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Aus: Ausgabe vom 19.03.2026, Seite 16 / Sport
Sportliteratur

Vom Fachmann für den Kenner

Eine andere Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft: Carlos Gomes’ und Glenn Jägers Buch »Griff nach Gold«
Von Gabriel Kuhn
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Bequemer laufen: DDR-Nationalmannschaft in sehr schönen Trainingsanzügen (1957)

Die ersten Seiten von »Griff nach Gold. Die andere Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft« sind eindrücklich. Die Widmung erzählt von Willy Karembeu, dem Urgroßvater von Christian Karembeu, 1998 mit Frankreich Fußballweltmeister. Die Karembeus stammen aus dem französischen Überseegebiet Neukaledonien, und Willy wurde 1931 im Hamburger Tierpark Hagenbeck als »Kanake« zur Schau gestellt. Der Widmung folgt ein Vorwort, das davon erzählt, wie Sklaverei und Kolonialismus die Geschichte des Fußballs prägten.

Die Autoren, Carlos Gomes und Glenn Jäger, rollen die politische Geschichte des Fußballs anhand der Weltmeisterschaften der Herren seit 1930 noch einmal auf. Vieles ist zu dieser Geschichte geschrieben worden, in »Griff nach Gold« folgen Gomes und Jäger einem roten Faden. Es geht um den Versuch, »eine Geschichte des Turniers zu erzählen, in der eine Globalgeschichte des 20. und des bisherigen 21. Jahrhunderts zumindest aufscheint«.

Was den Aufbau betrifft, wird nicht groß experimentiert. Die 23 Kapitel des Buches folgen den bisherigen 22 Weltmeisterschaften der Herren bzw. blicken auf die diesjährige WM in den USA, Kanada und Mexiko. Zu Beginn eines jeden Kapitels wird der historische Kontext umrissen, danach werden die sportlichen Aspekte unter die Lupe genommen. Das Konzept geht auf. Das Buch liest sich flott, und die Einteilung erlaubt es, nach Belieben von Kapitel zu Kapitel zu springen.

Die Autoren zeigen, dass koloniale und rassistische Strukturen den Fußball bis heute prägen, auch wenn sich im Laufe der Jahrzehnte einiges verändert hat. Ein immer wiederkehrendes Thema ist die Überrepräsentation europäischer Teams bei den Weltmeisterschaften. Porträtiert werden Persönlichkeiten, die koloniale und rassistische Strukturen herausgefordert haben: der Uruguayer José Leandro Andrade, in den 1920er Jahren der erste internationale Fußballstar afrikanischer Abstammung; der Chilene Carlos Caszely, dem die Weigerung, Augusto Pinochet die Hand zu schütteln, teuer zu stehen kam; der Algerier Rachid Mekhloufi, der eine Laufbahn im französischen Nationalteam für die im Exil gegründete algerische Auswahl aufgab, die von 1958 bis 1962 zu einer wichtigen Botschafterin des algerischen Unabhängigkeitskampfes wurde.

Für Fußballnerds von besonderem Interesse sind die Abschnitte, in denen Gomes und Jäger den Blick auf die WM-Qualifikationsrunden richten. Hier gibt es jede Menge an spannenden Anekdoten wie die Spiele der Palästina repräsentierenden Auswahlen jüdischer Fußballer in den 1930er Jahren, die Fastteilnahme Indiens 1950 oder die Begegnungen zwischen der Bundesrepublik und dem Saarland 1953/54.

Bei der in »Griff nach Gold« angebotenen Fülle an Material werden auch Kenner der Materie auf Informationen stoßen, die für sie neu sind. Wer hat auf dem Schirm, dass bereits ein knappes Jahrhundert vor der WM in Katar Bauarbeiter beim Bau von WM-Stadien ums Leben kamen? So geschehen in Uruguay vor der allerersten Fußball-WM 1930. Wer weiß, dass Argentinien die WM 1950 verpasste, weil die Spieler gewerkschaftlich organisiert waren und streikten? Wer erinnert sich an Willy Tröger, der einarmig für die DDR auf Torjagd ging, als man noch wenig über Integration im Spitzensport sprach? Wer denkt an die in Deutschland aufgestochenen Autoreifen schwedischer Touristen nach der Niederlage der BRD im Halbfinale der WM 1958? Auch das tragische Flugzeugunglück des sambischen Teams während der Qualifikation für die WM 1994 ist nicht unbedingt Teil des kollektiven europäischen Fußballgedächtnisses. Zu den weiteren Fragen, die das Buch beantwortet, zählen: Warum fand die erste WM eigentlich in Uruguay statt? Warum nimmt England erst seit 1950 an der WM teil? Wie kam es zum Boykott der WM-Qualifikation 1966 durch die afrikanischen Länder?

Besonderes Vergnügen bereitet die Lektüre der Kapitel zu den Weltmeisterschaften vor 1966. Heute sind diese Teil des Mythos von der großen Geschichte des Fußballs. Doch vieles an den Turnieren war von Willkür geprägt: Teilnehmer, Modus, Turnierverlauf. Externe Bedingungen, abenteuerliche Schiedsrichterleistungen, reiner Zufall – alles spielte zusammen. Immer von Relevanz: politische Interessen, besonders deutlich bei Propagandaveranstaltungen wie der WM 1934 im faschistischen Italien. Ein halbes Jahrhundert später, bei der WM 1978 unter der argentinischen Militärdiktatur, war es nicht viel anders.

Gomes und Jäger machen in »Griff nach Gold« deutlich, dass letztlich fast alle Weltmeisterschaften von politischen Protesten begleitet waren, vor allem, wenn man die Qualifikationsturniere miteinbezieht. Dank der chronologischen Darstellung lassen sich die zunehmende Kommerzialisierung des Fußballs (Stichwort: moderne Fußballindustrie) und die Konsolidierung der Macht der FIFA anschaulich nachvollziehen.

Es gibt ein einziges Manko, über das nicht hinweggesehen werden soll, auch wenn dies pingelig erscheinen mag. Aber: Auch die Frauen haben schon neun offizielle WM-Turniere ausgetragen, und es hätte irgendwo im Buch deutlich gemacht werden können, dass es sich hier ausschließlich um eine Geschichte der Weltmeisterschaften der Männer handelt. Muss nicht im Titel sein, wenn das zu gestelzt wirkt, aber eine Erwähnung im Vorwort hätte nicht wehgetan. Klar, alle setzen voraus, dass es um die Weltmeisterschaften der Männer geht – aber genau dort liegt das Problem. Ansonsten: sehr gutes Teil!

Carlos Gomes und Glenn Jäger: Griff nach Gold. Die andere Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft. Papyrossa-Verlag, Köln 2026, 416 Seiten, 28 Euro

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