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Konversion

Geheimniskrämerei bei VW Osnabrück

Rheinmetall zieht Übernahmepläne zurück. Gerüchte um weiteren Interessenten aus Rüstungsbranche. Belegschaft verunsichert

Von Michael König
Foto: Swaantje Hehmann/IMAGO
VW Osnabrück scheint intern schon auf eine Zukunft als Rüstungsschmiede festgelegt zu sein. Nicht alle wollen sich damit abfinden (Osnabrück, 31.1.2026)

Wird die Friedensstadt Osnabrück nun doch nicht zum Rüstungsstandort? Die Kommune in Niedersachsen ist stolz auf ihren Sohn und Schriftsteller Erich Maria Remarque (»Im Westen nichts Neues«) und den Friedensschluss nach dem Dreißigjährigen Krieg 1618–48. Am Donnerstag hat der Waffengigant Rheinmetall seine Pläne zur Übernahme des dortigen Volkswagen-Werks zurückgenommen. Am Freitag wurde auch das Aus eines kleineren Auftrags für gepanzerte Fahrerkabinen bekannt.

Die Kriegsgewinnler wollten ursprünglich sechsrädrige Radpanzer produzieren, verzeichnen aber nicht genügend Nachfrage. Die Zukunft des kleinsten VW-Werks mit 2.300 Beschäftigten in Osnabrück ist wieder völlig offen. Die Produktion von Porsche Cayman und Boxster läuft noch in diesem Jahr aus, mit dem VW T-Roc Cabrio ist Ende 2027 Schluss. Volkswagen-Konzernchef Oliver Blume hatte angekündigt, bis Ende 2026 über das Schicksal des Standorts zu entscheiden.

Verschiedenes ist im Gespräch: So wurden kürzlich zwei neue Militärfahrzeuge auf einer Waffenmesse präsentiert. Die Blaupausen sollen aus den Händen der Osnabrücker Ingenieure stammen. Weiterhin brodeln Gerüchte, ein namentlich unbekannter Player aus der Todesbranche könne die Produktion übernehmen. Darauf bezieht sich die antimilitaristische Gruppierung »Zukunftswerk Osnabrück«, die von einem anonymen Delegationsbesuch in der Fabrik berichtet. Doch auch die Lokalpresse schürt Vermutungen über einen weiteren Interessenten.

Für Verunsicherung sorgt die Geheimniskrämerei um vermeintliche Investoren in der Belegschaft. Die Angst um den eigenen Arbeitsplatz greift weiter um sich. Die Existenz der traditionsreichen Fabrik – früher als Autobauer Karmann bekannt – steht sogar ganz auf der Kippe. Denn die Krise der deutschen Automobilindustrie macht auch vor den Werkstoren in Osnabrück nicht halt. Zwar gibt es Vorschläge von Friedensaktivisten, dort wieder Minibusse zu fertigen. Aber die E-Sammeltaxis der Konzerntochter Moia fahren lediglich in Hamburg. Ein Versuch in Hannover wurde bald wieder eingestampft. Zudem hat VW-Chef Blume vergangene Woche auf einer Pressekonferenz erneut bekräftigt, konzernweit 50.000 Stellen abzubauen, davon 35.000 allein bei Volkswagen selbst.

Aus der Friedensbewegung gibt es seit Jahrzehnten Konzepte, wie militärische in zivile Produktion umgewandelt werden kann – Stichwort Konversion. Das größte Dilemma dabei: Friedens- und Arbeiterbewegung sind inzwischen organisatorisch entkoppelt. Potential bestünde durchaus, so wurde »Zeitenwende«-Kanzler Olaf Scholz (SPD) in seiner Amtszeit regelmäßig bei Auftritten auf gewerkschaftlichen Maikundgebungen als Kriegstreiber ausgebuht.

Nun kommen die einzigen Wachstumsimpulse in der Metallbranche aus dem Hunderte Milliarden Euro schweren Aufrüstungsprogramm der Bundesregierung. Für die Beschäftigten eine Zwickmühle: Die würden gerne weiter Autos bauen, müssten aber trotzdem ihren Lebensunterhalt sichern, beklagt ein langjähriger Gewerkschafter im Gespräch mit jW.

In der Friedensstadt Osnabrück gibt es scharfe Kritik an der Industriegewerkschaft Metall (IGM) und dem Betriebsrat. Diese bildeten eine »Einheitsfront mit Konzernvorstand und Geschäftsführung«, um »möglichst sicher und reibungslos« auf Rüstung umzusteigen, so das Bündnis »Zukunftswerk« in einer Stellungnahme. Die Belegschaft setzt aber andere Akzente – bei den Betriebsratswahlen Ende vergangener Woche erzielte die IG Metall hier nach eigenen Angaben mit 92,5 Prozent das zweitbeste Ergebnis unter allen VW-Standorten.

Begeistert sei man dort von den Umbauplänen nicht. »Die gegenwärtige konjunkturelle Lage lässt allerdings kein Wunschkonzert zu«, so Niedersachsens IGM-Sprecher Jan Mentrup gegenüber jW, »für die Beschäftigten ist jede tragfähige industrielle, tarifgebundene Perspektive besser als der Verlust ihrer Arbeit.« VW-Gesamtbetriebsratschefin Daniela Cavallo befürwortete vor zehn Tagen im dpa-Interview dagegen blumig, »dass Deutschland und Europa unabhängiger werden müssen im Bereich Verteidigung«, auch in Osnabrück. Für den zivilen Autobau in der Friedensstadt ein Totalausfall.

junge Welt

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Erschienen in der Ausgabe vom 16.03.2026, Seite 5, Inland

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