Canceln auf Teufel komm raus
Von Helga Baumgarten
Dumme Verleumdungen durch die Hochschulrektorin in Halle (Saale). Absage einer Veranstaltung an der Universität Bremen. Und jetzt spielt die Linksfraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft mit. Überall dasselbe Bild: Man äußert sich zu Inhalten, Personen, Sachverhalten, über die man sich vorher offensichtlich noch nicht einmal informiert hat. Und bei der Hamburger Linksfraktion wäre das ein Leichtes gewesen: Ein Anruf bei den Veranstaltern der Vorlesungsreihe hätte genügt. Dann hätte man schlicht erfahren, dass die Referentin, in diesem Fall die Autorin dieser Kolumne, aus persönlichen Gründen absagen musste. Eine Kollegin, die eine eigene Vorlesung gibt, konnte einspringen.
Wie kommt die Linksfraktion auf die Idee, dass alle Kollegen, die in dieser Vorlesungsreihe referieren, meine Analysen übernehmen? Welche Vorstellungen hat die Fraktion von wissenschaftlicher Arbeit? Offensichtlich wissen die Mitglieder gar nicht, was das ist. Nehmen wir die Vorwürfe. Sie fordern: »Betroffenen sexualisierter Gewalt wird geglaubt!« Als Wissenschaftlerin glaube ich nicht, ich analysiere. Denn das ist die Aufgabe von Wissenschaft. Avi Shlaim hat das klar formuliert: »Die grundlegende Aufgabe des Historikers besteht nicht darin, aufzuzeichnen, sondern zu bewerten, alle Behauptungen einer rigorosen Prüfung zu unterziehen und zurückzuweisen, was sich als unhaltbar erweist.«
Zum zweiten wird einfach behauptet: »Die sexualisierten Verbrechen am 7. Oktober sind durch Videoaufnahmen, Zeug*innenaussagen, forensische Untersuchungen und internationale Berichte umfassend dokumentiert.« Ich habe alle Berichte zu den Vorwürfen gelesen. Was dabei auffällt, ist eines: Ein Bericht nach dem anderen – die Mehrzahl davon übrigens von Männern, die alle möglichen Behauptungen als Realität präsentiert haben – stellt sich als entweder schlicht erfunden, unglaubwürdig oder als Fehldarstellung heraus. Nachzulesen war all dies im Detail zum Beispiel in der Zeitung Haaretz. Das größte Problem: Bis heute verweigert Israel eine internationale Kommission zur Untersuchung all der Vorwürfe zu Vergewaltigungen und zur Gewalt am 7. Oktober 2023 generell. Wir sind daher in einer Situation, in der keine abschließenden Analysen möglich sind und von daher auch nicht ausgeräumt werden kann, dass es isolierte Vergewaltigungen gab. Und viele Analysen können lediglich auf Basis der Plausibilität erstellt werden.
Warum die Linksfraktion das nicht zur Kenntnis nimmt, ist nicht nachvollziehbar. Eingeleitet wird ihre Erklärung durch eine weitere Behauptung: »Helga Baumgarten ist wegen ihrer Haltung zur Hamas umstritten.« Der Leser fragt sich sofort: Hat eine Wissenschaftlerin eine Haltung zu einem Thema, das sie untersucht? Oder worum geht es in diesem Satz? Und schließlich: Warum ist die eingeladene Referentin »heikel«? Vor allem fragt man sich, was das alles mit dem wichtigen Thema der Vorlesung zu tun hat. In ihr geht es nämlich weder um die Hamas noch um den 7. Oktober noch um die Frage von Vergewaltigungen und gar Massenvergewaltigungen. Das Thema war vielmehr: »Kampf der Palästinenser für Selbstbestimmung und Staatlichkeit«.
Das Recht der Palästinenser auf Selbstbestimmung und damit auch auf einen eigenen Staat ist nach internationalem Recht garantiert. Das gilt in besonderem Maße, da der Internationale Gerichtshof im Juli 2024 klar geurteilt hat, dass die israelische Besetzung der Westbank, Ostjerusalems und Gazas, die im Junikrieg 1967 den Palästinensern aufgezwungen wurde, von Anfang an illegal war und gegen internationales Recht verstößt. Deshalb wird Israel auch aufgefordert, die Besetzung baldmöglichst zu beenden. Oder betrachtet die Linksfraktion das auch als heikel, umstritten und rote Linien überschreitend? Hat die Linksjugend nicht gerade jetzt klar Position bezogen zum Völkermord in Gaza und zur Israel- bzw. Palästina-Politik der Bundesregierung? Oder gilt das in Hamburg nicht? Erich Kästner hat die passende Antwort auf diese ganze Cancelkultur: »Wer warnen will, den straft man mit Verachtung. Die Dummheit wurde zur Epidemie. Ein Volk versinkt in geistiger Umnachtung.«
Helga Baumgarten ist emeritierte Professorin für Politik der Universität Birzeit und schreibt an dieser Stelle wöchentlich ihre Kolumne »Brief aus Jerusalem«
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Wolfgang Schlenzig aus Berlin-Mariendorf (23. November 2025 um 10:08 Uhr)Ich danke Frau Baumgarten für die regelmäßigen, klarsichtigen und aufrüttelnden Berichte aus Israel und den palästinensischen Gebieten. Ihre Behandlung in Deutschland ist symptomatisch für die Wirkung deutscher, falscher, einschüchternder Politik auf die Menschen hier. Solidarität mit Palästina ist in Deutschland ein Verbrechen. Die Lesart ist: Alles hat erst am 7.10.2023 angefangen, die palästinensische Attacke kam völlig unverständlich aus dem Nichts, denn davor war nichts als Frieden zwischen den Bevölkerungen. Leider verfängt das bei vielen in der Bevölkerung.
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