keine Rechtfertigung für »eine Kette der Ausbeutung, die absichtlich im Verborgenen gehalten wird«. In einigen Weltregionen arbeiteten Kinder und Jugendliche unter gefährlichen Bedingungen, um seltene Erden zu schürfen. »Gezeichnete, verstümmelte und ausgelaugte Körper, damit der Rechenfluss nicht unterbrochen wird«, prangerte der Papst an. In diesem Zusammenhang bat Leo XIV. um Entschuldigung dafür, dass die katholische Kirche jahrhundertelang gezögert habe, die Sklaverei zu verdammen, und selbst bis ins Mittelalter Sklaven gehalten habe.

Der Papst geht in seiner Enzyklika auch auf KI-gestützte Waffensysteme ein: Es sei »nicht zulässig, todbringende Entscheidungen« der Technik zu überlassen. Das katholische Kirchenoberhaupt rief zudem dazu auf, die Theorie des »gerechten Krieges« zu überwinden.

Bei der Vorstellung der Enzyklika im Vatikan war Leo selbst dabei – ein Novum für die Kirche. Anwesend war auch der Mitgründer des KI-Konzerns Anthropic, der Techmilliardär Chris Olah. Das Unternehmen liegt im Streit mit der US-Regierung, weil es seine KI-Modelle nicht uneingeschränkt zur Massenüberwachung im Inland und für vollautonome Waffensysteme zur Verfügung stellen will.

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Erschienen in der Ausgabe vom 26.05.2026, Seite 8, Kapital & Arbeit

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→ Leserbriefe
  • Reinhard Hopp aus Berlin 27. Mai 2026 um 13:02 Uhr
    Bei aller sowohl diesem Werk als auch dem Ereignis zukommenden Bedeutung sollte man angesichts der rund zweitausendjährigen Geschichte der Kirche jedoch eines niemals vergessen. Es geht nicht primär um das Wohl der Menschen, schon gar nicht um deren »Seelenheil«. Es geht um Macht! Schließlich ist Leo XIV. der gegenwärtige CEO des größten und ältesten Konzerns der Welt. Und diese Macht wird seit einigen Jahren zunehmend von ein paar Häretikern aus dem Silicon Valley massiv angegriffen. Als »Yankee« weiß Leo nur allzu gut, was das bedeutet und welche Gefahr von dort droht. Insbesondere lässt sich die Enzyklika Papst Leo XIV. lesen als eine Reaktion des Vatikans auf die seit der Erfindung des Internets entstandene Machtverschiebung zwischen Rom und der zweiten »Neuen Welt«, der Digitalen Diktatur, ausgeübt von einer Handvoll Tech-Despoten, welche nichts Geringeres anstreben als die totale Weltherrschaft, d.h., die alleinige Macht über den Planeten Erde und das Universum. Da bleibt immer weniger Raum mehr für herkömmliche Götter und deren selbsternannten »Stellvertreter auf Erden«. Und die neuen Götter sind keine abstrakten Figuren und Konstruktionen im Jenseits, sondern konkrete, im Hier und Jetzt auf Erden wirkende äußerst kreative radikale Akteure. Deren Programm besteht nicht aus vagen unbeweisbaren Verheißungen im Jenseits, sondern aus irreversiblen (Um-)Gestaltungen im Diesseits. Ihre Waffe ist das Geld – unfassbar viel Geld! Mit diesen Massen von Geld lässt sich jede Wahrheit steinigen und jede Lüge als die reine und ultimative »Wahrheit« (= »alternative Fakten«) verkünden. Die daraus resultierende Gefahr für die Kirche: Der zunehmende Verlust des bisherigen Interpretationsmonopols der Welt (= »des Himmels und der Erde«). Wie ernst die Kirche diese Bedrohung nimmt und wie früh sie diese Gefahr bereits erkannt hat, verrät der Hinweis in den Nachrichten der letzten Tage, dass der Vatikan schon seit zehn Jahren mit den Tech-Gangstern im »Dialog« sei.
  • Doris Prato 27. Mai 2026 um 11:00 Uhr
    Während Leo XIV. bei der Vorstellung seiner Enzyklika Magnifica humanitas die Menschenrechte und die Achtung des Völkerrechts ansprach, hat er vorher den Dekreten zur Seligsprechung von 80 während des spanischen Bürgerkrieges 1936–39 ums Leben gekommenen Katholiken als Märtyrer zugestimmt. Vatikan News hatte zum ersten Jahrestag seines Pontifikats geschrieben, er gehe die weltweiten Herausforderungen auf »durchdachte und sorgfältige Art« an und dabei sei zentrales Thema, dass sich unter Papst Leo wieder mehr »an der Tradition orientiert« wird. Danach ist also seine Reaktion auf die Unterstützung des faschistischen Putsches Francos gegen die bei den Corteswahlen 1936 mit großer Mehrheit gewählte Regierung der Volksfront durch den Klerus eine »durchdachte und sorgfältige Art«, sich an der »Tradition« zu orientieren. Kennt dieser Papst wirklich nicht den Aufruf Pius XI. zur Unterstützung der Putschisten und seine Zusammenarbeit mit Mussolini und Hitler? Oder dass die spanische Jesuitenzeitschrift Civiltà Cattolica am 2. Januar 1937 den Putsch als »eine hundertmal gesegnete und ruhmreiche Haltung« feierte. Dass das klerikalfaschistische Opus Dei (Werk Gottes) acht seiner Mitglieder in die Regierung des »Caudillo« entsandte und der Klerus ihm öffentlich zujubelte und ihn mit dem »Führergruß« Hitlers und Mussolinis begrüßte. Folgt man dieser Voraussage von Vatikan News, dann ist auch die Enzyklika Magnifica humanitas ein Produkt dieser Haltung. In der 1891 von seinem Namensgeber und Leitfigur Leo XIII. erlassenen Enzyklika Rerum novarum ging es auch damals vordergründig um die Auswirkungen der industriellen Revolution, die zu einer verschärften Ausbeutung der Arbeiter führte (die, nebenbei bemerkt, auch heute unter der Anwendung der KI u. a. mit Massenentlassungen eintritt). Die Arbeiter setzten sich dagegen unter den Sozialisten, die sich 1892 zur einheitlichen Sozialistischen Partei zusammenschlossen, die die »Inbesitznahme der Arbeitsmittel (Produktionsmittel)« forderte, erfolgreich zur Wehr. In Rerum Novarum forderte Leo XIII. »der Staat muss sich zum unerbittlichen Hüter des Privateigentums machen«. Die Enzyklika wandte sich gegen »jede Form des Sozialismus«, die als »Pest« gebrandmarkt wurde, und forderte: »Wenn die Massen sich von üblen Doktrinen hinreißen lassen, darf der Staat nicht zögern, mit starker Hand zuzufassen.« Bei der Frage, wie der jetzige Papst Rerum Novarum heute anwenden will, muss man immerhin sehen, dass er bei einem seiner beliebten Rückblicke auf die betonten »Traditionen« weiter zurück ins Mittelalter ging, als er am 4. Oktober 2025 den Gedenktag an den großen Heiligen und Kirchentheoretiker Franz von Assis zum Anlass nahm, ihn als Vorbild für das Wirken im Dienst der katholischen Kirche von heute vorzustellen. Es störte ihn nicht im Geringsten, dass der von Assis gegründete Franziskanerorden mit seiner Niederlassung im Herrschaftsgebiet der Deutschordensritter in Riga deren Christianisierung/Eroberung der Ostgebiete unter dem Motto »Taufe oder Tod« mittrug oder sich an der Verurteilung von Häretikern im Rahmen der Inquisition beteiligte.
  • Musikor 27. Mai 2026 um 07:25 Uhr
    Nach Alexis und Siri kommt der Chatbot, der allwissend, wie Gott, auf alle Fragen eine Antwort hat und eine wohlige und verständnisvolle Beziehungsatmosphäre schafft. Da braucht es keinen Stellvertreter Gottes auf Erden, der Demut vor der Allwissenheit und Güte Gottes befiehlt: Glaube und gehorche! Der diesen Befehl zum geldwerten Eigennutz ummünzt. Also Konkurrenz um Geld und Macht?
  • Onlineabonnent*in Lothar Z. aus H. 26. Mai 2026 um 19:57 Uhr
    Leider wird die Enzyklika »Rerum novarum« Leos XIII., die der Namensvorgänger Leos XIV. 1891 verkündete, auch in diesem Artikel wieder mit »Geist der Neuerung« übersetzt und damit die »KI-Enzyklika« des jetzigen Papstes in einen falschen Zusammenhang gestellt. Leo XIII. wird traditionell als Erfinder der »Katholischen Soziallehre« bezeichnet; mit diesem Begriff wird aber dessen Motivation verschleiert. »Rerum novarum (cupidum esse)« bedeutete im klassischen Latein Ciceros »eine revolutionäre Gesinnung (haben)«. Leo XIII. wird – zumal als Italiener – diesen Sprachgebrauch gekannt und bewusst benutzt haben. Mit der »Katholischen Soziallehre« versuchte er folglich, dem damals erstarkenden Sozialismus/Kommunismus ein ideologisches Konzept entgegenzustellen. Lothar Zieske
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