Es bleibt in der Familie
Von Gabriel Kuhn
Frühjahrsbeginn bedeutet Ende der Weltcupsaisons im Skisport. Die Nordischen Kombinierer gingen vor zwei Wochenenden am Holmenkollen in Oslo zum letzten Mal an den Start, eine Woche später folgten die Biathleten am selben Ort und die Langläufer in Lake Placid. Die alpinen Skiläufer beendeten ihre Weltcupsaison vorige Woche in Lillehammer. Es fehlten noch die Skispringer. Sie traten zum letzten Mal am vergangenen Wochenende in Planica an.
Im slowenischen Skisprungmekka findet das Weltcupfinale der Skispringer seit 2018 statt. Gesprungen wird dabei, dem bedeutenden Anlass gerecht, auf der Skiflugschanze. Nachdem es für das gesamte Wettkampfwochenende, das aus einem Qualifikationsdurchgang, zwei Einzelspringen und einem Mannschaftsspringen besteht, eine Gesamtwertung für die insgesamt sieben Wertungssprünge gibt, ist das Weltcupfinale auch als »Planica 7« bekannt. Wobei: Das gilt für die Männer. Erstmals durften in dieser Saison auch die Frauen ihr Weltcupfinale beim Skifliegen in Planica beenden. Für sie gab es jedoch nur einen Wettbewerb. Für die Überfliegerin der Weltcupsaison, die Lokalmatadorin Nika Prevc, reichte das, um mit 242,5 Metern einen neuen Weltrekord bei den Frauen aufzustellen – im zweiten Trainingssprung wohlgemerkt. Erst vor zwei Jahren durften die Frauen nach langem Widerstand zum ersten Mal überhaupt einen Skiflugwettbewerb im Rahmen des Skisprungweltcups austragen.
Prevc gewann nicht nur den Abschlusswettbewerb souverän, sondern auch die Weltcupgesamtwertung. Nach insgesamt neunzehn Einzelsiegen lag sie in der Endabrechnung mehr als 800 Punkte vor der Japanerin Nozomi Maruyama und der Norwegerin Anna Odine Strøm. Nur bei Olympia sollte es für Prevc in den Einzelwettbewerben nicht ganz klappen. Zwar gewann sie auf der Normalschanze Silber und auf der Großschanze Bronze, doch Gold konnte sie sich nur als Teil des slowenischen Mixed-Teams sichern.
Die beste Springerin des Deutschen Skiverbands in der abgelaufenen Saison war Selina Freitag (SG Nickelhütte Auer) auf Gesamtrang fünf. Agnes Reisch (WSV Isny) wurde Siebente. Die siebenfache Weltmeisterin Katharina Schmid (ehemals Althaus) wurde in ihrer letzten Saison Zwölfte. Mit Schmid, die bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele die deutsche Fahne tragen durfte, verabschiedet sich eine Große dieses Sports – und nicht nur wegen der von ihr erbrachten Leistungen. Schmid war eine unermüdliche Kämpferin für die Rechte der Skispringerinnen, die erst seit der Saison 2011/12 eine eigene Weltcupserie haben. Die heute 29jährige war von Anfang an dabei. Dass sie nun genau ein Jahr vor der ersten Vierschanzentournee der Frauen aufhört, für die sie so lange gekämpft hat, beweist, dass die Geschichte ungerecht sein kann. In der Welt der Skispringerinnen ist man sich des Beitrags, den Schmid für diese Entwicklung geleistet hat, jedoch bewusst. Für einen Sieg für die DSV-Springerinnen reichte es in dieser Saison übrigens nicht. Freitag wurde einmal Zweite.
Weltcupgesamtsieger bei den Männern wurde in dieser Saison Domen Prevc, Nikas Bruder. Er war nicht weniger dominant. Vor dem Abschlussspringen am Sonntag, dessen Ergebnis bei Redaktionsschluss noch nicht feststand, hatte er beinahe doppelt so viele Punkte wie sein erster Verfolger, der Japaner Ryoyu Kobayashi. Prevc holte sich neben der Goldenen mit dem slowenischen Mixed-Team bei den Olympischen Spielen auch die Goldmedaille von der Großschanze.
Gold auf der Normalschanze ging bei Olympia an Philipp Raimund (SC Oberstdorf). Es war das perfekte Timing für einen Sieg, im Weltcup hatte Senkrechtstarter Raimund nämlich noch nie einen Wettbewerb gewonnen. Das holte er erst drei Wochen nach Olympia auf der Großschanze von Lahti nach. Zunächst als Zweiter gewertet, profitierte er dort von der Disqualifikation von Domen Prevc, dessen Ski einen Zentimeter zu lang war.
Beim Material nimmt man es im Skispringen seit dem Skandal bei der Nordischen Ski-WM 2025 in Trondheim sehr genau. Damals wurde per heimlicher Videoeinspielung nachgewiesen, dass das norwegische Team Anzüge mit Extranähten manipulierte, um den Springern mehr Auftrieb zu gewähren. In dieser Saison wurden Springer für alles mögliche disqualifiziert: zu lange Ski, zu lange Anzüge, zu große Schuhe. Besonders pikant, dass die zweifache Olympiasiegerin von Predazzo, die Norwegerin Anna Odine Strøm, Ende Dezember in Garmisch-Partenkirchen disqualifiziert wurde, nachdem in einem ihrer Strümpfe eine unerlaubte Sohle entdeckt worden war. Das norwegische Team reichte nachträglich eine medizinische Erklärung für die Sohle ein. Warum sie jedoch in einem Strumpf versteckt wurde, bleibt unklar.
In der Gesamtwertung des Herrenweltcups brachten konstante Leistungen vor dem Abschlussspringen Raimund Platz sieben ein. Zwei Plätze dahinter: Felix Hoffmann (SWV Goldlauter). Für die ehemaligen Spitzenspringer Andreas Wellinger (SC Ruhpolding), Karl Geiger (SC Oberstdorf) und Pius Paschke (WSV Kiefersfelden) lief die Saison gar nicht nach Wunsch. Sie standen vor dem Abschlussspringen in der Weltcupgesamtwertung auf den Plätzen 25, 28 bzw. 29. 2021 hatte Geiger die Planica-7-Wertung noch für sich entscheiden können.
Hatten die enttäuschenden Leistungen der Routiniers etwas mit Cheftrainer Stefan Horngacher zu tun? Schwer zu sagen. In jedem Fall darf sich im kommenden Jahr jemand anderer um den Wiederaufbau kümmern. Horngacher hört auf. Anlässlich des Weltcupabschlusses in Planica meinte DSV-Sportdirektor Horst Hüttel, dass die Bekanntgabe seines Nachfolgers kurz bevorstehe, doch: »Wir stehen direkt vor der Zielgeraden, aber wir sind noch nicht drüber. Es gibt noch Dinge, die besprochen werden müssen.« Spannung über den letzten Sprung hinaus.
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