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Tarifrunde im Nahverkehr

Weniger ackern, mehr bekommen

Manteltarifvertrag bei Verkehrsbetrieben: Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich auch in der Region Hamburg erstreikt

Von Michael König
Foto: Bodo Marks/dpa
Manche Busse stehen still, weil ein starker Arm es will: Warnstreik in Hamburg (21.3.2026)

Der Streik am Hafengeburtstag bleibt aus. Zum größten Hafenfest der Welt in Hamburg fahren die Busse am kommenden Wochenende ordnungsgemäß nach Fahrplan. Die Gewerkschaft Verdi hat den angedrohten Ausstand im Nahverkehr nach einer Einigung mit den Verkehrsbetrieben Hamburg-Holstein (VHH) abgeblasen. Die Busfahrer hatten ein Ultimatum bis vergangenen Sonntag gestellt, am Mittwoch wurde dann ein neuer Manteltarifvertrag ausgehandelt – in der mittlerweile neunten Verhandlungsrunde.

Kernpunkte der Einigung sind eine Kürzung der Wochenarbeitszeit von 39 auf 38 Stunden in zwei Schritten bei vollem Lohnausgleich, eine Reduzierung von Teildiensten auf maximal 13 Stunden plus einer Zulage von 15 Euro sowie ein Vorziehen des Nachtzuschlags von 22 Uhr auf 21 Uhr. Außerdem soll die steuer- und abgabenfreie Entlastungsprämie aus der Feder der Merz-Regierung in Höhe von 1.000 Euro in zwei Schritten ausgezahlt werden. Vom Konzern geforderte Verschlechterungen sind vom Tisch, etwa die Ausweitung der Dienstzeiten und der erweiterte Pausenabzug.

Das Ergebnis zeige, »dass auch in Zeiten massiver Angriffe auf die Arbeitsbedingungen trotzdem Arbeitszeitverkürzungen und Entlastung durchsetzbar sind«, sagte Verdi-Hamburg-Verhandlungsführerin Irene Hatzidimou und wies darauf hin, dass nun die Mitglieder befragt würden. »Die Tarifauseinandersetzungen werden immer härter«, kommentierte ihr Kollege von Verdi Nord, Sascha Bähring, den Marathon über neun Verhandlungsrunden. Immer wieder fanden Warnstreiks statt. »Schon Ende des Jahres gehen wir in die Entgelttarifrunde, wo wir weitere Verbesserungen für uns erreichen wollen«, kündigte Busfahrer Dirk Wiedenhöft von der Tarifkommission weitere Arbeitskämpfe an.

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Die auch in Hamburg fahrenden Kollegen bei der Hochbahn AG hatten bereits Ende März einen Tarifabschluss erzielt. Dort wurden Mantel- und Gehaltstarif gleichzeitig verhandelt. Beide Unternehmen sind ganz bzw. mehrheitlich im Besitz der Stadt Hamburg. Bei der Hochbahn wurde eine 50prozentige Kostenübernahme des Deutschlandtickets sowie eine Erhöhung des Weihnachtsgelds auf ein ganzes Monatsgehalt bis 2032 in vier Schritten vereinbart. Außerdem setzten die U-Bahn- und Busfahrer dort drei Prozent mehr Lohn durch, mindestens jedoch 130 Euro, rückwirkend zum 1. Januar 2026 sowie 2,4 Prozent mehr Geld, mindestens 110 Euro, zum 1. Januar 2027. Die Lohnerhöhungen laufen über 24 Monate.

Zuletzt kam es Mitte April zu Einigungen in Bayern und Mecklenburg-Vorpommern. Im Südosten steigen die Löhne über 24 Monate um sieben Prozent. »Wir hätten uns gerade für die Kolleginnen und Kollegen in den unteren Entgeltgruppen eine stärkere Erhöhung gewünscht«, zeigte sich Verdi-Verhandlungsführerin Katharina Wagner zurückhaltend. Außerdem sinkt die Wochenarbeitszeit ab Anfang 2029 von 38,5 Stunden auf 37,5 Stunden. Schließlich steigt der Sonntagszuschlag auf 30 Prozent. Im Nordosten wird wie bei den VHH die 38-Stunden-Woche eingeführt. Löhne und Gehälter steigen 2028 und 2029 um jeweils 2,5 Prozent, mindestens jedoch um 100 Euro. Das Weihnachtsgeld wird auf 92,5 Prozent eines Monatslohns erhöht. Trotz der äußerst moderaten Lohnentwicklung hält Bähring von Verdi Nord das Ergebnis für »gut und für beide Seiten vertretbar«.

Verdi war zu Jahresbeginn in fast der ganzen Republik mit der Forderung nach Arbeitszeitverkürzung in die Manteltarifrunde eingestiegen und hatte mit nahezu bundesweiten Warnstreiks in der kalten Saison erheblichen Druck aufgebaut. Hauptsächlich ging es um bessere Arbeitsbedingungen, in manchen Unternehmen und Regionen auch um höhere Löhne. Dabei konnten nahezu durchweg bessere Ergebnisse als im öffentlichen Dienst der Länder erzielt, die Lücke zur Industrie indes nicht geschlossen werden. Weder im Staatsdienst noch in der Privatwirtschaft haben es die Gewerkschaften auf einen unbefristeten Erzwingungsstreik ankommen lassen. Ob nach Jahren des Verzichts darauf die Fähigkeit dazu überhaupt noch besteht, bleibt offen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 07.05.2026, Seite 5, Inland

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  • Onlineabonnent*in Marion F. aus M. 8. Mai 2026 um 07:42 Uhr
    Zu der Einigung im TV-N Bayern gehört die Arbeitszeitverkürzung um 1 Stunde ab 2029 (!). Was sich bis dahin tut, wird sich zeigen. Aber auch, wenn das Entgelt bereits ab 2028 wieder verhandelt werden kann, wird dieser wie andere Punkte, die erst später kommen, dann nochmal angerechnet werden. Außerdem kommt mit der Verkürzung auch eine »freiwillige« Verlängerung der Arbeitszeit bis zu 42 Stunden. Dies war bereits im öD in den Tarifvertrag geschrieben worden, dort allerdings mit Zuschlagsregelungen für jede Stunde über Normalarbeitszeit. Für die Arbeitgeberseite in vielen Städten und Betrieben zu viel, so dass dies keine Anwendung findet. Dies wird nun beim TV-N Bayern ohne Zuschläge anders sein. Der Arbeitgeber wird die Option ziehen und viele Beschäftigte auch, angesichts sinkender Reallöhne. Da wird die »Verteidigung des 8-Stunden-Tages« zur leeren Wort-Hülse. Und bei der nächsten Tarifrunde zum öD wird das sicher auf den Tisch gelegt, genauso übrigens wie der Tarifvertrag zur Landes- und Bündnisverteidigung mit der HIL.
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