Zum Inhalt der Seite
Außergerichtliche Tötungen

Fischer als Geiseln

Überlebende von US-Angriffen im Pazifik berichten von Verschleppung und Folter. US-Armee tötet bei jüngsten Bombardements fünf Menschen.

Foto: US Southern Command via X/Handout via REUTERS
Gemeinsame Operation: Seit der Amtsübernahme Noboas ist das US-Militär wieder in Ecuador aktiv (3.5.2026)

Das US-Militär setzt seine Angriffe auf angebliche Drogenboote in der Karibik und im Pazifik unvermindert fort. Bei zwei weiteren Attacken vor Lateinamerika hat die US-Armee zu Beginn dieser Woche abermals fünf Menschen getötet. Beim Angriff auf ein ziviles Boot im Ostpazifik, das angeblich »entlang bekannter Schmuggelrouten« an Drogenoperationen beteiligt gewesen sein soll, seien drei »Narcoterroristen« getötet worden, erklärte das Südkommando der US-Streitkräfte (Southcom) am Dienstag (Ortszeit) auf X. Bei einem ähnlichen Angriff waren am Montag in der Karibik zwei Menschen getötet worden. Die jüngsten Bombardements sind Teil einer seit September 2025 laufenden Angriffsserie der Trump-Regierung, der bereits mehr als 190 Menschen zum Opfer fielen. Beweise dafür, dass mit den später versenkten Booten tatsächlich Drogen transportiert wurden, konnte Washington bislang nicht vorweisen.

UN-Vertreter stufen die Angriffe als völkerrechtswidrige außergerichtliche Hinrichtungen ein. Sie heben hervor, dass sich die Attacken gegen Zivilisten richteten, die keine unmittelbare Gefahr für die USA darstellten. Auch in den Vereinigten Staaten selbst werfen Kritiker Trumps Soldateska zunehmend schwere Menschenrechtsverletzungen vor. Eine Anhörung im US-Repräsentantenhaus eskalierte am Mittwoch vergangener Woche, als der demokratische Abgeordnete Bill Keating aus Massachusetts Kriegsminister Pete Hegseth wegen der Bombardierung ziviler Schiffsbesatzungen anprangerte und dessen Rechtfertigungsversuch dafür als »verworrenen Unsinn« bezeichnete.

Das US-Südkommando feierte die Attacken hingegen als Erfolge im »bewaffneten Konflikt gegen Kartelle« – und verbreitete auf X Bilder von Explosionen und brennenden Booten. Von der ecuadorianischen Küstenwache längst kontrollierte und zur Weiterfahrt freigegebene Fischerboote wurden von Drohnen und Kampfflugzeugen der USA in Brand gesetzt. Drogen wurden auf keinem der drei angegriffenen Boote gefunden. Angaben zur Identität der Getöteten oder zu einer möglichen Drogenladung blieben auch nach den jüngsten Angriffen aus. Bei der Anhörung im Streitkräfteausschuss hatte Keating dem Pentagon bereits vorgeworfen, keine belastbaren Beweise für die Klassifizierung der Ziele vorzulegen. »Mit jeder dieser außergerichtlichen Tötungen verletzt die Regierung amerikanische Werte«, sagte er. Andere Abgeordnete warnten vor einer weiteren Eskalation militärischer Befugnisse ohne parlamentarische Kontrolle.

Noch schwerer wiegen Vorwürfe, die durch einen Bericht des unabhängigen Portals Drop Site News Ende April öffentlich wurden. Demnach überlebten mehrere ecuadorianische Fischer auf zwei Booten die Angriffe von US-Einheiten – um anschließend verschleppt und gefoltert zu werden. 16 Überlebende der »La Negra Francisca Duarte II« schilderten, wie eine Drohne durch das Kabinenfenster in ihr Boot krachte. Der Fuß eines jungen Mannes wurde getroffen, Fleisch und Knochen lagen frei. Aus Verzweiflung sprangen selbst Nichtschwimmer ins Meer. Als die Männer sich zu einem blauen Patrouillenschiff mit der Aufschrift »Spear« (offenbar benannt nach Trumps »Operation Southern Spear«) retten wollten, wurden sie von US-Soldaten mit gezogenen Waffen in Empfang genommen. Auf dem Schiff seien sie gefoltert worden, hätten Tage in Handschellen auf glühend heißen Metalldecks mit Kapuzen über dem Kopf ausharren müssen.

Auf einem zweiten Fischerboot, der »Don Maca«, spielten sich ähnliche Szenen ab: Nach dem Drohnenangriff hisste die Besatzung eine weiße Flagge. Daraufhin schossen US-Soldaten dennoch mit Druckluftgewehren auf sie – ein Opfer verlor 70 Prozent seines Sehvermögens. Acht Tage lang hielt man die Gefangenen als Geiseln. Medizinische Hilfe und rechtlicher Beistand wurden in den meisten Fällen verweigert. »Sie haben uns wie Tiere behandelt«, klagten die Betroffenen. Schließlich verschleppten die US-Kräfte ihre Opfer 900 Seemeilen weit nach El Salvador – obwohl die Angriffe in ecuadorianischen Gewässern stattfanden. Offenbar führte keines dieser Boote Drogen mit sich, was leicht hätte festgestellt werden können, wenn die Schiffe durchsucht worden wären. Doch damit hielten sich die US-Truppen nicht auf, sondern versenkten die entlastenden Beweise.

Ganz anders bei einem tatsächlichen Drogenschmuggler, der im selben Zeitraum gefasst wurde und Kokain geladen hatte: Dessen Boot wurde nicht bombardiert, die Verdächtigen lebend und unverletzt nach Ecuador zurückgebracht und – zur Selbstinszenierung der Regierung – dort der Presse vorgeführt. Während die Trump-Administration zu diesem Fall schweigt, zeigt sich das Regime von Präsident Daniel Noboa als willfähriger Komplize. Noboa, dessen eigene Firmen in den Drogenhandel verwickelt sein sollen, regiert per Kriegsrechtsdekret und hat alle Nachfragen zum Verbleib verschwundener Fischer abgewimmelt.

junge Welt

Unabhängiger Journalismus braucht deine Unterstützung.

Bezahlmethoden:

Mit Absenden erklärst du dich mit der DSGVO-konformen Datenverarbeitung einverstanden

Erschienen in der Ausgabe vom 07.05.2026, Seite 7, Ausland

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!