Wie weit sind Sie von einer Einigung entfernt?
Interview: Michael König
Bundesweit legten in den vergangenen Wochen Fahrer verschiedener Nahverkehrsunternehmen die Arbeit nieder – besonders in Hamburg. In der Hansestadt streikten diese Woche die Bus- und U-Bahn-Fahrer der Hamburger Hochbahn AG für mehr Geld. Gleichzeitig sind die Busfahrer der Verkehrsbetriebe Hamburg-Holstein, VHH, im Ausstand. Worum geht es bei deren Arbeitskampf?
Bei der Hochbahn geht es um den Mantel- und den Entgelttarifvertrag. Wir haben hier, wie fast überall, den Manteltarifvertrag gekündigt und wollen nun neue Arbeitszeiten, Schichtlängen und Zulagen durchsetzen.
Sie verlangen in dieser Tarifrunde eine 35-Stunden-Woche. Wie hat die Unternehmensseite darauf reagiert?
Jetzt arbeiten die Kolleginnen und Kollegen im Busunternehmen 39 Wochenstunden. Wir bekamen lediglich das Angebot, die Wochenarbeitszeit um nur eine halbe Stunde zu reduzieren – und das erst 2030. Für umliegende Busunternehmen, wie zum Beispiel die Hochbahn, kommt bereits 2027 die 37-Stunden-Woche.
Außerdem sollen die Zulagen steigen, und die Höchstdauer der Schichten soll sich verringern – was wollen Sie genau erreichen?
Wir fordern, die Jahressonderzahlung – das Weihnachtsgeld unter anderem Namen – auf 100 Prozent eines Monatslohns zu erhöhen und ein Urlaubsgeld in Höhe von 50 Prozent einzuführen. Zudem fordern wir 25 Euro Zuschlag für geteilte Dienste, also wenn an einem Tag zweimal gearbeitet wird. Schließlich soll die Schichtlänge auf zwölf Stunden und 30 Minuten begrenzt werden. Derzeit liegt sie inklusive Pausen bei 13 Stunden und 20 Minuten.
Am Dienstag und Donnerstag blieben Hochbahn-Busse im Depot. Am Mittwoch organisierte die Gewerkschaft einen Warnstreik in einigen Betriebshöfen der VHH, und die U-Bahn-Fahrer bei der Hochbahn traten in den Ausstand. Auch wenn es zwei verschiedene Tarifkämpfe sind, sprechen beide von Wellenstreiks. Was ist der Zweck dieser Arbeitskampfmaßnahme?
Wir kündigen zwar frühzeitig an, dass die Arbeit niedergelegt wird, jedoch nicht, wo. Das geben wir erst kurzfristig bekannt. Über einige Wochen wiederholen wir das in mehreren Wellen. Da nur Teile der Belegschaft zum Streik aufgerufen sind, haben wir einen längeren Atem, wenn die Arbeitgeber uns nicht entgegenkommen.
Das Unternehmen VHH ist in Hamburg und im Umland tätig. Sie grenzen den Ausstand jeweils auf bestimmte Regionen ein. Wo kam es am Mittwoch zu Einschränkungen?
Während am Dienstag die Hochbahn-Kollegen im Westen und Norden Hamburgs die Arbeit niedergelegt hatten, wurden am Mittwoch die VHH-Busfahrer im Hamburger Osten und im Herzogtum Lauenburg, besonders in der Gegend um Geesthacht, zum Arbeitskampf aufgerufen.
Dennoch hatten die Verkehrsbetriebe Hamburg-Holstein schon vor dem Streik öffentlich angekündigt, die Schulbusse fahren zu lassen. Wie kommt es zu solchen Extratouren? Haben Sie das miteinander vereinbart?
Nein. Es werden Verwaltungsangestellte mit Busführerschein als Streikbrecher eingesetzt. Andernorts heißt es einfach, es ist Streik, und die Eltern stellen sich darauf ein. Die VHH wollen den Schülerverkehr aufrechterhalten, ohne ihn garantieren zu können.
Sie haben bereits dreimal verhandelt, jetzt liefen mehrere Streikwellen, und Sie wollen nächste Woche wieder in den Ausstand treten. In anderen Branchen eskaliert die Lage nicht so schnell. Wie weit sind Sie von einer Einigung beim nächsten Gesprächstermin mit den VHH am 26. Februar entfernt?
Das ist schwer abzuschätzen, da diese Verhandlungen mit den vorherigen kaum vergleichbar sind. In der Coronazeit wurden die Busfahrer noch beklatscht, und die Klimabewegung sah in den Busfahrern ihre natürlichen Verbündeten. Davon ist nicht viel übrig geblieben. Die Balkonklatscher haben sich wieder auf das Sofa zurückgezogen, und über das Klima wird kaum noch geredet. Aber die Busfahrer sind motiviert. Wenn wir am 26. Februar keinen Abschluss hinbekommen, dann eben nach den nächsten Streiks.
Domenico Perroni ist Gewerkschaftssekretär für Busse und Bahnen im Fachbereich Verkehr von Verdi Hamburg
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