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Aus: Ausgabe vom 27.08.2021, Seite 10 / Feuilleton
Kino

Um den Planeten zu retten

Der Debütfilm »Now« des Fotografen Jim Rakete dokumentiert die liberale Klimarebellion
Von Hannes Klug
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David in der Kohlegrube: Protestaktion von »Ende Gelände« im Tagebau Garzweiler, Juni 2019

Die Klimakrise ist da. Der Zeitpunkt, um zu handeln, ist jetzt. Die Verzweiflung darüber, dass trotz dieses Wissens seitens der politisch Verantwortlichen kaum Relevantes passiert, um die zunehmende Erderwärmung aufzuhalten, wächst mit jedem vergeudeten Tag. Manche ergreift lähmende Zukunftsangst, andere Trauer und wieder andere Wut. Wie Vic Barrett, Aktivist der Organisation »Youth v. Gov« es ausdrückt: »Hier geht es nicht nur um den Klimawandel. Hier geht es um unser Leben und um unsere Zukunft.«

Barrett ist einer der jungen Aktivistinnen und Aktivisten, die der Dokumentarfilm »Now« des als Fotograf bekanntgewordenen Jim Rakete porträtiert. Marcella Hansch wiederum hat ihren Beruf als Architektin aufgegeben, um mit ihrem Unternehmen »Pacific Garbage Screening« die Meere von Plastikmüll zu befreien. Felix Finkbeiner (»Plant for the Planet«) will eine Billion Bäume pflanzen, Nike Mahlhaus versucht, mit der Initiative »Ende Gelände« den Kohlebergbau im Ruhrgebiet zum Stillstand zu bringen. »Gemeinsam sind wir nicht aufzuhalten«, so formuliert es die schwedische Schülerin Greta Thunberg auf dem Podium vor Protestierenden.

Rakete wendet sich in »Now« einem geschichtlichen Moment zu, fertigt dabei ein buntes Generationenporträt an und versucht, den Protagonisten einer heterogenen Bewegung zuzuhören und ihren Stimmen zugleich Gewicht zu verleihen. »Wir kämpfen gegen die mächtigsten Lobbys und die mächtigsten politischen Institutionen der Welt (…) wie David gegen Goliath. Wir können dabei aber auf einzigartige Ressourcen zurückgreifen: Junge Stimmen, junge Köpfe, junge Menschen, die Recht auf eine Zukunft haben.« Mit diesen Worten formuliert Luisa Neubauer, Initiatorin der deutschen »Fridays for Future«-Proteste und wohl das bekannteste Gesicht unter den Klimaaktivistinnen hierzulande, ihre Position.

Stellenweise hat der Debütfilm von Rakete und Autorin Claudia Rinke – damit war zu rechnen – den Vorwärtsdrang eines aufpeitschenden Videoclips. Er zeigt montierte Sequenzen von Demonstrationen und Blockaden, lässt Megaphone sprechen und demonstriert die unwiderstehliche Energie gemeinsamer Aktionen. Jim Rakete hatte immer schon einen Hang dazu, Prominente repräsentieren zu lassen. Das ist auch hier nicht anders. Er vergisst jedoch auch die leiseren Töne nicht. Die Interviews definieren Aktivismus nicht zuletzt als Möglichkeit des Umgangs mit negativen Emotionen und damit als den Versuch, Lähmung und Klimaangst produktiv zu machen und in individuelle, vielleicht gar kollektive Hoffnung zu überführen.

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»Nicht alt genug, um Pornos zu schauen, aber alt genug, um zuzusehen, wie unser Planet gef*ckt wird« – die Klimajugend mag es drastisch (Klimastreik in New York, 20.10.2019)

»Now« ist dabei deutlich mehr als nur ein Stimmungsbild: Er verlässt die Schauplätze des Widerstands und lässt dafür internationale Gesprächspartner zu Wort kommen, die alternative Zukunftsmodelle vorschlagen. Wenn die Weltwirtschaft in ihrer Gesamtheit so destruktiv bleibe wie bisher, stellt etwa der Wirtschaftsanthropologe Jason Hickel klar, nutze auch der Umstieg auf erneuerbare Energien wenig. Ökologie müsse über das Wachstum gestellt werden, ein neuer, ganzheitlicher Wirtschaftsindikator, der ökologische und soziale Kosten einberechnet, müsse als »Genuine Progress Indicator« das Bruttoinlandsprodukt als Ausweis für den Erfolg nachhaltigen Wirtschaftens ersetzen.

Um den Planeten zu retten, so formuliert es der Wirtschaftswissenschaftler und Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus, müsse sich das menschliche Bewusstsein in Rekordzeit weiterentwickeln. Die industrielle Landwirtschaft als Klimasünder Nummer eins muss abgeschafft und die Herstellung von Lebensmitteln von Grund auf neu gedacht werden. Auf sämtlichen Ebenen müssen extraktive durch regenerative Methoden ersetzt werden.

Jim Rakete bringt die jugendliche Klimarebellion ins Kino, ein lobenswertes Unterfangen und hoffentlich der Bewegung zusätzliche Dynamik verleihen kann. Nicht zuletzt versucht er den Brückenschlag zwischen den Generationen und ruft dafür Patti Smith und Wim Wenders als Kronzeugen auf, die der Generation Greta unterstützend beispringen, auch wenn der Film auf deren Gastauftritte gut hätte verzichten können.

»Now«, Regie: Jim Rakete, BRD 2020, 74 Min., bereits angelaufen

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